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Sexueller Missbrauch : Ein Kranz von Vorwürfen

10.01.2013 22:34 Uhrvon
Was tun die Institutionen, um Missbrauch in Zukunft zu verhindern? Foto: dpaBild vergrößern
Was tun die Institutionen, um Missbrauch in Zukunft zu verhindern? - Foto: dpa

Vor drei Jahren wurde Deutschland aufgeschreckt durch Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen. Danach meldeten sich immer mehr Betroffene, die gesellschaftliche Dimension des Themas offenbarte sich. Was hat sich seither getan?

Es ist fast auf den Tag genau drei Jahre her, dass der Jesuitenpater Klaus Mertes, Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, in einem Brief an ehemalige Schüler zum ersten Mal öffentlich machte, dass an der Schule Minderjährige durch Patres missbraucht und misshandelt wurden. Kurz danach wurden ähnliche Vorgänge aus der Odenwaldschule bekannt. Es war, als ob sich eine Schleuse geöffnet hätte: Hunderte Menschen meldeten sich und erzählten, wie ihnen als Jugendliche sexuelle Gewalt in kirchlichen und nicht kirchlichen Einrichtungen angetan wurde. Schnell war klar, dass es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt. Die Bundesregierung benannte einen Missbrauchsbeauftragten.

Es wurde eine telefonische Hotline eingerichtet, bei der sich bis Ende 2012 über 30 000 Menschen gemeldet haben. Täglich gehen weitere Anrufe ein.

Die Bundesregierung setzte auch den „Runden Tisch sexueller Kindesmissbrauch“ unter Federführung der drei Ministerinnen für Justiz, Familie und Wissenschaft ein. Nach eineinhalb Jahren Arbeit legte das Gremium im November 2011 einen Abschlussbericht mit Empfehlungen an die Politik vor: zur Prävention, zur Verbesserung von Opferrechten, zur Entschädigung von Betroffenen. Umgesetzt wurde davon wenig.

Was haben die Kirchen und die Odenwaldschule zur Aufarbeitung getan?

Der Jesuitenorden hat seine vier Schulen in Berlin, Bonn, Hamburg und im Schwarzwald untersuchen lassen und zählt mindestens 70 Täter und 300 Opfer. Auch das bayerische Benediktinerkloster Ettal setzte Ermittler an. Im Erzbistum München und Freising spürte eine Juristin in 13 000 Personalakten seit 1945 159 Täter und viel Vertuschung auf. Die anderen 26 Bistümer haben die Fälle zusammengetragen, die sich aufgrund von Aussagen Betroffener rekonstruieren ließen. Wie viele Jugendliche insgesamt im kirchlichen Bereich Übergriffe erdulden mussten und von wie vielen Tätern, darüber liegen nicht einmal Schätzungen vor. In der wegen ihrer Reformpädagogik berühmten Odenwaldschule stießen die Ermittler auf 132 Opfer. Die Dunkelziffer dürfte überall wesentlich höher sein als die bisher aufgedeckten Fälle.

Was haben die Studien ergeben?

Viele Übergriffe fanden in den 1970er und 1980er Jahren statt, in einigen kirchlichen Einrichtungen gab es auch noch vor wenigen Jahren neue Vorkommnisse. In geschlossenen Milieus wie in Internaten und Familien und dort, wo geschlossene Weltbilder vorherrschen, sind Missbrauch und Vertuschung leichter möglich als anderswo. Doch in jedem gesellschaftlichen Bereich hat der Missbrauch einen ganz eigenen „Geschmack“, wie Pater Mertes es nannte. Missbrauch passiert auch nicht zufällig, sondern viele Täter gehen systematisch vor. 2012 untersuchte der Forensiker Norbert Leygraf, warum katholische Priester zu Tätern werden. Die Bischofskonferenz hatte ihm dafür 78 anonymisierte psychologische Gutachten über die Geistlichen zur Verfügung gestellt. Eine spezielle sexuelle Störung oder Pädophilie lag demnach nur in wenigen Fällen vor. Meistens waren berufliche Krisen, Einsamkeit oder Probleme mit Nähe und Distanz die Ursache.

Institutionenübergreifende Studien gibt es bisher nicht. Wie groß die Dimension von sexuellem Kindesmissbrauch in Familien und Einrichtungen ist, darüber gibt es deshalb nur Schätzungen, die sehr weit auseinandergehen. Laut einer Studie des Hannoveraner Kriminologen Christian Pfeiffer von 2011 sind 8,6 Prozent der Mädchen und 2,8 Prozent der Jungen unter 16 Jahren betroffen. Die Opferinitiative Zartbitter geht von drei- bis viermal so hohen Zahlen aus.

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