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Terror in Tunesien : Regierung bestätigt: Auch Deutsche unter den Todesopfern

Nach dem Terroranschlag auf eine Hotelanlage in Tunesien ist die Zahl der Toten auf 39 gestiegen. Darunter sind nach offiziellen Angaben auch Deutsche. In der Nacht übernahmen Unterstützer der Terrormiliz IS die Verantwortung für den Anschlag.

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Tatort Hotel: Polizisten nehmen nach dem Anschlag einen Verdächtigen fest.
Tatort Hotel: Polizisten nehmen nach dem Anschlag einen Verdächtigen fest.Foto: Amine Ben Aziza/Reuters

Die Fotos zeigen Szenen des Horrors. Zwei Touristen in Badehose liegen neben ihren Sonnenschirmen erschossen im Sand, einer mit Kopfschuss in einer Blutlache, der andere unter einem Badehandtuch. Im Hintergrund entlang der Reihen aus Sonnenschirmen sind umgestürzte Liegen zu sehen, als andere Badegäste der beiden Strandhotels "Imperial Marhaba" und "El Mouradi Palm Marina" sich offenbar in Panik vor einem heranstürmenden Attentäter in Sicherheit zu bringen versuchten. Nach Berichten von Augenzeugen beschwor das Hotelpersonal die Urlauber, sich in ihren Zimmern zu verbarrikadieren. Einige rannten daher in dem Chaos zurück an den Strand, um ihre Schlüssel zu holen, was ihnen das Leben kostete.

Drei Monate nach dem verheerenden Anschlag im Bardo-Museum in der Hauptstadt Tunis, bei dem 21 Touristen starben, wird Tunesien erneut von einem schweren Anschlag auf Feriengäste erschüttert. 39 Menschen starben, mindestens 30 wurden verletzt. Das berichten örtliche Medien unter Berufung auf das Gesundheitsministerium.

Tunesiens Regierungschef Habib Essid bestätigte am frühen Samstagmorgen, dass es deutsche Opfer gebe, nannte aber keine Zahl. Unter den Toten seien auch Briten, Belgier und Franzosen. Der deutsche Reiseveranstalter Tui geht davon aus, dass unter den Getöteten eigene Kunden sind. Zum jetzigen Zeitpunkt lägen noch keine gesicherten Erkenntnisse vor. „Wir müssen aber davon ausgehen“, heißt es in einer Erklärung, die das Unternehmen am Freitagabend verbreitete.

Mehr als die Hälfte der Feriengäste Tunesiens kommt aus den Nachbarstaaten Algerien und Libyen. Auch die Zahl der russischen Touristen ist in den vergangenen beiden Jahren deutlich angestiegen, während sich die Nachfrage aus Frankreich, Spanien, Großbritannien und Deutschland nach dem Arabischen Frühling mehr als halbierte.

Kämpfe am Strand

Entgegen ersten Angaben war es wohl nur ein Attentäter. Ein Sprecher des Innenministeriums in Tunesien sagte am Freitagabend, es gebe „keine offiziellen Verhaftungen“ von weiteren Tatverdächtigen. Zuvor hatten Quellen berichtet, ein zweiter mutmaßlicher Täter sei festgenommen worden. Später war von einem Schützen die Rede, einem tunesischen Studenten, den Sicherheitskräfte töteten.

Bis in den Nachmittag hinein gab es Gefechte an dem Strand und auf dem Hotelgelände mit der Polizei. Den Sicherheitskräften gelang es dabei, den Täter zu erschießen. Ein Foto zeigt, wie der junge Mann in schwarzer Kleidung außerhalb der Hotelanlage tot auf dem Asphalt liegt, neben ihm seine Kalaschnikow.

Nach Angaben eines Augenzeugen versteckten der Angreifer Waffen in Hüllen von Sonnenschirmen und waren daher von Hotelangestellten nicht zu unterscheiden. Unklar war bis zum Abend, wie er von außen auf das Strandgelände gelangen konnte. Einige der Urlauber gaben an, er sei mit dem Boot von See gekommen. Andere berichteten, es habe zunächst ein Explosion gegeben, auf die dann das automatische Gewehrfeuer folgte.

In einer nicht verifizierbaren Twitter-Mitteilung übernahmen Unterstützer der IS-Terrormiliz die Verantwortung für den Anschlag. Ein „Soldat des Kalifats“ habe den „abscheulichen Hort der Prostitution, des Lasters und des Unglaubens“ angegriffen, hieß es.Tunesien ist in der arabischen Welt das Land mit dem größten Dschihadisten-Kontingent beim "Islamischen Staat", gefolgt von Saudi-Arabien und Marokko. Mindestens 3000 junge Tunesier kämpfen nach offiziellen Angaben in Syrien und Irak, hunderte auch im benachbarten Libyen. Weitere 9000 haben die Sicherheitsbehörden nach eigenen Angaben in den vergangenen Monaten an der Ausreise in die Kampfgebiete gehindert, alles Angaben, die wegen der porösen Grenze zum Bürgerkriegsnachbarn Libyen eine sehr hohe Dunkelziffer haben dürften.

Zweifel an Kompetenz der Polizei

Auch im Grenzgebiet zwischen Tunesien und Algerien operiert mit "Okba Ibn Nafaa" eine extrem gewalttätige Terrorgruppe, die zu 70 Prozent aus Algeriern und zu 30 Prozent aus Tunesiern besteht. Sie zählt sich zu Al Qaida, ist sehr gut organisiert und hat sich in den Chaambi-Bergen verschanzt. Ihre Kämpfer sind nach Ansicht der tunesischen Staatssicherheit verantwortlich für den Terrorüberfall auf das Bardo-Museum sowie für das Massaker an tunesischen Soldaten im Juli 2014 während des Ramadans, als 15 Wehrpflichtige erschossen und 20 verletzt wurden.

Umgekehrt wachsen angesichts der Attentate die Zweifel in der tunesischen Bevölkerung an der Kompetenz und dem Einsatzwillen ihrer Polizei. Schon bei dem Bardo-Attentat im März waren eklatante Sicherheitsmängel offenkundig geworden. So  musste der Vizepräsident des Parlaments, dessen Plenarsaal direkt an das Museum angrenzt, kleinlaut zugeben, von den vier Museumswachen am Haupttor hätten zum Zeitpunkt des Anschlags zwei im Café gesessen, einer war am Kiosk gegenüber einkaufen und der vierte nicht zum Dienst erschienen. "Als die Terroristen die ausländischen Touristen niedermähten, war kein Beamter in der Nähe – ein absolutes Versagen", empörte sich damals der Politiker.

Aufruf zum Dschihad

Die neue Gewaltwelle im Nahen und Mittleren Osten könnte ausgelöst worden sein durch den jüngsten Aufruf von IS-Sprecher Abu Mohammed al Adnani. Er hatte zu Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan alle Muslime aufgefordert, sich dem Dschihad anzuschließen und ihr Leben als Märtyrer zu opfern. Am Donnerstag begannen die Extremisten des "Islamischen Staates" erneut einen Großangriff auf die syrisch-türkische Grenzstadt Kobane, wo sie nach Augenzeugenberichten bisher mehr als 140 Menschen auf offener Straße und in ihren Häusern hinrichteten. In Kuwait sprengte sich ein Attentäter während des Freitagsgebets in einer schiitischen Moschee in die Luft, riss mindestens 13 Beter mit in den Tod und verwundete 25. Zwei Stunden später bekannte sich die IS-Terrormiliz zu diesem Blutbad.

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