Syrien-Konferenz in Berlin : „Die größte Tragödie unserer Zeit“

Auf Einladung der Vereinten Nationen beraten in Berlin Hilfsorganisationen über die Zukunft Syriens. Sie benötigen dringend Geld, viel Geld. Denn das Leid der vom Bürgerkrieg betroffenen Menschen wird täglich größer.

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Verheerende Auswirkungen hat der Syrienkrieg vor allem auf Kinder. Unicef schätzt, dass bereits heute sieben Millionen Mädchen und Jungen von Gewalt und Vertreibung betroffen sind.
Verheerende Auswirkungen hat der Syrienkrieg vor allem auf Kinder. Unicef schätzt, dass bereits heute sieben Millionen Mädchen und...Foto: AFP

Die Syrien-Krise geht ins fünfte Jahr – und die Not der Menschen findet kein Ende. Im Gegenteil. Das Leid von Millionen wird immer größer. Und immer mehr Flüchtlinge – im Bürgerkriegsland selbst wie in den Nachbarstaaten – sind auf lebenswichtige Hilfe angewiesen. Denn die bisher geleistete Unterstützung reicht bei Weitem nicht aus. Verschiedene Organisationen haben nun auf einer UN-Konferenz in Berlin die Herausforderungen für 2015 skizziert. Um diese nur annähernd zu meistern, braucht es viel Geld. Geld, das in der Vergangenheit oft zugesagt wurde, aber bei den Helfern häufig nicht eingetroffen ist.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) forderten deshalb die internationale Staatengemeinschaft zu mehr Engagement auf. „Es ist inakzeptabel, dass wir Monat für Monat die Weltgemeinschaft bitten müssen, ihren Beitrag zu leisten“, sagte Müller am Donnerstag in Berlin. Er appellierte explizit an die EU, die geforderte Sondermilliarde für die Flüchtlingskrise bereitzustellen. Die Vereinten Nationen hatten umgerechnet 6,76 Milliarden Euro von der Weltgemeinschaft erbeten, um den fast 18 Millionen Geflüchteten in Syrien und den Nachbarländern langfristig helfen zu können. Nur so könne man, wie es Steinmeier formulierte, der „größten humanitären Tragödie unserer Zeit“ etwas entgegensetzen: „Das, was vor Ort passiert, übersteigt unsere Vorstellungskraft.“

Deutschland fordert mehr Engagement von der Staatengemeinschaft

Deutschland habe bislang 800 Millionen Euro Hilfen bereitgestellt und 80 000 syrische Flüchtling aufgenommen, sagte Steinmeier. Müller rief zudem Privatpersonen auf, mehr für die Krise zu spenden. Bislang sei die Spendenbereitschaft im Vergleich zu anderen Katastrophen erschreckend gering. Das bestätigen auch die Hilfsorganisationen. Die Gründe für die Zurückhaltung sind vielfältig. Meistens wird darauf verwiesen, dass man ja nicht wisse, in welche Hände das Geld komme. Außerdem sei die Katastrophe ja von Menschen verursacht. Zwischen Gut und Böse könne in diesem Konflikt kaum unterschieden werden.

Fast zwölf Millionen Menschen suchen Schutz

Das ändert allerdings nichts am Elend der Betroffenen. Fast zwölf Millionen Menschen suchen Schutz, mehr als jeder zweite Syrer ist innerhalb oder außerhalb des Landes auf der Flucht. Das Flüchtlingshilfswerk der UN und zwei weitere Organisationen der Vereinten Nationen stellten in Berlin ihre neuen Pläne vor. Dabei geht es einerseits um die für kommendes Jahr benötigte humanitäre Hilfe in Syrien selbst. Allein dafür haben die UN einen Hilfsaufruf in Höhe von umgerechnet 2,3 Milliarden Euro gestartet.

Andererseits wurde auch ein regionales Flüchtlings-Konzept präsentiert, um auf die immer größer werdenden finanziellen Nöte der Anrainerstaaten zu reagieren, vor allem in Jordanien, dem Libanon, der Türkei und in Ägypten. Diese Länder werden schon bald zusammengenommen knapp 4,3 Millionen heimatlose Syrer aufnehmen, heute sind es bereits etwa 3,5 Millionen. Der neue „Regional Refugee and Resiliance Plan“ soll die Flüchtlingshilfe stärker mit Entwicklungsprojekten in den Aufnahmeländern verbinden. UNFlüchtlingskommissar Antonio Guterres hob hervor, dass die Unterstützung für Flüchtlinge verknüpft werden müsse mit „Aktivitäten, die zur Stabilisierung der Aufnahmegemeinden führen. Solidarität mit den Flüchtlingen und den umliegenden Länder ist ein Muss.“ Gebraucht werde „eine neue Hilfsarchitektur“.

Libanon und Jordanien statten die Flüchtlinge mit elektronischen Gutscheinen aus

Erste Schritte in diese Richtung hat zum Beispiel das UN-Welternährungsprogramm gemacht. Schon seit einiger Zeit werden syrische Flüchtlinge zum Beispiel im Libanon oder Jordanien mit elektronischen Gutscheinen ausgestattet. Diese E-Cards, die wie Kreditkarten aussehen, werden jeden Monat mit durchschnittlich 27 Dollar pro Familienmitglied aufgeladen. Mithilfe dieser Gutscheine können die Menschen in Supermärkten Lebensmittel einkaufen. Das kommt der lokalen Wirtschaft zugute. Vor kurzem jedoch mussten die UN dieses Programm zeitweise einstellen – aus Geldmangel. Die jetzt nach einer Kampagne zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel reichen auch nur bis in den Januar hinein. „Während der vergangenen vier Jahre konnten wir eine Hungersnot verhindern. Das wird auch 2015 unsere Aufgabe sein“, sagte Muhannad Hadi, Nothilfekoordinator des Welternährungsprogramms.

Save the Children warnt vor einer „verlorenen Generation“

Verheerende Auswirkungen hat der Syrienkrieg vor allem auf Kinder. Unicef schätzt, dass bereits heute sieben Millionen Mädchen und Jungen von Gewalt und Vertreibung betroffen sind. Sie kämpfen ums Überleben. Viele haben ihre Eltern und Angehörige verloren, sind traumatisiert, haben keine Zukunftsperspektive. Und: Nur wenige Heranwachsende können eine Schule besuchen. Hilfsorganisationen wie Save the Children warnen daher immer wieder vor einer „verlorenen Generation“. (mit rtr/KNA)

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