Superreiche ohne Protz : Das Leben der Milliardäre in Deutschland

Superreiche brauchen niemandem etwas zu beweisen. Deshalb meiden Milliardäre meist Protz und Öffentlichkeit. Und darum weiß man so wenig über sie und ihr Leben.

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Man sieht nicht rein.
Man sieht nicht rein.Foto: dpa

Woran erkennt man deutsche Milliardäre? An einem Rolls-Royce? An Ferraris? An einer großen Jacht? Der Vermögensforscher Thomas Druyen sagte einmal: „Selbstdarsteller erlebe ich vorwiegend unter Reichen mit einem Vermögen im einstelligen Millionenbereich.“

Deutschlands Milliardäre sind nicht zu erkennen. Nicht nur, weil sich viele sehr bewusst verstecken. Wer seinen Reichtum selber angehäuft hat, hat das oft von Beginn an mit Sparsamkeit, Disziplin und großem Respekt für die Arbeit getan. Diese Grundhaltung ändert sich auch nicht, wenn der Wert des Vermögens in astronomische Höhen steigt.

Karl Albrecht, Theo Albrecht, Dieter Schwarz

Das gilt nicht nur für Unternehmer der ersten Stunde wie die vor nicht langer Zeit verstorbenen Aldi- Brüder Karl und Theo Albrecht, die zu Lebzeiten reichsten Deutschen mit einem geschätzten Vermögen von 16 und 17 Milliarden Euro. Sie lebten völlig abgeschieden, gaben keine Interviews und mieden jede Öffentlichkeit. Es gibt nur vereinzelte Fotos von ihnen. Karl gelang es sogar, seinen Geburtstag und Geburtsort aus Quellen zu tilgen. Sparsamkeit bestimmte nicht nur ihr Leben von Anfang an, es war auch die Grundphilosophie ihres Geschäftsmodells und ihres Erfolgs.

Konkurrent und Lidl-Gründer Dieter Schwarz – er belegte 2012 mit einem Vermögen von zwölf Milliarden Platz drei in Deutschland – steht dem in nichts nach. Da keine Fotos von ihm existieren, kann er mit Ehefrau Franziska unerkannt in Heilbronn ins Konzert gehen. Sein Anzug ist von der Stange, so heißt es, das Auto fährt er selbst. Besucher der Lidl-Hauptverwaltung in Neckarsulm soll er vor dem WC-Besuch aufgefordert haben, nur ein Papierhandtuch zu benutzen. Ob die Anekdote stimmt, ist nicht verbürgt, aber sie würde zu ihm passen.

Adolf Merckle und Susanne Klatten

Adolf Merckle war mit sieben Milliarden Euro fünftreichster Deutscher, bevor er sich 2009 vor den Zug warf, weil die Banken die Kontrolle über sein Imperium übernommen hatten. Er lebte in einem unscheinbaren Einfamilienhaus, fuhr einen 20 Jahre alten Mercedes und saß in der Bahn immer in der zweiten Klasse. Es wird erzählt, sein Aussehen sei so unauffällig gewesen, dass ein Teilnehmer eines geschäftlichen Treffens diskret einen anderen fragte, wer denn dieser unscheinbare Mann im Hintergrund sei.

Es gibt Erben, die führen das Lebenswerk einstiger Patriarchen in deren Sinn fort und zeichnen sich durch öffentliche Zurückhaltung und gleichzeitig großen Unternehmerdrang aus. Dass das Leben der Quandt-Erbin Susanne Klatten in die Öffentlichkeit gezerrt wurde, lag daran, dass sie Opfer eines Erpressers wurde, mit dem sie eine Affäre hatte. Eigentlich scheut sie die Öffentlichkeit. Pflichtbewusstsein und Disziplin hatte Vater Herbert Quandt seinen Kindern beigebracht. Keine Interviews, keine Partys, das beherzigt auch Susanne Klatten. Sie kleidet sich unscheinbar, ist weitgehend ungeschminkt und fährt ihr Auto selbst – einen Mini. Susanne Klatten lag 2012 mit einem Vermögen von neun Milliarden Euro auf Platz fünf der reichsten Deutschen. Als große Anteilseignerin von BMW, Altana und anderen Konzernen stellte sie nach und nach die Weichen für zukunftsweisende Investitionen im Bereich superleichte Werkstoffe und Windenergie. Wie sie zum Geld steht, zeigt die überlieferte Geschichte, dass sie unter Pseudonym ein Praktikum bei BMW machte und dort ihren künftigen Mann, einen ihrer Angestellten, kennenlernte. Sie soll ihm monatelang vorenthalten haben, wer sie wirklich ist, und heiratete ihn, als sie sich sicher war.

Michael Otto und Dietmar Hopp

Michael Otto, wie Susanne Klatten Spross eines berühmten Firmengründers, hat das Erbe ebenfalls weiter nach vorne gebracht. Der Sohn des legendären Unternehmers Werner Otto, der 2011 im Alter von 102 Jahren in Berlin starb, fällt nach außen vor allem durch seine Stiftungen auf, die sich für Umweltschutz und Afrika einsetzen. Im Urlaub reitet er gerne durch Kirgisien oder schließt sich einer Karawane durch die Mongolei an. Naturerlebnisse interessieren ihn mehr als Urlaub in einem Luxushotel.

Es gibt aber auch Milliardäre in Deutschland, die stärker auffallen. Dazu gehören vor allem jene, die ihr Vermögen im Digitalzeitalter gemacht haben. Dietmar Hopp ist einer von ihnen. Jeder, der sich für Fußball interessiert, kennt ihn. Sein Verein TSG 1899 Hoffenheim schaffte es zu einiger Berühmtheit. Dietmar Hopp wurde reich, weil er mit vier Freunden, unter ihnen Hasso Plattner, die Softwarefirma SAP gründete. Plattner und Hopp belegten 2012 die Plätze zwölf und 13 in der Liste der reichsten Deutschen.

Hopp gibt schon mal der „Bunten“ ein Interview und lässt sehr viel mehr Einblick in sein Denken und sein Leben zu. Schon als Kind sagte er: „Mama, ich werde Millionär.“ Er hatte mehr Geld als andere Kinder, weil er bei Bauern arbeitete und Kohlensäcke schleppte. Er gab als Schüler Mathematik-Nachhilfeunterricht und arbeitete auf dem Bau. Als Student fuhr er Lkw und verkaufte Garagentore. Hopp besitzt keine Jacht. Er fährt keinen Ferrari, aber einen großen BMW. Und er besitzt einen kleinen Privatjet. Hopp fällt vor allem als Mäzen auf, genauso wie Hasso Plattner. Hopps Stiftung ist eine der größten Europas, sie fördert unter anderem medizinische Forschung, Jugendsport und Biotechnologie.

Andreas von Bechtolsheim

Ein ganz anderer IT-Pionier ist Andreas von Bechtolsheim. Der hochgewachsene 58-Jährige fällt auf, aber Protzereien sind ihm fremd, von öffentlichem Rummel hält er sich fern. Aufgewachsen am Bodensee, suchte er dann sein Glück in den USA, entwickelte Computer und Softwaresysteme; mit Sun Microsystems, das jetzt zu Oracle gehört, war er immer ganz vorne. Er gehörte zu den Ersten, die bei Google einstiegen, als noch niemand wusste, was das ist. Wie viele Milliarden Bechtolsheim besitzt, weiß niemand. Seine Kleidung besteht meist aus einfachen Shirts, Jeans und Sandalen, wenn er nicht gerade einen Vortrag in Stanford hält. In seiner Kleidung ähnelt er den jungen amerikanischen IT-Milliardären wie Mark Zuckerberg, der immer gekleidet ist, als sei er Student im ersten Semester. Ein bisschen Luxus leistet sich Andreas von Bechtolsheim. Er liebt schnelle Autos und Segeln. Vor allem aber liebt er die Arbeit. Da bleibt für das Geldausgeben nicht viel Zeit.

Sein Vetter Christian Freiherr von Bechtolsheim verwaltet in München und Frankfurt am Main die Milliarden von Milliardären. Er hat die Erfahrung gemacht, dass man wirklich Reiche nicht erkennt. Dem „Spiegel“ sagte er einmal: „Reiche erkennen? Keine Chance.“

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