Politik : Vorsichtige Genugtuung in der arabischen Welt

Israel gratuliert den USA / Auch Palästinenserregierung begrüßt Tötung / Hamas verurteilt dagegen den „Mord“

von und Charles C. Landsmann[Tel Aviv]

„Eine Katastrophe“, nannte ein Al-Qaida-Mitglied im Jemen den Tod von Osama bin Laden. Erst wollte er die Nachricht nicht glauben, „dann haben die Brüder in Pakistan sie bestätigt“, sagte er. Den ganzen Tag über herrschte in islamistischen Chatrooms der Region eine Mischung aus Verneinung und Entsetzen. Die einen hielten die Meldung für einen westlichen Propagandatrick, die anderen schworen Rache, stellten Gebete online oder sprachen sich gegenseitig Trost zu.

Der Tod des Al-Qaida-Chefs trifft auf einen Nahen und Mittleren Osten, der sich in einem historischen Umbruch befindet. In Tunesien und Ägypten haben die Völker, angeführt durch säkulare junge Aktivisten, ihre autokratischen Regime beseitigt – und damit Al Qaidas ideologisches Kerndogma widerlegt. Denn nicht durch Terrortaten, wie Bin Laden und seine Anhänger stets gepredigt hatten, sondern durch friedliche Demonstrationen hatten sie den Umsturz erreicht. So ging auch die ägyptische Muslimbruderschaft, die sich teilweise auf die gleichen geistigen Wurzeln beruft wie das Terrornetzwerk, am Montag auf Distanz. Osama bin Laden habe nicht den Islam repräsentiert, zitiert AFP den Vize Mahmud Ezzat. Gleichzeitig forderte dieser die USA auf, ihre Truppen aus Afghanistan und Irak abzuziehen. Die Vereinigten Staaten hätten bin Laden als Vorwand benutzt, „um Krieg gegen muslimische Länder zu führen“.

Mohammed Darif, Politologe an der Universität von Casablanca in Marokko und einer der besten Kenner radikaler Bewegungen in Nordafrika, allerdings warnt den Westen vor vorschnellem Jubel. „Was die Bedrohung angeht, wird sich nicht viel ändern“, sagte er dem „Tagesspiegel“. Die regionalen Akteure, die sich den salafistischen und jihadistischen Überzeugungen verschrieben hätten, würden durch bin Ladens Ende in ihrer Schlagkraft nicht geschwächt. „Es wird weiter Attentate gegen westliche und amerikanische Ziele geben. Die Ableger Al Qaidas sind organisatorisch weitgehend unabhängig – im Maghreb, im Jemen oder im Irak“, erläutert er. Schon lange habe bin Laden in Operationen vor Ort nicht mehr eingegriffen. Zudem sieht Darif das Terrornetzwerk durch den „halben Arabischen Frühling“ noch längst nicht von der Bildfläche verdrängt. Waren Ägypten und Tunesien eindeutig Niederlagen für Al Qaidas Ideologen, „spielen die Vorgänge in Libyen und Syrien den Radikalen in die Hände“. Denn Muammar Gaddafi und Baschar al Assad bestätigten wieder das weltanschauliche Narrativ der islamischen Radikalen, dass sich korrupte und diktatorische Regime nur mit Gewalt beseitigen lassen. In den meisten arabischen Staaten herrschte dann auch am Montag ein Ton vorsichtiger Genugtuung.

In Israel hat die Staatsspitze die gezielte Tötung des gefürchteten Terroristen begrüßt und den USA gratuliert. ,Am weitesten ging dabei in seiner Wortwahl Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der die übliche Mitleidsbekundung ins Gegenteil umkehrte: „Der Staat Israel teilt mit dem amerikanischen Volk die Freude über die Eliminierung von Osama bin Laden“. Sprecher und Kommentatoren wiesen darauf hin, dass bin Laden ausdrücklich die Juden und den jüdischen Staat Israel zu wichtigsten Zielen seiner Terror-Organisation erklärt hatte. Ex-Mossad-Chef Ephraim Halevy betonte, dass mit bin Ladens Tod der Terror weltweit nicht spürbar zurückgehen werde. Dennoch gelinge es langfristig nur durch die gezielte Tötung der Anführer, den Terror in Grenzen zu weisen.

Zwei Tage vor der Unterzeichnung einer Einigung auf eine technokratische Übergangsregierung widersprachen sich die Führungen der Palästinenser-Bewegungen Hamas und Fatah in ihrer Beurteilung der Liquidierung bin Ladens. Hamas-Ministerpräsident Ismail Haniyeh in Gaza würdigte bin Laden als „Märtyrer“ und verurteilte „die Ermordung eines arabischen heiligen Kriegers“. In Ramallah begrüsste hingegen der Sprecher der Autonomieregierung,Ghassan Khatib, die gezielte Tötung bin Ladens als „gut für die Sache des Friedens weltweit“.

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