Unicef-Studie über Gewalt gegen Kinder : Blitzableiter der eigenen Eltern

Das Kinderhilfswerk Unicef hat einen Bericht über das dramatische Ausmaß der weltweiten Gewalt gegen Kinder veröffentlicht. Dokumentiert wird ein teils unvorstellbares Ausmaß an schädigenden Taten gegen Minderjährige. Ein Kommentar.

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"Versteckt vor aller Augen" - so heißt der Bericht des Kinderhilfswerkes Unicef.
"Versteckt vor aller Augen" - so heißt der Bericht des Kinderhilfswerkes Unicef.Foto: dpa

Was brauchen Menschen, um zu gedeihen, kleine Menschen, Kinder genannt? Es reicht nicht aus, im Elternhaus für Essen und Obdach zu sorgen. Es genügt nicht, Schulen zu bauen. Es ist nicht genug, wenn die medizinische Versorgung stimmt. Vom ersten Tag ihres Lebens an brauchen Säuglinge, Kleinkinder, Mädchen wie Jungen ein emotionales Klima des Wohlwollens: Sie brauchen die Absenz physischer und psychischer Gewalt.

Seit das der Menschheit dämmerte, gab es Vorkämpfer für dieses Ziel. Inzwischen verspricht die UN-Kinderrechtskonvention jedem Kind das Aufwachsen ohne Gewalt. Auf dem Papier. Davon nehmen Gesellschaften allerdings bisher nur in dem Maß Notiz, wie es ihren Gewohnheiten, Traditionen und Haltungen entspricht.

In nur 39 der 194 Staaten der Erde ist Gewalt gegen Kinder gesetzlich verboten. Bei den Jahresberichten des Kinderhilfswerks Unicef spielte das Thema bisher nur am Rand eine Rolle. Mit dem eben erschienenen Report „Hidden in Plain Sight“ („Versteckt vor aller Augen“) ändert sich das auf einen Schlag, drastisch und dramatisch. Mit dieser weltweit größten Datensammlung anerkennt Unicef erstmals die globale Relevanz des Themas. Implizit wird damit etwa klar gesagt, dass es nicht ausreicht, eine Schule zu bauen – es sollte dort auch keine „traditionelle“ Prügelstrafe geben. Und dass es nicht ausreicht, Kinder zu impfen, damit sie am Leben bleiben. Sie sollen, sie müssen auch emotional und mental gedeihen.

Meist werden die Taten stillschweigend akzeptiert

Ob die Autoren der Studie in Amerika oder Brasilien oder Haiti unterwegs waren, in Bosnien oder Rumänien, im Irak, in Pakistan, Nigeria oder auf den Philippinen – in allen 190 untersuchten Staaten fanden sie Indikatoren für ein teils unvorstellbares Ausmaß an schädigenden Taten gegen Minderjährige. Untersucht wurde körperliche, mentale, sexuelle und emotionale Gewalt, die sich, so Unicef-Direktor Anthony Lake, in der Regel über Generationen fortsetzt.

Obgleich Bildungsferne und ökonomisches Gefälle zu den Hauptursachen der Gewalttaten gehören, ist Gewalt gegen Kinder noch immer eine global grassierende Seuche, auch in hoch entwickelten Staaten. Misshandelt, missbraucht werden Kinder meist im Verborgenen, meist werden die Taten stillschweigend akzeptiert, begangen werden sie auch mit Worten, etwa wenn Eltern zu einem Kind sagen: „Ich wünschte, du wärest nie geboren!“ Schläge, sexualisierte Gewalt, Denunziationen – nicht eine einzige solche Handlung könnte ein Erwachsener gegenüber einem anderen Erwachsenen begehen, ohne dass sie geahndet und geächtet würde, zumal im demokratischen Rechtsstaat.

Was die Unicef-Studie ans Licht bringt ist so sehr allgemeines Wissen wie das Aufgehen oder Untergehen der Sonne. Aber es kommt so wenig ans Licht wie die Sonne bei Nacht. Es ist Wissen, das nicht angesprochen, ausgesprochen werden darf. Dass erwachsene Menschen ihre Spannungen, ihre Wut und Beziehungsdefizite straffrei an nicht erwachsenen Menschen ausagieren, weiß jeder, auch jedes betroffene Kind. Zahllose Legitimationsstrategien bemänteln den Kern dieser Dynamik. Kinder wurden, werden misshandelt unter dem Vorwand, es sei natürliche Notwendigkeit oder religiöse Vorschrift, es handle sich um eine pädagogische Maßnahme, eine Bagatelle, eine Lehre fürs Leben und so fort. Jede dieser Behauptungen dient dem Zweck, die Taten straffrei perpetuieren zu können.

Wo Gewalt gegen Kinder am meisten toleriert wird, gibt es Krisen und Kriege

Enorm sind jedoch die Kosten, sogar im Wortsinn. Mit 210 000 Dollar pro Kind beziffert eine in der Unicef-Studie zitierte Statistik die Folgekosten von Misshandlung und Missbrauch in der Kindheit in den USA: Schulversagen, eingeschränkte Erwerbsfähigkeit, Depressionen, Kriminalität, zerbrechende Partnerschaften und Familien. Ebenso enorm ist die Präventionsrendite, der Erfolg von mehr Aufklärung von Kindern wie Eltern sowie klarerer Gesetzgebung.

Nicht nur gibt es weniger Opfer von Kriminalität, geringere Kosten für den Strafvollzug, für Transferleistungen, Familienhelfer, Jugendämter und so fort. Sondern auch und vor allem weniger individuelles Leid, weniger destruktive Beziehungen zwischen Paaren und Generationen, weniger Leiden von Großgruppen, die als Ersatzsündenböcke dienen. Waren Kinder es gewohnt, die Blitzableiter der Eltern zu sein, machen sie auch ihre Kinder zu Blitzableitern, und ganze Gruppen suchen sich für solche Funktionen „die Juden“, „die Zigeuner“, „die Ungläubigen“. Wo Gewalt gegen Kinder am meisten toleriert wird, gibt es Krisen und Kriege. Schon deshalb müsste die Präventionsrendite Politiker brennend interessieren.

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