Sekten : Wie gefährlich ist Scientology?

Der Psychokonzern wollte „den Planeten säubern“, eine neue Gesellschaft gründen und „geistig gestörte“ Menschen befreien. Doch jetzt zeigt sich: Die Sekte ist trotz neuer Werbeoffensiven dem eigenen Untergang nahe.

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Im Januar 2007 eröffnete Scientology die Berliner Zentrale in Charlottenburg.Weitere Bilder anzeigen
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18.01.2012 11:13Im Januar 2007 eröffnete Scientology die Berliner Zentrale in Charlottenburg.

Kameras überwachen den Eingang in der Berliner Otto-Suhr-Allee 30–34. Aber an diesem Freitagmittag im Januar gibt es nichts zu beobachten. Die Berliner hasten vorbei, keiner hört hin, was die Stimme aus dem Monitor verkündet: „Scientology: Verstehen Sie sich selbst, verstehen Sie das Leben.“ Drinnen ist es leer, ein Mann von vielleicht 20 Jahren verschwindet fast hinter dem Empfangstresen.

Vor fünf Jahren war das anders. Passanten drückten sich an den Scheiben die Nase platt, Journalisten warteten auf Gesprächstermine, Scientologen aus ganz Europa drängten sich in den Hallen. Am 13. Januar 2007 bezog Scientology das sechsstöckige Haus mit 4.000 Quadratmetern, mitten in Berlin, um die Ecke von Ministerien und Politikern. In einem internen Papier hieß es 2006: „Berlin als die Hauptstadt Deutschlands ist die lebenswichtige Adresse bezüglich Scientology. Um unsere planetarischen Rettungskampagnen in Anwendung zu bringen, müssen wir die obersten Ebenen der deutschen Regierung in Berlin erreichen.“ Die Berliner Repräsentanz solle „die nötigen Zufahrtsstraßen in das deutsche Parlament bauen, um unsere Lösungen tatsächlich eingearbeitet zu bekommen in die gesamte deutsche Gesellschaft“.

Von diesen Plänen wusste in der Öffentlichkeit damals niemand, unbemerkt hatte Scientology das Haus gemietet und eingerichtet, der damalige Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) musste zugeben, dass er aus der Zeitung davon erfahren hatte. Nach der Jahrtausendwende war es ruhiger geworden um die Sekte, mit einem Mal stand sie wieder auf der Tagesordnung. Zeitungen und Fernsehsender berichteten, Eltern sorgten sich um ihre Kinder, Schulen klagten über massive Zusendung von Werbematerial, Anwohner beschwerten sich, dass sie in der Otto-Suhr-Allee nicht mehr unbelästigt auf den Bus warten können. Scientologen tauchten im Abgeordnetenhaus auf und ihre Infostände überall in der Stadt. Was ist geblieben von dem Wirbel? Fünf Jahre danach?

Im Erdgeschoss des verglasten Gebäudes in Charlottenburg warten die gestapelten Ausgaben der „Dianetik“, der Bibel des Science-Fiction-Autors Lafayette Ron Hubbard, vergeblich auf Leser. Sofas sind verwaist. Laut Verfassungsschutz hat Scientology in Berlin 130 Mitglieder. 2007 waren es 200. Deutschlandweit sind 1.000 Mitglieder abgesprungen. Heute sollen es noch 4.000 bis 5.000 sein, weltweit 100.000 bis 120.000. Also nicht mehr der Rede wert?

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