UN-Mission : Ein neuer Job in Afghanistan

Während die Kampftruppen Afghanistan verlassen, tritt Brigadegeneral Kay Brinkmann dort seinen Job an. Er berät den Chef der zivilen UN-Mission. Denn der Aufbau des Landes soll weitergehen.

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Alltag in Kandahar.
Alltag in Kandahar.Foto: AFP

Da standen sie nun. Fünf glänzende Metallkisten für ein Jahr Leben. Mit diesem Tag war der neue Job für Kay Brinkmann ganz real mit den Händen zu greifen. Während gefühlt alle deutschen Soldaten gerade ihre Sachen packen, um Afghanistan bis Jahresende zu verlassen, packt Brinkmann, um dort hinzugehen. Ein Jahr wird er bleiben, noch dazu in einer für Deutsche neuen Position: als Senior Military Advisor bei Unama, als oberster Militärberater bei der zivil geprägten UN-Mission für den Wiederaufbau. Man kann Brinkmann salopp ein Gesicht einer neuen deutschen Außen- und Sicherheitspolitik à la Ursula von der Leyen nennen. Er und sein Bürochef machen, was die Verteidigungsministerin jüngst in New York als einen deutschen Beitrag zu mehr internationaler Verantwortung definierte: mehr deutsche Offiziere in Führungspositionen bei UN-Missionen entsenden. In diesen Tagen übernimmt Brinkmann in Kabul. Dass ein Einsatz mit den Vereinten Nationen überall in der Truppe besonders beliebt ist, kann man allerdings nicht sagen.

Kay Brinkmann, ein schlanker Offizier mit ausgeprägten Lachfältchen um die braunen Augen, hält sich mit so etwas nicht auf. „Ich wollte nach Afghanistan“, erzählt er vor dem Abflug in Jeans, Polohemd und schwarzem Sakko in einem Charlottenburger Café. In welcher „Verwendung“, sei für ihn zweitrangig gewesen, bei den UN erhielt er den Zuschlag. Er genießt die letzten Tage in Berlin, wo er bisher als Referatsleiter Militärpolitik und Einsatz Europa/Eurasien im Verteidigungsministerium sein Büro hatte. Am Hindukusch wird es Freizeit in Zivil kaum geben. Nicht nur wegen der Sicherheitslage – der Posten sieht in aller Regel die Uniform vor. „Ich bin nicht ab 16 Uhr der Privatmann Kay Brinkmann. Das ist ausgeschlossen.“ Das belaste ihn aber nicht, schließlich genieße er mit dem Einsatz auch besonderen Schutz. Allerdings geht Brinkmann diesmal ohne Waffe.

Dienstreisen durchs ganze Land

Was das für ein Gefühl ist? Er lehnt sich zurück: „Meine Aufgabe ruft nicht nach einer Waffe.“ Das könne sogar von Vorteil sein. Ob mit oder ohne Waffe, „man kann zur falschen Zeit am falschen Ort sein“. Eine Herausforderung ist es allemal, auch, weil Brinkmann zwar auf Dienstreisen in Masar-i-Scharif, Kundus und Faisabad war, im Norden, wo die Deutschen im Rahmen der Isaf das Kommando haben. In Kabul war er vorher nicht.

Brinkmann, der an der Bundeswehruniversität München und am National War College der US-Streitkräfte studiert hat, nennt es eine „tolle Aufgabe“, was ihn in Afghanistan erwartet. Auch wenn er erst dort konkret erfährt, was es heißt, den Unama-Leiter, den UN-Sonderbeauftragten und früheren slowakischen Außenminister Jan Kubis, militärisch zu beraten, Kontakt zu Isaf zu halten, seine im Land verteilte internationale 15-Mann-Beratertruppe zu führen. Schließlich kommt er in einer Zeit nach Afghanistan, in der sich das Land grundlegend neu sortiert und wieder einmal an einer entscheidenden Wegmarke steht. Die beiden Präsidentschaftskandidaten streiten, wer die Wahl gewonnen hat, nach Vermittlung von US-Außenminister John Kerry werden nun alle Stimmen noch einmal ausgezählt.

Kay Brinkmann.
Kay Brinkmann.Foto: Ingrid Müller

Und die UN sollen das Procedere überwachen. Die internationalen Kampftruppen gehen Ende des Jahres. Eine sehr viel kleinere Militärmission soll folgen und vor allem Sicherheitskräfte ausbilden und unterstützen. Dafür hat Deutschland 800 bis 1000 Mann in Aussicht gestellt. Unama, die politische UN-Mission, soll parallel die Regierung in Kabul unterstützen, auch deren Umgang mit Geld begleiten, Hilfsorganisationen koordinieren, Kontakt zu Nachbarstaaten halten. Sie hat 1500 Mitarbeiter, 350 davon Ausländer, darunter zwei Polizeiberater und seine 15 Stabsoffiziere, zählt Brinkmann auf.

Die Gefühle bleiben außen vor

Am Schreibtisch will Brinkmann selten sein, sondern im Land unterwegs, möglichst überall: „Sonst muss ich mir die Frage stellen, ob ich am richtigen Platz bin.“ Er will auch „den Austausch mit den Afghanen“ suchen. Keine Angst wegen der Taliban? Er holt mit den Händen weit aus: „Wir können die Bedrohung im Land nicht auf Taliban reduzieren.“ Und: „Wir nutzen das zu leicht als Schlagwort, aber Taliban sind sehr unterschiedliche Leute.“ Es gebe viele andere Akteure mit unterschiedlichen Interessen, Drogenschmuggler, Waffenhändler – ein weites Spannungsfeld. Auch die 400.000 jungen Afghanen, die jedes Jahr zusätzlich Arbeit suchen, sind eine Herausforderung, Brinkmann breitet die Hände weit über dem Kopf aus.

Die militärische Komponente der allgemeinen Sicherheitslage sei nur eine – sie passt in seiner Darstellung zwischen Daumen und Zeigefinger. Doch bei aller vermeintlich rationalen Betrachtung: Auch der Mann, der neuerdings einen Stern auf der Schulter trägt, verbindet Gefühle mit diesem Einsatz. „Das da drinnen ist natürlich da“, sagt er und dreht seinen Ehering um den Finger, als würde er ein Orakel befragen. Der Brigadegeneral legt die Stirn in Falten: „Es ist eine Herausforderung, die Gefühle beiseitezulassen.“ Das traut er sich zu. Und mit Gefühlen meint er wohl auch Furcht.

Mit Hurrapatriotismus kann er nichts anfangen, mit Verantwortung viel. Es sei klar, dass für deutsche Soldaten „der Einsatz wesentlicher Teil unseres Daseins“ sei. Dass Bundespräsident Joachim Gauck das zur Verantwortung der Deutschen in der Welt „jetzt auch mal so gesagt hat“, findet er „nicht schlecht“.

Brinkmann setzt auf „Teamwork“, darauf, dass Mitarbeiter nicht auf Befehle warten: „Solche Einsätze erfordern geradezu das eigenständige Einbringen des Einzelnen.“ In Afghanistan sei „Zögern und Zaudern nicht zweckdienlich“. Als oberster Militärberater steht ihm ein persönlicher Mitarbeiter zu. Den hat er sich gezielt ausgesucht. Oberstleutnant Karl-Rüdiger Tillmann ist optisch das glatte Gegenteil des Chefs. Er hat internationale Erfahrungen von Afghanistan bis Afrika.

Brinkmann schätzt seine Fähigkeiten, die teils so anders sind als die eigenen. Tillmann ging in den 1990ern in den ersten deutschen Militärbeobachtereinsatz in Georgien, wurde dort als Geisel genommen. Beim Einsatzführungskommando war er zuletzt Chef der deutschen UN-Militärbeobachter und er kennt die Zentrale in New York. Sein Weg sollte nun eigentlich für zwei Jahre zum Eurokorps nach Straßburg führen. Doch dann wurde er nach Afghanistan befohlen. Anders als Brinkmann darf Tillmann derzeit nicht mit der Beförderung rechnen.

Weihnachten hat er schon abgeschrieben

Mit den beiden machen zwei Väter den Job am Hindukusch. Wollte sich kein Offizier ohne Schulkinder melden? Zeigt die Besetzung, wie dringend das von vielen so kritisierte Leyen’sche Programm zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist? Vor allem: Wie haben ihre Töchter reagiert? Gemeinsam mit seiner Frau hat Brinkmann der Siebenjährigen früh „die Wahrheit“ gesagt. Sie wusste, dass Mädchen in Afghanistan oft noch immer nicht zur Schule gehen dürfen. Das findet sie furchtbar. Wenn ihr Papa den Mädchen helfe, „dann musst du da hin“. Tillmanns Tochter überraschte den Vater. Ganz „cool“ sagte die Achtjährige: „Papa, da sparen wir ein Jahr.“ Sie rechnete: ein Jahr Afghanistan statt zwei Jahre Straßburg.

Die Trennung wird trotz großzügiger UN-Urlaubsregelungen hart. Zwar steht ihnen eine Woche pro Monat zu. Aber es können nicht alle gleichzeitig weg. Für den Chef heißt es: „Erst die anderen, dann man selbst.“ Geburtstag und Weihnachten hat Brinkmann schon abgeschrieben.

Gegen Wehmut hat er sich „Strategien für den Kontakt zur Heimatfront“ zurechtgelegt. Das klingt militärischer, als es wohl gemeint ist. „Wir werden wieder Briefe schreiben.“ Natürlich könnte er mit der Familie skypen, „aber man freut sich, etwas in der Hand zu haben. Etwas, das man gut aufbewahren kann.“ Und wie mag es sein, Tochter und Frau beim Skypen zum Greifen nah zu sehen, aber nicht in den Arm nehmen zu können? Er weiß es nicht. Es wird wohl anders sein als die Trennung während der Zeit beim Heeresführungskommando in Koblenz. Tillmann hat schon DVDs für Filmabende mit dem Chef zusammengestellt. Und er hat einen Wok gekauft: „Mindestens einmal die Woche werde ich für uns beide kochen.“

Wie hat Brinkmann die 115 Kilo genutzt, die er in die Kisten packen durfte? Espresso und Müsli für den Leib, Bücher für den Geist: eins über Bismarck, „Die Schlafwandlerin“, den neuesten Krimi von Volker Kutscher und Khaled Hosseinis „Traumsammler“ über zwei afghanische Geschwister. Musik ist nicht so Brinkmanns Ding. „Ich hab nicht immer Knöppe im Ohr.“ Wenn es ihn doch mal packen sollte, will er sich was Klassisches oder Jazz aus dem Netz runterladen. Doch dafür dürfte angesichts der jüngsten politischen Entwicklung ohnehin erst mal keine Zeit sein.

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