UN-Vermittler Kofi Annan : Die diplomatische Wunderwaffe

Wer mit Kofi Annan spricht, ihm gegenübersitzt, möchte nicht länger zum anderen Lager gehören. Das macht ihn zu einem erfolgreichen Vermittler. Vielleicht jetzt auch in Syrien.

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Der "Rockstar der Diplomatie" (Richard Holbrooke) ist inzwischen 74 Jahre alt und setzt derzeit all seine Kunst dafür ein, dass das Töten in Syrien ein Ende findet.
Der "Rockstar der Diplomatie" (Richard Holbrooke) ist inzwischen 74 Jahre alt und setzt derzeit all seine Kunst dafür ein, dass...Foto: REUTERS

Sein Leben war beschaulich geworden, warum auch nicht? Er war seit 2006 Pensionär, Mitte 70 inzwischen auch, lebte mit seiner Frau in der Schweiz. In einer gediegenen Wohnung gleich am Genfer See. Warum auch nicht!

Neun Jahre lang war Kofi Annan davor Generalsekretär der Vereinten Nationen gewesen, hin und her um die Welt gereist, meist in normalen Linienflugzeugen, eine erschöpfende Arbeit – und nun also der verdiente Ruhestand. Und doch sagte er im Februar ja, als die Weltgemeinschaft ihm den brisantesten Job anbot, den sie da zu vergeben hatte: Annan sollte als internationaler Sondergesandter das Blutvergießen in Syrien stoppen. Seine Auftraggeber: der UN-Sicherheitsrat und die Arabische Liga.

Für beide galt Annan als die letzte Chance, denn sein Nachfolger als UN-Generalsekretär, der freundliche Koreaner Ban Ki Moon, traute sich den Job selbst offenkundig so wenig zu wie die Mitglieder des UN-Sicherheitsrats. Der deutsche Botschafter bei der UN in Genf, Hanns Schumacher, fasste die Erwartungen so zusammen: „Kofi Annan ist die ultimative diplomatische Waffe der Vereinten Nationen.“ Der Ende 2010 verstorbene Spitzendiplomat Richard Holbrooke nannte Annan einmal den „internationalen Rockstar der Diplomatie“. Als „Präsidenten der Welt“ bezeichnete ihn einmal der afghanische Präsident Hamid Karsai. Was ist an Annan, dass er hier wie da gut ankommt?

Kofi Annan hat, was oft fehlt, gerade den Obersten in der UN, was auch sein Vorgänger, der Ägypter Boutros Boutros-Ghali nicht hatte, was aber die Arbeit als Diplomat enorm erleichtert: natürliche Autorität und magnetisches Charisma. Zudem lernte der Spross eines Adelsgeschlechts aus Ghana in seiner langen Karriere alle Tricks, jede Taktik, jede Strategie des Verhandelns.

Blutiger Aufstand gegen Assad
18. Juli 2012: Assads Verteidigungsminister Daud Radscha wird bei einem Anschlag der Freien Syrischen Armee in Damaskus getötet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 99Foto: AFP
18.07.2012 16:0418. Juli 2012: Assads Verteidigungsminister Daud Radscha wird bei einem Anschlag der Freien Syrischen Armee in Damaskus getötet.

Annan und seine Zwillingsschwester Efua Atta, die 1991 verstarb, wuchsen mit drei weiteren Geschwistern in Kumani, Ghana, auf. Kofi Annan ging mit einem Stipendium in die USA. 1962 begann er seine Karriere bei den UN, als er bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf antrat. Damals war er noch mit der Nigerianerin Titi Alakija verheiratet, mit der er eine Tochter und einen Sohn hat. Ende der 70er Jahre trennten sich die beiden. Annan übernahm einen neuen UN-Job in Genf und lernte dort die schwedische Rechtsanwältin und Malerin Nane Lagergren kennen. Die beiden haben weitere drei gemeinsame Kinder. Nane Annan nennt ihre über alle Erdteile verstreute Familie scherzhaft eine „Mini-UN“. Kofi Annan musste sich also mutmaßlich nicht langweilen als Pensionär in der Schweiz.

Seit er den Vermittlerjob in der Syrien-Krise angetreten hat, geht es ihm nun wieder so wie zu Zeiten als UN-Generalsekretär. „Manchmal“, sagte er 2001 in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, „wache ich beim Reisen nachts auf und frage mich: Wo bin ich eigentlich?“ Er war seit dem 23. Februar 2012 fast überall: in Syrien, Russland, China, der Türkei und dem Iran. Und das ist nur eine Auswahl seiner Stationen, auf denen er für seinen Plan zum Frieden in Syrien warb. Annan hört zu und dann redet er so lange auf alle Beteiligten ein, bis sie zumindest argumentativ keinen Ausweg mehr finden.

Es scheint auch in Syrien einigermaßen gefruchtet zu haben. Zumindest am Donnerstags sah es so aus, als sei seine Strategie in Syrien aufgegangen, als könnte sein Sechs-Punkte-Plan erfolgreich sein, denn der Waffenstillstand hielt – vorerst. Am Morgen um fünf Uhr haben die Schüsse, die Raketeneinschläge und Luftangriffe in Syrien zunächst einmal verabredungsgemäß aufgehört. Am Donnerstagnachmittag äußerte Annan sich vor dem UN-Sicherheitsrat vorsichtig in New York optimistisch. „Die Einstellung der Feindseligkeiten scheint zu halten“, sagte er.

Annans Überzeugungskraft hat 2008 auch das Morden nach der vollständig missglückten Wahl in Kenia beendet. Und vielleicht lässt sich an diesem Beispiel die Methode Annan anschaulich beschreiben: Es war Mitte Januar 2008, als Annan in Nairobi eintraf. Da hatten sich schon drei Vermittlungsmissionen die Zähne an den hartleibigen politischen Kontrahenten ausgebissen: Auf der einen Seite stand Mwai Kibaki, Präsident seit 2002 und mithilfe von Wahlmanipulation Ende 2007 wieder gewählter Präsident. Auf der anderen Seite stand sein Gegenkandidat Raila Odinga, inzwischen Premierminister und aussichtsreichster Bewerber für die nächste Präsidentenwahl.

Annan trat seine Mission mit dem Satz an: „Wir erwarten von allen, hart zu arbeiten, um eine Lösung zu finden.“ Klingt hölzern, war es aber nicht. Er sagte den Satz in der Prominentenlounge des Jomo-Kenyatta-Flughafens. Er stand vor riesigen braunen Ledersesseln vor Ölbildern mit Löwen und Zebras darauf, aufrecht wie immer, den Blick über die Fotografen hinweg in die Ferne gerichtet. Seine Stimme klang sanft und freundlich, aber er ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht ohne ein Ergebnis wieder gehen würde. Dabei hatten Kibakis Leute, noch bevor er gelandet war, klargestellt: „Wir haben Kofi Annan nicht eingeladen.“

Annans Auftreten, seine nie versiegende Höflichkeit, sein Respekt vor Menschen, seine Aura haben ihre Wirkung auch in Nairobi nicht verfehlt. Wer Kofi Annan gegenübersitzt, will nicht zum anderen Lager gehören. Mit Annans Erscheinen auf der Bildfläche stellte die Opposition ihre Massendemonstrationen ein, und die Polizei schoss nicht mehr auf Demonstranten. Die Verantwortlichen für die Exzesse gegen verschiedene ethnische Gruppen, die sich nun wohl vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag werden verantworten müssen, riefen ihre Kämpfer zurück. Das Blutvergießen war zunächst einmal beendet.

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