SPD : Manuela Schwesig: Die große Unbekannte

Quote? Sie lacht. Ja, ja, blond und so. Manuela Schwesig wurde schon oft unterschätzt. Sie soll punkten, wo die SPD schwächelt, bei den Jungen, Frauen und Ostdeutschen.

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Manuela Schwesig, SPD
Manuela Schwesig, SPDFoto: dpa

Die Frau im schwarzen Kostüm bahnt sich den Weg durch die Menge. Ein Gasthaus in München-Trudering, die erste Etage ist reserviert für die SPD. Etwa eine Stunde hat Manuela Schwesig gesprochen, über den Ausbau der Kinderbetreuung und den Mindestlohn, aber jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Die Kellner räumen Teller mit Rotkohl- und Kloßresten ab, die Herren streifen die Lodenjankerl wieder über, und die Damen scharen sich um die Ministerin. Die muss zuhören, Hände schütteln, Wärme ausstrahlen. Gerade umfasst eine korpulente Dame mit roter Kurzhaarfrisur mit beiden Händen Schwesigs Rechte und erzählt die Geschichte der Tochter einer Freundin, die gerade in den Beruf zurückgekehrt ist. „Von wegen gleichwertige Arbeit“, empört sich die Dame. „Sie wissen schon, ein Büro, irgendwo im hintersten Gang.“

Manuela Schwesig lächelt und überlässt ihre Hand der Umklammerung. Ihre Büroleiterin greift die Ministerin am Ellenbogen und lotst sie hinüber zu zwei wartenden Frauen. Sie arbeiten für einen Migrantenverein, der sich für Sprachförderung stark macht. Eine Digitalkamera blitzt, ein Bild, das gut ist für den Verein und gut für die Ministerin.

Nachdem Manuela Schwesig es endlich zum Ausgang geschafft hat – es ist längst Zeit, ihr Mann wartet im Hotel, er hat morgen Geburtstag, und der sechsjährige Sohn ist bei den Eltern geblieben –, sagt die korpulente Dame, jo mei, der Steinbrück, der sei ja so gar nicht ihr Typ. Was die Schwesig aber gesagt habe, das findet sie goldrichtig. „Die muss das einbringen. Das spricht die jungen Frauen an.“ Die jungen Frauen vom Migrantenverein kannten Schwesig bislang nicht, aber, ja, sie finden sie „sympathisch“.

150 Jahre - Happy Birthday SPD
Der französische Präsident Francois Hollande hat die deutsche Arbeitsmarktreform Agenda 2010 gewürdigt. Der Fortschritt bestehe auch aus mutigen Entscheidungen, sagte Hollande bei der Feier. Die habe der damalige SPD-Kanzler Gerhard Schröder getroffen, und das erlaube es Deutschland, im Wettbewerb die Nase vor anderen Ländern vorn zu haben. Die Agenda 2010 gilt als einer der wesentlichen Gründe für die derzeitige wirtschaftliche Stärke Deutschlands, sagte er.
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23.05.2013 13:47Der französische Präsident Francois Hollande hat die deutsche Arbeitsmarktreform Agenda 2010 gewürdigt. Der Fortschritt bestehe...

Manuela Schwesig, gerade 39 Jahre alt geworden, stellvertretende SPD-Vorsitzende und Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern, hat an diesem Abend eingelöst, was sich die SPD von ihr erhofft: Sie hat „Wähler erreicht“ – und zwar die Sorte, mit der sich die SPD bei der letzten Bundestagswahl schwergetan hat. Das sind erstens die jungen Wähler bis 24 Jahre. Das sind zweitens die Frauen. Das sind drittens all die Anhänger der Sozialdemokratie, die 2009 erst gar nicht zur Wahl gingen – überproportional häufig ostdeutsche Frauen. Und das sind viertens die Arbeiter, kleinen Angestellten und schlecht Bezahlten, die sich als Verlierer der Agenda-Politik empfinden. Aus der Sicht von Peer Steinbrück dürfte Schwesig also die perfekte Ergänzung zu seiner eigenen Person sein: Sie ist jung, eine Frau, ostdeutsch und ohne Agenda-Altlasten. 2003, als Gerhard Schröder die Reform verkündete, unterschrieb sie gerade ihre Beitrittserklärung beim Ortsverein Paulsstadt, Schwerin. Es gilt deshalb als wahrscheinlich, dass der Kanzlerkandidat sie in sein Kompetenzteam berufen wird, als Schattenministerin für das Ressort Familie. Dann werden einige ihre Geschichte wieder als Geschichte einer dreifachen Quotenfrau erzählen. Und tatsächlich gibt es sie, die Quotenmomente im Leben von Manuela Schwesig.

Quotenmoment Nr. 1, die DDR kurz vor dem Mauerfall. Manuela Schwesig wohnt noch bei ihren Eltern im kleinen Örtchen Seelow in Brandenburg. Sie besucht die zehnte Klasse und will Kinderheimerzieherin werden, ein Abitur plant sie deshalb nicht. Die Lehrer aber machen Druck. Aus jeder Klasse sollte eine bestimmte Quote von Schülern einen höheren Bildungsabschluss erreichen, und Manuela Schwesig wäre als Arbeiterkind die perfekte sozialistische Quotenabiturientin. Die Mauer fällt, allerdings gibt es jetzt auch den Ausbildungsgang zur Kinderheimerzieherin nicht mehr, so dass Manuela Schwesig doch Abitur macht.

Quotenmoment Nr. 2, Schwerin im Jahr 2004. Manuela Schwesig, die 2003 bereits in den Landesvorstand der SPD gewählt worden ist, wird Stadtverordnete und gleich auch Fraktionsvorsitzende. Damals dominieren ältere Männer die Schweriner Politik. Die SPD entscheidet sich deshalb für ihr frischestes Gesicht. Quotenmoment Nr. 3, Berlin 2009, mitten im Bundestagswahlkampf. Frank-Walter Steinmeier beruft sein „Kompetenzteam“. Sein Vorschlag für den Bereich Familie: die bundespolitisch noch völlig unbekannte Manuela Schwesig. Ja, wenn man wollte, könnte man ihre Karriere wohl so erzählen.