Eine Freistellung vom Unterricht ist nicht möglich

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Sexuelle Vielfalt im Unterricht : Wieso ist der Lehrplan so umstritten?
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Wie argumentieren die Gegner?

Gabriel Stängle, 41-jähriger Realschullehrer aus Rohrdorf im Schwarzwald, sieht in den Leitlinien einen Aufruf zur pädagogischen, moralischen oder ideologischen Umerziehung. Stängle ist Mitglied der Prisma-Gemeinschaft, einer schwäbischen fundamentalistischen Sekte. Er hat eine Internetpetition angestoßen, die unter anderem behauptet, Homosexualität führe zu Alkoholmissbrauch, erhöhtem HIV- und Selbstmordrisiko. Sie ist bereits Stängles zweiter Anlauf: Die erste Petition, so die Lehrergewerkschaft GEW, war derart diskriminierend, dass sie gegen die Bestimmungen des Petitionsportals verstieß und gelöscht wurde. Das könnte nun rechtliche Folgen haben. Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD), der von der Heftigkeit der Netzdebatte überrascht ist, hat bisher selbst noch nichts unternommen. „Ich will keine Märtyrer züchten“, sagte Stoch am Montag. Möglicherweise habe der Pädagoge aber gegen die Mäßigungspflicht für Beamte verstoßen, und dann bewege er sich außerhalb des rechtlichen Rahmens. Mittlerweile gibt es eine Strafanzeige gegen Stängle und aus Stochs Ministerium heraus wurde eine Dienstaufsichtsbeschwerde angeschoben.

Unversehens gerieten auch die Landeskirchen in eine schwierige Lage. Einerseits kritisieren sie die Leitlinien zur Akzeptanz sexueller Vielfalt. Andererseits wollen sie nicht mit den Argumenten der Kritiker-Petition in Verbindung gebracht werden. Katholiken und Protestanten hatten zuvor gemeinsam ganz allgemein moniert, der Entwurf des neuen Bildungsplanes enthalte nur eine Reihe von Einzelthemen wie eben die zur sexuellen Orientierung, aber es fehle ihm der anthropologische Leitrahmen.

Der Chef der Stuttgarter SPD-Landtagsfraktion Claus Schmiedel spricht denn von einem großen Missverständnis. Der neue Lehrplan wolle lediglich einen Wertekanon vermitteln, zu dem Toleranz und Respekt gegenüber unterschiedlichen sexuellen Orientierungen gehöre. Hinter der Onlinepetition aber „versammelt sich vieles, was mit Toleranz nichts zu tun hat“. Viele Unterzeichner würden den falschen Behauptungen der Initiatoren auf den Leim gehen.

In welchem Alter sollten Kinder mit diesem Thema konfrontiert werden?

Der Entwicklungspsychologe und Familienforscher Wassilios Fthenakis hält es für richtig, Kinder möglichst frühzeitig auf eine „immer komplexere und diversere Gesellschaft“ vorzubereiten – wofür für ihn auch gehört, ihnen „moderne Konzepte von Geschlechteridentitäten“ nahezubringen. Schließlich seien Kinder bereits im Vorschulalter in der Lage, vorurteilsbehaftete Situationen wahrzunehmen und selbst Vorurteile anderen gegenüber zu entwickeln. Fthenakis, langjähriger Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München und derzeit Präsident des Didacta Verbands der Bildungswirtschaft, sitzt im Beirat für den Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg. Für ihn ist es schon deswegen selbstverständlich, vielfältige Lebensweisen spätestens in der Schule zu thematisieren, weil die traditionelle Vater-Mutter-Konstellation ohnehin nicht mehr die allein vorzufindene Lebenswirklichkeit vieler Kinder widerspiegele.„Kinder wachsen heutzutage doch in ganz unterschiedlichen Familienformen auf.“ Dazu gehörten Regenbogenfamilien mit lesbischen und schwulen Eltern genauso wie Stiefkindfamilien oder alleinerziehende Mütter oder Väter – was aber in der Schule weitgehend ignoriert werde. Und anders als die Gegner des Bildungsplans suggerierten, gehe es ja eben nicht um Sexualpraktiken.

Können Eltern verlangen, dass ihre Kinder solchem Unterricht fernbleiben?

Es scheint unwahrscheinlich, dass Eltern aus weltanschaulichen Gründen ihre Kinder von Unterrichtseinheiten zum Thema Homosexualität befreien lassen könnten. Das legen jedenfalls Urteile zum Sexualkundeunterricht nahe. Eine Grundsatzentscheidung hat das Bundesverfassungsgericht schon 1977 getroffen. Die Eltern haben das Erziehungsrecht. Doch gleichrangig ist das Recht des Staates, eigene Erziehungsziele zu verfolgen. Der Staat muss dabei allerdings "ideologisch tolerant" bleiben und dürfe die Kinder nicht indoktrinieren, etwa, indem "bestimmte Normen aufgestellt oder Empfehlungen für das sexuelle Verhalten der Kinder gegeben würden".

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