Wikileaks-Coup "Vault 7" : Die Empörung verbraucht sich

Die Aufdeckungsplattform Wikileaks publiziert die Abhörmethoden des US-Geheimdienstes CIA. Doch das findet weniger Resonanz als der NSA-Abhörskandal 2013. Eine Analyse.

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Das Zeichen des CIA in Langley, USA, im Hauptquartier der Behörde
Das Zeichen des CIA in Langley, USA, im Hauptquartier der BehördeFoto: dpa/Carolyn Caster

Stell Dir vor, Wikileaks landet den größten Coup seiner Geschichte, und die Öffentlichkeit findet andere Themen wichtiger. Die Enthüllungsplattform hat soeben die Programme veröffentlicht, mit denen der US-Auslandsgeheimdienst sich in Smartphones, Computer und die Kommunikation über soziale Medien hackt - ja, sogar einen ausgeschalteten Smart-TV als Instrument zum Abhören von Gesprächen in dem betreffenden Raum nutzen kann. Die Verschlüsselung von Apple- wie Android-Geräten habe die CIA geknackt.

Andere Themen wirken heute aufregender

Doch die größere Aufregung in den USA verursachen die Details des Plans, wie die Republikaner Obamas Gesundheitsreform rückgängig machen wollen; sie könnten zehn bis 15 Millionen Amerikanern ihre Krankenversicherung kosten. Oder auch Nordkoreas Raketentests. In Europa konkurriert der Wikileaks-Coup mit dem internationalen Frauentag, dem Konflikt um Wahlkampfauftritte türkischer Politiker vor Präsident Erdogans Ermächtigungs-Referendum, den Wahlen in den Niederlanden mit dem befürchteten Aufstieg des Rechtspopulisten Geert Wilders und, in Berlin, natürlich dem Skandalflughafen BER.

Es hat sich eben vieles verändert in den letzten Jahren. 2013 war die Nachricht, dass die NSA Transatlantikkabel anzapft, um E-Mail-Kommunikation mitzulesen, und Telefone von Politikern nicht nur gegnerischer, sondern auch befreundeter Staaten abhört, über Tage, wenn nicht Wochen das Hauptthema. Und ebenso zuvor, als Wikileaks 2010 Hunderttausende so genannte "Diplomaten-Kabel" publizierte. Namen wie Edward Snowden, Bradley Manning (der inzwischen das Geschlecht gewechselt hat und sich Chelsea Manning nennt) und Julian Assange hatten Heldenstatus.

Die US-Dienste sind nicht mehr die Hauptschurken

Drei Erkenntnisse stehen im Zentrum des veränderten Umgangs mit Wikileaks-Enthüllungen. Die Aufdeckung bedenklicher Geheimdienstpraktiken gilt nicht mehr als ein durchweg unschuldig-positiver Akt im Dienste der Transparenz. Erstens hat die Öffentlichkeit inzwischen verstanden, dass jene, die das Enthüllungsmaterial zur Verfügung stellen, nicht selbstlos handeln, sondern in der Regel eigene Interessen verfolgen. Krassestes Beispiel war der US-Wahlkampf, in den nach allem Anschein russische Geheimdienste gegen Hillary Clinton und zu Gunsten Donald Trumps eingriffen.

Zweitens hat sich - zu Recht - die Einsicht verbreitet, dass Abhören und Mitlesen kein Alleinstellungsmerkmal böser US-Dienste ist. Alle machen es, auch die Europäer, selbst die angeblich so rechtsbewussten Deutschen, Franzosen und Briten sowieso. "Abhören unter Freunden geht gar nicht"? Das Wort der Kanzlerin wurde bald untergraben durch die Aufdeckung, dass in Datenbanken deutscher Dienste Material über US-Außenminister, türkische und andere Quellen gespeichert ist.

Wikileaks entdeckt seine Mitverantwortung

Vor allem aber gilt die Vermutung: Was die Amis können und tun, können und tun im Zweifel auch Russen und Chinesen. Und wer glaubt schon, dass deren Motive lauter sind und eher im Einklang mit den deutschen Interessen stehen als die amerikanischen? Auch bei den neuesten Wikileaks-Enthüllungen zu den CIA-Techniken lautet die Arbeitshypothese, dass das Material wohl eher aus Russland zu Wikileaks kam. Und nicht von CIA-Insidern, die plötzlich Gewissensbisse bekamen.

Im Übrigen hat auch Wikileaks dazugelernt, das gehört ebenfalls in diesen Kontext. Das Bewusstsein der Mitarbeiter für die eigene Verantwortung wächst offenbar. Die blinde Alles-muss-ans-Licht-Ideologie der ersten Jahre gilt nicht mehr. Hinweise auf die neuesten Programme, die noch in Gebrauch sind, wurden vor der Veröffentlichung getilgt, behauptet Wikileaks, um nicht laufende Operationen und deren Mitarbeiter zu gefährden.

Schöne neue Welt? Digital birgt auch Gefahren

Drittens muss inzwischen wirklich jede interessierte Zeitgenossin und jeder interessierte Zeitgenosse wissen und sich damit abfinden: Kommunikation ist nicht mehr zu schützen. Die meisten Bürger sind ja noch gut dran. Warum sollte sich jemand die Mühe machen, die sprichwörtliche Lisa Müller in Oldenburg oder Otto Schmidt in Stuttgart abzuhören. Ziele sind im Zweifel Menschen und Quellen, die über wertvolle Informationen verfügen, die sich zu Geld machen oder zu Machtgewinn nutzen lassen.

Schöne neue digitale Welt? Das Internet und die digitale Wirtschaft haben unser Leben gewiss auch bereichert und erleichtert. Der Fortschritt bringt aber auch neue Gefahren mit sich. Die Reduzierung der geschützten Räume und der Privatsphäre ist eine davon.

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