Soziale Netzwerke in der Politik : Fluch und Segen der Filterblase

Fake-News, Social Bots und Hasskommentare dominieren derzeit die Debatte um Soziale Netzwerke. Sind sie wirklich eine Gefahr für die Demokratie? Ein Überblick.

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Soziale Netzwerke spielen auch für die politische Kommunikation eine immer größere Rolle.
Soziale Netzwerke spielen auch für die politische Kommunikation eine immer größere Rolle.Foto: imago/Eibner

Donald Trump braucht nicht viel. Ein Video, 2 Minuten 38, das er via Facebook und Twitter verteilt, sind ausreichend, um sein 100-Tage-Programm unters Volk zu bringen. Anschließend springen alle drauf: Medien, Unterstützer, Kritiker. Soziale Netzwerke werden immer mehr zum zentralen Ort der politischen Kommunikation. Gut die Hälfte aller US-Amerikaner beziehen laut einer Studie mittlerweile Nachrichten über diese Plattformen. Auch in Deutschland werden es immer mehr. Das hat Folgen.

Wie werden Nachrichten in Sozialen Netzwerken konsumiert?

Die Betonung liegt auf Konsum. Denn durch Soziale Netzwerke entfällt die aktive Suche. „Während Sie vormals aktiv nach Informationen suchen mussten (Fernseher einschalten, Zeitung kaufen, bei Google eine Suchanfrage stellen), werden Sie heute auf Facebook sprichwörtlich mit Nachrichten gefüttert“, erklärt Martin Giesler, Journalist und Social-Media-Experte. Allerdings fällt es vielen immer schwerer, den Wert einer Information zu erkennen. Oder drastischer: Es wird immer weniger wichtig, welchen Wert eine Information hat. Laut einer Studie der Stanford University, die vor wenigen Tagen in den USA veröffentlicht wurde, können vor allem High-School-Absolventen in den Vereinigten Staaten immer weniger zwischen echten Nachrichten und gesponserten Informationen unterscheiden. Der Wert einer Nachricht wird der jüngsten Studie zufolge weniger an den Quellen bemessen als an der Frage, wie viele Details eine Geschichte beinhaltet – und ob ein großes Foto dabei ist. Die Autoren der Studie betonen, wie wichtig es ist, über Quellen und die Herkunft von Informationen mit den Kindern zu sprechen – zuhause und in der Schule.

Welche Rolle spielen inzwischen Fake-News in der Politik?

Die aufgeführte Studie erklärt auch, warum sogenannte Fake-News, Falschnachrichten, so einen Erfolg vor allem im US-Wahlkampf hatten und warum seit Tagen darüber debattiert wird. Es gibt Untersuchungen, die herausgefunden haben wollen, dass die Zahl der Zugriffe auf Falschnachrichten in den Wochen vor der US-Wahl stark angestiegen ist. Die Zugriffe via Facebook sollen sogar klassische Nachrichtenseiten übertroffen haben. Allerdings gibt es Zweifel an der Methodik der Studien. Fake-News sind vor allem ein Geschäftsmodell. Denn weil sie so häufig gelesen werden, erwirtschaften sie hohe Werbeerlöse. Das haben sich vor allem ein paar junge Mazedonier zu eigen gemacht. Die Betreiber von rund 100 Fake-News-Webseiten sitzen in der mazedonischen Kleinstadt Vales. Von dort haben sie Schlagzeilen wie „Clinton hat illegale Waffen für 137 Millionen Dollar gekauft!" Oder: „Beweis: Obama in Kenia geboren“ verbreitet – vor allem über Facebook. Fake-News können aber auch ohne ökonomischen Hintergrund die Runde machen. Während des Amoklaufs in München verbreitete sich via Twitter die Nachricht, dass es Schüsse am Stachus gegeben habe. Das war nicht der Fall, Panik hat es trotzdem ausgelöst. In den USA hat Mr. Tucker eine kleine Welle ausgelöst, indem der Texaner Fotos twitterte mit Bussen, in denen angeblich bezahlte Anti-Trump-Demonstranten herangefahren wurde. Sein Tweet verteilte sich rasant, Trump griff ihn auf, doch es stellte sich als Luftnummer heraus – seine Wirkung hat es trotzdem entfaltet.

Wie gehen Facebook und Twitter mit Fake-News um?
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wiegelte nach Trumps Wahlsieg zunächst ab. Sein Unternehmen habe keinen großen Einfluss auf die Wahl ausgeübt, auch Fake-News seien nicht das große Problem. In der Tat sind falsche Nachrichten gemessen am Gesamtstrom an Inhalten auf Facebook nur ein kleiner, aber kein unwesentlicher Teil. Auch deshalb stießen Zuckerbergs Äußerungen intern auf Kritik. Wenige Tage später ruderte er etwas zurück und machte Vorschläge zum Umgang damit. Vor allem die Nutzer selbst sollen Werkzeuge an die Hand bekommen, um falsche Nachrichten zu kennzeichnen. Auch solle es ökonomisch weniger attraktiv sein, falsche Nachrichten zu verbreiten. Margaret Sullivan, Medien-Kolumnistin der Washington Post, ist das zu wenig. Sie forderte jüngst eine Art Chefredakteur für Facebook. Nur hat auch das seine Kehrseite. Giesler warnt vor einer Facebook-Zensur: „Eine technologische Plattform, die am Meinungsbildungsprozess von über einer Milliarde Menschen beteiligt ist, darf auf keinen Fall zu einer Instanz werden, die darüber entscheidet, welche Nachrichten richtig oder falsch sind.“ Zuckerberg selbst hätte wohl mit Zensur nicht das große Problem. Zumindest gibt es Meldungen, wonach Facebook an einer Art Zensur-Software arbeitet, um Inhalte zu blockieren. Damit könnte Facebook für Länder wie China oder Russland attraktiv werden.

Viele User können nicht zwischen echten und gesponserten Nachrichten unterscheiden.
Viele User können nicht zwischen echten und gesponserten Nachrichten unterscheiden.Foto: picture alliance / dpa

Was bedeutet das für die deutsche Debatte?

Wie bei vielen US-Themen gilt auch hier: Sie tauchen in abgeschwächter Form auch in Deutschland auf. Soziale Netzwerke werden auch bei uns in der Mediennutzung immer wichtiger. Der Anteil der Menschen, die Nachrichten nur noch über Soziale Netzwerke bekommen, steigt. Gleichwohl ist die Gesamtzahl der aktiven Facebook- und Twitternutzer in Deutschland im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich. Das liegt an einer gewissen Technik-Skepsis, an einer höheren Datenschutzsensibilität und auch am vorhandenen Angebot. Öffentliche Institutionen tun sich noch schwer mit Aktivitäten auf Sozialen Netzwerken, weil sie häufig auch Interaktion bedeuten, die gescheut wird. Die Debatte um Soziale Netzwerke wurde vor allem bestimmt von der Frage, wie verbreitet der Hass im Netz ist. Und in der Tat ist das auch ein Problem, mit dem vor allem Facebook aber auch Twitter immer wieder konfrontiert werden. Twitter hat in den letzten Wochen aktiv Nutzer gesperrt. Facebook agiert da deutlich defensiver.

Besonderen Wert auf Soziale Netzwerke legt die AfD. Sie hat sich eine große Community aufgebaut. Für die Partei ist das attraktiv, weil sie so Kritik aus den Medien umgeht. Das kultiviert sie, indem sie auch Medienvertreter von Parteitagen ausschließt und sich so auf die Social-Media-Öffentlichkeit verlässt. Allerdings weisen Experten wie der Politikberater und Blogger Martin Fuchs darauf hin, dass die AfD auf Facebook sehr einseitig agiere und wenig Interaktion ausübe, was im Moment funktioniere, aber schwieriger werde, je mehr sich die Partei etabliere. Aber auch alle anderen Parteien stocken ihre Budgets für Social-Media-Kampagnen mit Blick auf die Bundestagswahl auf.

Welche Folgen haben die neuen Techniken für Parteien und Medien?

Niemand kann sich den Sozialen Netzwerken entziehen, wenn man nicht auf ein großes Publikum verzichten will. Es wird Professionalisierungsschübe geben und Rückkopplungen in die analoge Welt. In den USA kann man das schon beobachten, wo neben den Social-Media-Kampagnen vor allem der klassische Straßenwahlkampf an Bedeutung gewonnen hat. Ein wesentlicher Teil Sozialer Netzwerke sind Interaktion, weshalb beim Publikum auch ein Anspruch auf Beteiligung wächst. Vielleicht verhilft das auch einem alten Vorschlag von SPD-Chef Sigmar Gabriel zu neuer Konjunktur: Spitzenpersonal wie einen Kanzlerkandidaten auch durch Vorwahlen wie in den USA oder jüngst bei den Konservativen in Frankreich zu bestimmen.

Gefährden Soziale Netzwerke die Demokratie?

Häufig wird darauf verwiesen, dass Nutzer Sozialer Netzwerke sich nur in ihrer eigenen Peer-Group bewegen, weil der Algorithmus ihnen nur jene Inhalte zeigt, die zu den eigenen Ansichten passen. Das greift zu kurz. Zum einen kann man, wenn man es will, durchaus kontroverse „Freundschaften“ schließen und Ansichten lesen. Zum anderen funktioniert die analoge Welt nicht so viel anders. Im Gegenteil. In den Zeiten vor Social Media und auch Google bewegte man sich auch häufig nur unter Seinesgleichen mit dem Nachteil, dass man über den Rest der Welt noch weniger wusste und weniger Informationen verfügbar waren. Die Filterblase ist heute vielleicht durchlässiger als früher. Gleichwohl wird es schwerer, wertige von weniger wertigen Informationen zu unterscheiden. Mediale Kompetenz wird ein immer wichtigeres Kriterium. Es kann auch zu einer Spaltung der Gesellschaft führen.

Soziale Netzwerke sind aber weder Untergang der Demokratie noch ihre Rettung. Es kommt vielmehr auf den richtigen Umgang mit ihnen, das Verständnis und den Einsatz an.

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