In Berlin steht das Thema schon seit 2001 im Lehrplan

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Sexuelle Vielfalt im Unterricht : Wieso ist der Lehrplan so umstritten?

Wie wird das Thema in Berlin behandelt?

Was in Baden-Württemberg noch heftig diskutiert wird, ist in Berlin längst Unterrichtspraxis. Seit 2001 sehen die Rahmenrichtlinien der Lehrpläne das Thema sexuelle Vielfalt vor, aktuelle Grundlage sind Rahmenpläne, die seit dem Schuljahr 2006/2007 gelten. Darüber hinaus hat das Abgeordnetenhaus 2009 die Initiative „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“ beschlossen und 2010 einen umfassenden Maßnahmenkatalog zur Bekämpfung von Homophobie verabschiedet. Er bezieht sich nicht nur auf den Bildungs- und Jugendbereich, sondern nimmt auch Diskriminierung in Verwaltung, Recht und anderen gesellschaftlichen Bereichen in den Blick. Federführend für die Umsetzung ist die Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen und dort die Landesstelle für Gleichbehandlung gegen Diskriminierung (LADS).
Sexualerziehung steht nach Angaben der Senatsbildungsverwaltung in der Grundschule im Sachkundeunterricht der zweiten und vierten Klasse und im Biologieunterricht in der fünften oder sechsten Klasse auf dem Lehrplan. Dabei geht es um Themen wie körperliche Entwicklung, eigene Wahrnehmung, Geburt, Familie und Rollenbilder und Geschlechterstereotypen für Mädchen und Jungen. In Klassenstufe 7 oder 8 geht es dann neben dem Thema Pubertät auch ausdrücklich um sexuelle Orientierung, sexuelle Praktiken, Empfängnisverhütung, sexuellen Missbrauch und Transsexualität. Die Themen sollen fächerübergreifend unterrichtet werden, zum Beispiel in Biologie und Ethik. Die Bildungsverwaltung weist darauf hin, dass die Information der Eltern im Vorfeld des Unterrichts wichtig sei, „da hier sensible Bereiche der elterlichen Erziehung berührt werden“.
Auch wenn das Thema also mehrmals im Rahmenlehrplan vorgesehen ist, liegt es doch in der Verantwortung der Lehrer, ob es auch tatsächlich umgesetzt wird, denn das Berliner Schulgesetz lässt den Pädagogen in dieser Hinsicht relativ viel Freiheit. „Es ist theoretisch möglich und kommt immer wieder vor, dass Zehntklässler noch nie im Unterricht mit dem Thema in Berührung gekommen sind“, sagt Ammo Recla von der Bildungsinitiative Queerformat, die seit 2009 im Auftrag des Senats Lehrerfortbildungen und Projekttage für Klassen anbietet. In Berlin werden Lehrer systematisch zum Thema sexuelle Vielfalt, und dabei insbesondere über Homosexualität und den Umgang damit, fortgebildet.

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Nach wie vor hätten viele schwule oder lesbische Jugendliche Angst, sich zu outen, weil sie Probleme im Elternhaus oder auf dem Schulhof fürchten. „Viele fühlen sich allein gelassen“, sagt Recla – obwohl die Präsenz und die Akzeptanz von Homosexuellen in den Medien und in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren beträchtlich gestiegen sei und durch das Internet Informationen jetzt auch viel leichter zugänglich seien. „Erwachsene Lesben und Schwule haben es heute leichter als früher, Jugendliche dagegen nicht“, sagt Recla.
Wenn Eltern nicht erlauben wollen, dass ihr Kind am Unterricht zu diesem Thema teilnimmt, sollten Lehrer klar Position beziehen, rät Recla: „Eltern können ihre Kinder nicht aus solchen Gründen vom Unterricht freistellen.“ Bei der Aufklärung gehe es darum, über unterschiedliche Lebensweisen zu informieren, nicht darum, eine als besser oder schlechter darzustellen.

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