Sekundarschulreform : Berlin senkt Ansprüche an den Schulabschluss

Viele "Hintertürchen" und weichere Zulassungskriterien: Die Berliner Bildungsverwaltung versucht, die Zahl der Schul-Durchfaller zu senken. Die Wirtschaft ist skeptisch und setzt vermehrt auf eigene Aufnahmetests.

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Die Ersten. Diese Siebtklässler gehörten 2011 zum ersten Sekundarschuljahrgang, der jetzt vor den Abschlussprüfungen steht.
Die Ersten. Diese Siebtklässler gehörten 2011 zum ersten Sekundarschuljahrgang, der jetzt vor den Abschlussprüfungen steht.Foto: Mike Wolff

Der Senat hat die Hürden für Schulabschlüsse gesenkt. Sowohl die Berufsbildungsreife – der frühere Hauptschulabschluss – als auch der Mittlere Schulabschluss sind ab diesem Schuljahr leichter zu erreichen als es bisher an den Gesamtschulen möglich war. Zudem kann man mit schlechteren Noten in die gymnasiale Oberstufe aufsteigen. Dies soll nach Einschätzung von Schulleitern die mit Spannung erwartete Bilanz des ersten Sekundarschuljahrgangs verbessern. An diesem Donnerstag beginnen für über 30 000 Zehntklässler die Abschlussprüfungen, darunter 15 000 Sekundarschüler.
Die Neuerungen betreffen vor allem die Mindestanforderungen für die Jahrgangsnoten, die zusammen mit den Prüfungen den Mittleren Schulabschluss (MSA) ausmachen. Als Durchschnittsnote auf dem Zeugnis reicht für den MSA jetzt eine „Vier“. An den früheren Gesamtschulen wurden befriedigende Leistungen verlangt.

Neuerdings ist eine "Sechs" erlaubt

Zudem ist eine „Sechs“ erlaubt, was früher an den Hauptschulen ausgeschlossen war, wenn man den MSA anstrebte. Zusätzlich werden den Schülern etliche Nachprüfungen angeboten, damit sie die Berufsbildungsreife schaffen. „Das Ziel ist: Jeder kommt durch“, formuliert es die Rektorin der Jean-Piaget-Sekundarschule in Berlin-Hellersdorf, Marion Lange. „Es gibt sehr viele Hintertürchen“, beschreibt Lothar Semmel vom GEW-Schulleiterverband das neue und sehr komplizierte Prozedere.


Große Veränderungen gibt es auch beim Übergang in die gymnasiale Oberstufe. Auf den bisherigen Gesamtschulen musste man eine gute „Drei“ erreichen, wenn man das Abitur anstrebte. Jetzt reicht eine schwache „Drei“. Für die Schulen bedeutet das erhebliche Verwerfungen, weil mehr ungeeignete Schüler als bisher in die elften Klassen aufsteigen werden. Um dies zu verhindern, müsse man ihnen schlechtere Noten geben, als sie verdient hätten, beklagen Schulleiter. „Die Leidtragenden sind die Schüler“, stellt Jens Großpietsch, einer der renommiertesten Rektoren Berlins, fest. Seiner Ansicht nach waren die bisherigen Anforderungen bei den Noten zuverlässige Indikatoren für die Abitureignung.


"Die Abschlüsse halten nicht, was sie versprechen"

Zu den Schulen, die von Anfang an vor dieser Entwicklung gewarnt hatten, zählt die Neuköllner Clay-Sekundarschule. Mittelstufenleiter Michael Zielonkowski hat alle neuen Regelungen mit jenen verglichen, die früher für die Gesamtschulen galten. „Die Ansprüche für den MSA bei den Jahrgangsnoten wurden in Bezug auf die notwendige Punktsumme um 38 Prozent abgesenkt“, hat er ausgerechnet.
Anlass der Änderungen war die Abschaffung der Haupt-, Realschul- und Gesamtschulen zugunsten der Sekundarschulen. Eines der Hauptziele war, dass weniger Schüler ohne Abschluss bleiben.

Die IHK ist angesichts der Entwicklung besorgt. Schon jetzt hielten die Abschlüsse nicht das, was sie versprächen. „Immer mehr Betriebe konzipieren eigene Aufnahmetests, um die Eignung der Bewerber festzustellen“, berichtet Schulreferentin Nadia Chabbi. Die Bildungsverwaltung bestreitet einen Niveauverlust. Die Änderungen seien den notwendigen Angleichungen unter den drei ehemaligen Schulformen geschuldet.