Weltwoche-Titel : Das Kind mit der Knarre

Es war eine Spielzeugpistole - der Vater des kleinen Jungen, der als Mitglied einer angeblich kriminellen Roma-Familie auf einem Schweizer Zeitungstitel landete, möchte das Blatt verklagen.

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Für dieses reißerische Titelfoto eines Roma-Jungen mit Pistole geriet die Schweizer "Weltwoche" massiv in die Kritik.. Foto: Repro/Tsp,Promo
Für dieses reißerische Titelfoto eines Roma-Jungen mit Pistole geriet die Schweizer "Weltwoche" massiv in die Kritik.. Foto:...

Das Kind auf dem umstrittenen Titel der Schweizer „Weltwoche“ ist identifiziert. Es handelt sich um den inzwischen achtjährigen Mentor Malluta, dessen Familie der mit den Roma verwandten sogenannten ägyptischen Minderheit im Kosovo angehört. Ein Foto, auf dem er eine Spielzeugpistole in die Kamera hält, nutzte die „Weltwoche“, um ihre Titelstory „Die Roma kommen - Raubzüge in die Schweiz. Familienbetriebe des Verbrechens“ zu illustrieren. Nach Angaben des Autors der „Open Society Foundations“, der die Familie im Kosovo besuchte, leben die Mallutas inzwischen in einer von der Schweizer Caritas betreuten Siedlung am Rand der Stadt Gjakova; Mentor geht wie seine beiden Schwestern zur Schule, Kinder und Eltern leben in einem  einfachen Zwei-Zimmer-Häuschen, das mit einem Holzofen, Strom und Internet versorgt ist. Als der italienische Fotograf Livio Mancini ihn 2008 fotografierte, befand sich an der Stelle noch eine Müllhalde, auf und von der die Mallutas als Müllsucher lebten. Nach Angaben des „Open Society“-Autors Chuck Sudetic wussten sie bis jetzt nichts von dem Foto, weil der Kleine nichts davon erzählt hatte.

Das ist derselbe Junge - mit einem anderen Spielzeug.
Das ist derselbe Junge - mit einem anderen Spielzeug.Foto: Chuck Sudetic

Mentors 32-jähriger Vater Regjep, der den Lebensunterhalt der fünfköpfigen Familie inzwischen als Holzhacker zu sichern versucht – das Müllsammeln habe nichts mehr eingebracht, nachdem die Stadt die Deponien an private Firmen gegeben hatte – fürchtet nun um seine Familie und will die Kinder nicht mehr zur Schule schicken: „Ich bin verrückt geworden, als ich meinen Sohn in dieser Zeitung sah“, zitiert ihn der Autor. „Ich konnte drei Tage lang nicht schlafen und bin noch immer deprimiert. Ich habe Angst, Angst vor der Politik.“ Die Geschichte mache ihn und seine Familie zu Kriminellen, das Bild erwecke den Eindruck, „als hätte ein kleiner Junge eine tödliche Waffe in der Hand“. Er wolle versuchen, die Weltwoche zu verklagen.

Das ist anderswo schon geschehen. In der Schweiz, Österreich und Deutschland gab es Anzeigen gegen die Weltwoche, der Zentralrat der Sinti und Roma in Deutschland versuchte in der vergangenen Woche sogar, die Auslieferung des Blatts zu verhindern. Die Kölner Fotoagentur laif, die das Bild verkauft hatte, warf der Zürcher Redaktion vor, das Bild „sinnentstellend und wahrheitsverändernd“ verwendet zu haben. Der Fotograf Livio Mancini hatte mit seiner Fotoreportage darauf aufmerksam machen wollen, dass mitten in Europa Menschen auf Müllhalden leben müssen. Philipp Gut, stellvertretender Chefredakteur und Ko-Autor der Roma-Geschichte, wies die Anschuldigungen, auch im Gespräch mit dem Tagesspiegel, empört zurück: Jedes Foto werde bei seiner Wieververwendung aus dem Zusammenhang gerissen, das sei „ein völlig alltäglicher Vorgang“, die Empörung darüber „absolute Heuchelei“.   

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