Syrische Familie auf der Flucht : Vor den Trümmern ihres Lebens

Sie haben es nicht mehr ausgehalten. Und sind dem Inferno von Homs knapp entkommen. Vor sechs Wochen ist die 70-köpfige Großfamilie Hadad nach Kairo geflohen. Und sieht jetzt verzweifelt zu, wie in Syrien die Gewalt weiter eskaliert.

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Schlechte Aussicht. Großmutter der Familie Hadad mit einem ihrer Enkel auf dem Balkon der Exilwohnung in Kairo.
Schlechte Aussicht. Großmutter der Familie Hadad mit einem ihrer Enkel auf dem Balkon der Exilwohnung in Kairo.Foto: Katharina Eglau

Ahmed ist neun. Er hockt auf den blanken Fliesen und malt, zieht eine blaue Linie nach der anderen. Daneben ein Panzer, hinter dem fertigen Gitter zwei Menschen – Vater und Bruder. Vor zwei Monaten wurden beide in Homs verhaftet, Ahmeds ältester Bruder war gerade 16 geworden. Mit ihnen sind 5000 Menschen eingesperrt in dem Gefängnis von Homs. Und Ahmed weiß aus dem Fernsehen, dass Häftlinge am Wochenende versucht haben, sich nach der Flucht einiger Wärter selbst zu befreien. Seitdem ist das ganze Areal von Panzern umstellt, die wahllos auf das Gebäude feuern, in dessen Inneren manchmal 60 Assad-Gegner stehend in kleinen Zellen zusammengepfercht sind.

Auch Aischas Vater sitzt hinter Gittern – in Damaskus. Die Zwölfjährige trägt ein Kopftuch, sie ist mit ihren Großeltern nach Kairo geflohen. „Weil ich keinen zum Reden hatte, habe ich alles aufgeschrieben“, sagt sie. „Danach ging es mir besser.“ Dem kleinen Ringheft hat sie die Chronologie ihrer zerstörten Kindheit anvertraut. „Ich habe eine so schöne Zeit in meinem eigenen Zimmer gehabt, jetzt ist alles kaputt“, steht dort und: „Egal, wo man hinkommt, es riecht nach Tod.“ Alle Kinder sind seit anderthalb Jahren nicht mehr zur Schule gegangen, stattdessen haben sich ihre Seelen mit Bildern des Horrors gefüllt. Einer der Jungen malt sich selbst auf einem Boot, allein und weit weg von allem, umgeben von ein paar Fischen.

Bildergalerie: Das Leben im Exil in Kairo

Das Leben im Exil in Kairo
Die 70-köpfige Großfamilie Hadad ist auf der Flucht in Kairo untergekommen.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: Katharian Eglau
23.07.2012 20:47Die 70-köpfige Großfamilie Hadad ist auf der Flucht in Kairo untergekommen.

Die Erwachsenen dagegen hängen meist stumm ihren Gedanken nach und sitzen stundenlang im Halbkreis um den Bildschirm. Immerzu läuft der Fernseher, die einzige Verbindung zu ihrer Heimat. Damaskus, jetzt auch Aleppo und immer wieder Homs, aus dem sie alle kommen. Überall wird geschossen, gestorben und gekämpft. Ihr Leben liegt in Trümmern und das hunderttausender Landsleute auch.

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Seit fünf Tagen aber, seit dem großen Anschlag auf Assads Regimespitze, hat sich der Tenor der Videobilder geändert. Zuvor waren immer die gleichen Sequenzen zu sehen – in weiße Tücher gehüllte Leichen, Feuerbälle über den Dächern, wütende Demonstranten mit Transparenten und Panzerungetüme, die, von zitternden Handykameras verfolgt, drohend durch die Wohnstraßen walzten.

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Der Algerier Lakhdar Brahimi steht vor einer Aufgabe, an der zuvor schon Kofi Annan gescheitert war: Er soll im Auftrag der UNO zwischen den syrischen Aufständischen und dem Assad-Regime vermitteln.Weitere Bilder anzeigen
1 von 29Foto: dpa
17.08.2012 18:21Der Algerier Lakhdar Brahimi steht vor einer Aufgabe, an der zuvor schon Kofi Annan gescheitert war: Er soll im Auftrag der UNO...

Jetzt jagen Rebellen in eroberten Panzern durchs Bild, fahren lange Kolonnen von Bewaffneten auf Pickups siegessicher in die Schlacht. Jeden Tag liefern sich die Aufständischen heftigere Gefechte mit der Armee, während ein General nach dem anderen über die Grenze in die Türkei desertiert. Mit voller Wucht hat die Gewalt jetzt auch Damaskus und Aleppo erreicht, die beiden Metropolen Syriens, wo die Hälfte aller Einwohner des Landes lebt.

Vor sechs Wochen war das alles auch noch Alltag von Familie Hadad aus Homs, die aus Angst um die Verwandtschaft daheim ihre richtigen Namen nicht in der Zeitung sehen will. Seit Jordanien die Last der vielen Neuankömmlinge nicht mehr tragen kann, fahren immer mehr syrische Flüchtlinge weiter nach Ägypten, so im Juni auch die 70-köpfige Großfamilie, die im Kairoer Stadtteil Zakkariyya in zwei Mietwohnungen untergekommen ist. Ständig kommen weitere Angehörige nach, zuletzt die beiden halbwüchsigen Brüder Omar und Samir, deren Vater festgenommen wurde und von dem seither jede Spur fehlt. Am Kopf ihrer Matratzen haben sie sein Foto aufgestellt, ein Mann mit rundem Gesicht, Stoppelhaarschnitt und strahlendem Lächeln.

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