Sexuelle Vielfalt im Unterricht : Wieso ist der Lehrplan so umstritten?

In Baden-Württemberg gibt es wütende Proteste gegen einen neuen Lehrplan, der unter anderem Akzeptanz unterschiedlicher sexueller Identitäten vermitteln soll. Warum eigentlich?

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Foto: fotolia; Montage: Thomas Mika
Foto: fotolia; Montage: Thomas MikaFoto: womue Fotolia

Die Heftigkeit, mit der der Streit geführt wird, ist ungewöhnlich: Weil Baden-Württembergs Bildungsplaner an den Schulen des Landes „Akzeptanz für sexuelle Vielfalt“ lehren wollen, werden sie massiv attackiert. Eine Online-Petition, die das Ansinnen ablehnt, wies am Montagabend fast 116 000 Unterzeichner auf. Daraufhin formierten sich die Unterstützer des Vorhabens. Deren Gegenpetition, die seit einer Woche freigeschaltet ist, zählte am Montagabend bereits mehr als 58 000 Unterzeichner.

Was plant Baden-Württemberg?

In dem Land wird gerade der „Bildungsplan 2015“ diskutiert, nach dem künftig an den Schulen unterrichtet werden soll. Wie die „Akzeptanz von sexueller Vielfalt“ vermittelt werden könnte, wird bislang nur in einem Arbeitspapier formuliert, betont das Ministerium. Dabei geht es um „zukunftsorientierte Leitprinzipien“, an denen sich der Unterricht in allen Klassenstufen, Schularten und im ganzen Fächerspektrum orientieren soll. Die Leitprinzipien besagen, in welcher Weise gesellschaftlich relevante Themen wie berufliche Orientierung, Medienbildung, Prävention und Gesundheitsförderung und Verbraucherbildung grundsätzlich im Unterricht verankert werden.

Die Schüler „kennen Lebenssituationen von LSBTTI-Menschen (Gruppe der lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, transgender und intersexuellen Menschen) und setzen sich mit Menschenrechten und Diskriminierungen auseinander“, ist dort zu lesen. So soll die Geschichte der Unterdrückung von bi-, homo-, trans- und intersexuellen Menschen vorkommen, Ausprägungen homo- oder intersexueller Kultur in Kunst und Literatur sollen thematisiert werden.

Als mögliche Fächer nennt der Entwurf unter anderem Deutsch, Religion, Ethik und Geschichte. Im Sachunterricht, in Biologie, Sport, aber auch in Naturwissenschaften und Fremdsprachen sollen Kinder und Jugendliche auch lernen „sich selbst als Persönlichkeit wahrzunehmen und zu entfalten“. Dazu gehört es beim Thema Identitätsentwicklung etwa, eigene Stärken zu entdecken oder über die „Vielfalt in der sexuellen Identität (Hetero-, Homo-, Bisexualität; Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle)“ Bescheid zu wissen, andere sexuelle Identitäten als die eigene zu respektieren.

Wie wird das umgesetzt?

In Baden-Württemberg werden die Leitlinien jetzt in der Bildungsplankommission diskutiert. Ihr gehören rund 230 Lehrkräfte aus allen Schularten und aus den Staatlichen Seminaren für Didaktik und Lehrerbildung an. Die Kommission empfiehlt, welche Kompetenzen in die Fachbildungspläne übernommen werden, nach denen in den Schulen unterrichtet wird. Daran müsse sich jeder Lehrer halten, heißt es aus dem Ministerium, allerdings hätten diese die pädagogische Freiheit, anhand der vorgegebenen Kompetenzen eigene Unterrichtseinheiten zu entwickeln. In der Grundschule und in der Sekundarstufe I soll der neue Bildungsplan ab dem Schuljahr 2015/16 gelten, an den Gymnasien ein Jahr später. Wie dann die Erziehung zur Akzeptanz sexueller Vielfalt in der Lehrerbildung verankert wird und wann das Thema in Schulbücher aufgenommen wird, sei noch völlig unklar, heißt es.

Martin Lücke, Professor für Didaktik der Geschichte an der Freien Universität Berlin, hält es für richtig, über die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten nicht nur im Fach Biologie zu sprechen: „Das ist ein Querschnittsthema, es hat gesellschaftliche, historische und politische Dimensionen.“ Bisher finden sich in Schulbüchern allerdings kaum Materialien für entsprechende Unterrichtseinheiten. Lücke hat daher für den Geschichtsunterricht eigene Unterrichtsreihen entworfen, die Pädagogen auf der Webseite „queerhistory.de“ herunterladen können.

Viele Lehrer fühlten sich beim Thema Homosexualität ohnehin unsicher und würden es daher meiden. „Sie wissen einfach wenig darüber“, sagt Lücke. Schon die Lehrerausbildung blende den Umgang mit sexueller Vielfalt oft aus. Er würde sich ein Pflichtmodul dazu in Lehramtsstudiengängen wünschen, das alle Studierenden belegen sollten. Einige Lehrer befürchteten auch, dass es „in der Klasse zu hoch hergeht“, sobald es um Sexualität geht, hat Lücke beobachtet. Er hat andere Erfahrungen gemacht: Viele Schülerinnen und Schüler reagierten zwar durchaus emotional, dafür aber umso interessierter. Auch das Vorurteil, gerade mit männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund könne man über schwule Geschichte nicht sprechen, habe sich für ihn nicht bestätigt: „Die sind ganz im Gegenteil aufgeschlossen. Sie bringen halt auch ihre eigenen Männlichkeitskonzepte in den Unterricht ein.“