Sekten : Wie gefährlich ist Scientology?

18.01.2012 15:04 Uhrvon
Sabine Weber, Präsidentin von Scientology in Berlin. Foto: dpa
Sabine Weber, Präsidentin von Scientology in Berlin. - Foto: dpa

Der Psychokonzern wollte „den Planeten säubern“, eine neue Gesellschaft gründen und „geistig gestörte“ Menschen befreien. Doch jetzt zeigt sich: Die Sekte ist trotz neuer Werbeoffensiven dem eigenen Untergang nahe.

Gehirnwäsche und Psycho-Tricks

In einer Ecke steht das „E-Meter“: zwei Blechdosen, die mit einem Messgerät verkabelt sind. Das ist das wichtigste Arbeitsinstrument der Scientologen: eine Art Lügendetektor. Er zeichnet angeblich jede emotionale Regung des Angeschlossenen auf und ermöglicht Kontrolle über das Denken und Fühlen eines anderen. Denn Ron Hubbards Mission „Clear Planet“ zielt darauf ab, den Planeten zu „säubern“. Alle „geistig gestörten“ Menschen sollen „befreit“ werden. „Geistig gestört“ sind nach Hubbards Auffassung alle Nicht-Scientologen. Das ist ernst gemeint. Mit der Scientology ist nicht zu spaßen. „Die Organisation wendet einer Gehirnwäsche vergleichbare Psycho-Techniken an“, schrieb der Bayerische Verfassungsschutz 2010. „Personen, die sich diesen Verfahren aussetzen, verändern ihre Persönlichkeit erheblich. Sie werden im Kurssystem der Organisation gefangen und entwickeln ein suchtähnliches Verlangen nach weiteren Kursen mit Kosten bis zu mehreren hunderttausend Euro.“ Am Ende stünden oft der finanzielle Ruin und eine lückenlose Kontrolle durch Scientology. „Scientologen werden darauf programmiert, wie eine Maschine zu funktionieren.“

Man merkt schnell, dass hier nichts unkontrolliert geschieht. Einfach mal umschauen ist nicht. Kaum steht man ein paar Sekunden vor den „Dianetik“-Stapeln, kommt eine grauhaarige Frau und fragt, was man möchte. „Mal umschauen.“ „Was genau wollen Sie sehen?“, fragt sie zurück. „Mal umschauen.“ Sie lässt nicht locker: „Wie kann ich Ihnen helfen?“ „Jährt sich nicht demnächst die Eröffnung des Hauses zum fünften Mal?“ Sie sagt, sie wisse es nicht. Auch der junge Mann am Empfang sagt: „keine Ahnung“. Dann wird eine Mitarbeiterin von den oberen Etagen gerufen. Sie erklärt, dass sie dazu nichts sagen kann. Auch ob es eine Feier zum Jubiläum gibt, könne sie nicht sagen. Man möge Sabine Weber anrufen, die Präsidentin von Scientology in Berlin, hier sei die Handynummer. Dann nickt sie in Richtung Tür. Das Gespräch ist beendet.

Das Oberverwaltungsgericht Münster hat festgestellt, dass die Psychosekte nicht nur für den Einzelnen gefährlich ist, der in ihre Fänge gerät, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt. Es gebe den „begründeten Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen“, urteilten die Richter 2008, die Beobachtung durch den Verfassungsschutz sei gerechtfertigt. Aus den – zum Teil nicht allgemein zugänglichen – scientologischen Schriften sowie den Aktivitäten ihrer Mitglieder ergäben sich „zahlreiche Hinweise, dass Scientology eine Gesellschaftsordnung anstrebe, in der die Menschenwürde und das Recht auf Gleichbehandlung außer Kraft gesetzt oder eingeschränkt werden sollten“, heißt es in dem Urteil.

„Zur Hölle mit dieser Gesellschaft. Wir errichten eine neue“, schrieb Hubbard 1961. Er träumte von einem Zwei-Klassen-System, in dem nur Scientologen Grundrechte hätten. Die anderen dürften nicht mal heiraten oder Kinder bekommen. So steht es in seiner „Dianetik“, dem „Leitfaden für den menschlichen Verstand“, der wie alles, was Hubbard geschrieben hat, bis heute für Scientologen maßgeblich ist. Scientology sei dabei, ihre Prinzipien in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft mehr und mehr zu verbreiten und lege dabei ein „besonderes Augenmerk“ auf Berlin, urteilten die Münsteraner Richter.

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