Streben nach Sicherheit : Der Jugend von heute fehlt die Angriffslust

Junge Menschen wollen heutzutage Familie statt Karriere, Zufriedenheit statt Geld, sie wurden zu reinen Konsumenten erzogen. Ob das für das Überleben in einer globalisierten Welt reicht? Ein Kommentar.

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Sorglosigkeit geht vor ambitionierten Zielen - ein bisschen mehr Risikofreude könnte jungen Leuten nicht schaden.
Sorglosigkeit geht vor ambitionierten Zielen - ein bisschen mehr Risikofreude könnte jungen Leuten nicht schaden.Foto: Monika Skolimowska/dpa

Als vor zwei Jahren eine Umfrage unter Studierenden zum Thema beliebte Arbeitgeber gemacht wurde, kam heraus, das 30 Prozent der Befragten am liebsten in den Öffentlichen Dienst wollen. Die Umfrage wurde in diesem Jahr wiederholt. Diesmal gaben bereits 32 Prozent der Befragten an, am liebsten in die Verwaltung zu wollen. Das Argument für diese Präferenz war in beiden Jahren: Sicherheit.

Eine gute Nachricht ist das nicht. Was ist da los? Sollten junge Leute – gebildete zumal – nicht tatendurstig, risikofreudig und eroberungslustig in die Welt hinausstürmen wollen, statt bei den drei Attributen verschreckt zusammenzuzucken?

Dass das offenbar in wachsendem Maß so ist, hat mit der globalisierten Welt zu tun, mit der Entgrenzung von fast allem, was viele Chancen bietet, aber auf der anderen Seite offenbar noch viel mehr Unsicherheiten mit sich bringt.

Zum Schulanfang vor ein paar Tagen wurde in dieser Zeitung gefragt, ob den Schülern zwischen Klasse 1 und dem Abschlussjahr noch die richtigen Inhalte vermittelt werden. Möglicherweise nicht. Möglicherweise muss viel mehr als bisher in Rechnung gestellt werden, dass die Alten von heute keine Ahnung haben, wie die Welt einmal sein wird, was Digitalisierung und Globalisierung aus ihr machen, und was man später brauchen wird, um sich unter möglicherweise ganz anderen und anzunehmenderweise viel härteren Bedingungen zu behaupten.

Was sollte man also lehren? Mut und Zuversicht wären nicht schlecht. Ehrgeiz, Durchhaltevermögen, Selbstständigkeit. Wie wäre es gar mit Angriffslust?

Die Risikofreude wurde von Beginn an unterdrückt

Von der ist wenig zu spüren. Familie statt Karriere, eine ausgewogene Work-Life-Balance, lieber Zufriedenheit im Job als gutes Geld. Das klingt für diese Gesellschaft logisch und nachvollziehbar. International konkurrenzfähig bleibt man auf lange Sicht mit solchen Vorstellungen wohl kaum. Da lauern andere Länder, andere Kontinente, die mit mehr Biss agieren.

Warum sind die jungen Leute so wenig angriffslustig? Sind das die ersten Vertreter jener Generation, die von ihren Eltern zu sorgenvoll umhegt wurden? Die in Frieden und allgemeiner Sorglosigkeit aufgewachsenen Babyboomer haben der nachfolgenden Generation vielleicht zu wirkmächtig ein Dasein in Bequemlichkeit als Ziel vorgelebt, in dem vor allem der Spaß ein Thema ist. Auch Arbeit soll Spaß machen, sonst hat man eine falsche Wahl getroffen. Und bei allem, was nicht wunschgemäß läuft, durfte es reichen, wenn die Jüngeren nach den Älteren riefen, die dann die Probleme lösten. Erst im Kindergarten, dann in der Schule, dann auf der Weltreise, bei der Studienfachauswahl und für später wartet ja das Erbe.

Hat man so die Risikofreude aus den jungen Leuten herausgepampert? Weil sie immer unter Beobachtung standen, hin und her gefahren wurden, weil sie sich nicht verlaufen und nie Angst im dunklen Wald haben durften? Und dann werden sie groß und wollen in die Verwaltung, alles schön geregelt, damit sie Familie und Beruf möglichst easy vereinbaren können. Wollen unbefristete Arbeitsverträge wie die Alten mit dem Versprechen auf Rente, das ihnen die Alten geben, als seien die noch da, wenn es zum Schwur kommt.

Es gibt immer wieder Initiativen, die sich für mehr Vermittlung von wirtschaftlichem Denken in der Schule einsetzen. Und sie haben alle Recht. Nicht, um den Schülern zu erzählen, wie man Versicherungen abschließt oder Mietverträge, was einst von der Abiturientin Naina in einem viel diskutierten Tweet angemahnt wurde, sondern um ihnen zu vermitteln, dass es für ihre Generation vielleicht nicht mehr reichen wird, ein Konsument zu sein.

In so einer Stimmung hätte damals niemand Kalifornien entdeckt

Und so treffen zwei Entwicklungen aufeinander, die schlechter kaum zueinander passen könnten: neue Herausforderungen hier und dort eine Generation, die an Konkurrenz, Leistungsdenken und Eroberung kein Interesse mehr zu haben scheint. Wären die Deutschen, so wie sie heute mehrheitlich gestimmt sind, damals nach Amerika ausgewandert, hätte bis heute niemand Kalifornien entdeckt. Sie wären einfach an der Ostküste geblieben und hätten gehofft, dass es schon werden wird.

Eine „erschöpfte Gesellschaft“ hat der Soziologe Stephan Grünewald 2013 sein Buch zum Zustand Deutschlands genannt. Die sich in Selbstoptimierungsversuchen bespiegelt, die ihre Freizeit in ziel- und zweckloser Überbetriebsamkeit verspielt, und darüber den Mut und die Nerven verliert, außerhalb des eigenen kleinen Radius mal etwas zu riskieren. Die sich keine Träume mehr gestattet und darum keine „Schöpferkraft“ mehr entwickelt, die sie „in Erfindungen, Patente, Ingenieurs- und Dichtkunst“ verwandeln könnte.

Es ist seither nichts besser geworden. Es sind aber schon wieder drei Jahre vergangen.

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