Was lehrt der Lärm um Griechenland? : Der Euro ist ja nackt!

Alexis Tsipras ist weder verrückt noch gemein. Er erweist sich lediglich als kluger Schüler seiner europäischen Lehrmeister. Er erinnert sie an ihr Fehlverhalten. Dafür zürnen sie ihm. Ein Kommentar.

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Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras
Der griechische Ministerpräsident Alexis TsiprasFoto: dpa

Wenn Politiker gefühlig werden, offenbaren sie meist ihre Hilflosigkeit. Wozu sachlich, wenn’s auch persönlich geht? Der Präsident der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, spricht von „Verrat“. Bundeskanzlerin Angela Merkel vermisst Verantwortungsbewusstsein, Finanzminister Wolfgang Schäuble moniert ein „Hin und Her ohne jeden Verstand“ und fordert ein „Mindestmaß an Vertrauen“.

Die Wortwahl belegt, wie tief die Enttäuschung ist über das Verhalten der griechischen Regierung. Sie illustriert aber ebenso, dass die Flucht in Charakterfragen nichts anderes ist als ebendas – eine Flucht. Wären Europa und der Euro so stabil, wie jetzt allerorten betont wird, kämen die Akteure ohne rhetorische Dramatik aus.

Dass sie es nicht tun, verstärkt den Verdacht, ein ganzer Chor pfeife hier im Walde, um sich selbst Mut zu machen. Und nur durch die allgemein grassierende Geschichtsvergessenheit lässt sich erklären, dass sich in das Gezeter über Athen nicht zumindest ein Quäntchen Selbstkritik, ja Reue mischt. Wer nahm denn Griechenland wider besseres Wissen in den Euroraum auf? Wer verstieß jahrelang gegen die Maastricht-Kriterien, setzte nach Belieben die No-bail-out-Klausel außer Kraft, ließ die EZB nach Gutdünken mit Milliardensummen hantieren?

Kurzum: Länder wie Deutschland und Frankreich demonstrierten durch ihr eigenes Verhalten, dass es in Euro-Fragen nie um Recht und Gesetz geht, sondern Frechheit siegt. In dieser Beziehung erwies sich Alexis Tsipras in den Verhandlungen als gelehriger Schüler seiner europäischen Lehrmeister. Daran erinnert er sie. Dafür zürnen sie ihm.

Ist ein Grexit möglich? Bleibt das Land wenigstens in der Nato?

Der Euro ist ja nackt! Plötzlich dämmert es den Akteuren, dass das Experiment einer gemeinsamen Währung von 19 souveränen Staaten, denen die Handhabe fehlt, sich gegenseitig in Haushaltsfragen hineinzureden, scheitern kann. Wer statt auf einklagbare Rechtstreue auf Verantwortung, Nettigkeit und Kompromisswillen setzen muss, hat im Ernstfall nichts in der Hand. So wie jetzt. Was geschieht mit Griechenland? Ist ein Grexit möglich? Bleibt das Land wenigstens in der Nato? Und was tut Europa im Falle einer humanitären Katastrophe? Keiner weiß es. Kompensiert wird die allgemeine Ratlosigkeit durch ostentative Haltungshärte.

Merkel spricht von Europa als einer Schicksals- und Wertegemeinschaft. Sie hat Glück, dass sich die Belastbarkeit dieser Worte am Beispiel Griechenland erweisen muss, dessen Wirtschaft einen Anteil von weniger als zwei Prozent an der gesamten Wirtschaftsleistung des Euroraums hat. Der Euro und Europa sind durch Griechenland nicht gefährdet. Aber der Fall zeigt, was fehlt – ein stabiles Regelwerk, das durch entsprechende Sanktionsmechanismen einen fortgesetzten Missbrauch verhindert. Wer das nicht versteht, macht sich und andere zu Wiederholungstätern.

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