Zum Tag der Arbeit : Bist’n Flüchtling, Kollege?

Man sollte sich keine Illusionen machen: Es werden nicht alle Flüchtlinge in Deutschland bleiben dürfen und nicht alle werden Arbeit finden. Viele aber schon. Ein Kommentar.

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In der Firma Reuther STC GmbH in Fürstenwalde arbeitet ein Asylbewerber aus Somalia gemeinsam mit dem Meister für Zuschnitt.
In der Firma Reuther STC GmbH in Fürstenwalde arbeitet ein Asylbewerber aus Somalia gemeinsam mit dem Meister für Zuschnitt.Foto: picture alliance /dpa/Patrick Pleul

Die Euphorie ist dahin. Die Geflüchteten sind da – weitere kommen. Doch werden sie den Fachkräftemangel decken, alle freien Lehrstellen und Arbeitsplätze besetzen, schnell viel Steuern zahlen und die Sozialkassen füllen? Eher nicht. Man weiß mittlerweile: Zu wenige sind gut genug qualifiziert. Zu viele verstehen kein einziges Wort Deutsch. Bis sie die Sprache beherrschen, ausgebildet sind, arbeiten, wird es dauern. Es wird Geld kosten. Aber es wird sich lohnen: Für die Geflüchteten. Für Arbeitgeber. Und Kollegen.

Die jungen Menschen aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan müssen Deutsch lernen. In Wort und Schrift. Es fließt Geld in Kurse, Lehrer werden eingestellt. Zugleich klagen viele Betriebe, dass sie zwar Bewerber für eine Lehrstelle finden, aber die Anschreiben auch der in Deutschland Geborenen voller Rechtschreibfehler sind, die Noten immer schlechter werden, der Ausdruck im Gespräch miserabel ist. Jeder zwanzigste deutsche Schüler verlässt die Schule ohne einen Abschluss. Auch die heimische Jugend muss voll integriert werden. In den Arbeitsmarkt. Da darf es nicht weniger Anstrengungen geben. Es wäre Gift für den sozialen Zusammenhalt.

Verzicht auf deutsche Gründlichkeit

Suchen die Geflüchteten nach einer Stelle, wird ihre Kompetenz festgestellt: Was haben sie gelernt? Haben sie ein Zeugnis dabei? Können sie es sich schicken lassen? Für viele ein Ding der Unmöglichkeit. Deswegen sind immer mehr Arbeitgeber bereit, anders festzustellen, was die jungen Leute können. Sie werden flexibler, verzichten auf ein Stück deutscher Gründlichkeit. In diesen Genuss müssen auch die hier sozialisierten Bewerber kommen. Die Wirtschaft kann nicht mehr allein nach dem Staat und seinen Schulen rufen. Betriebe müssen selbst stärker ausbilden, müssen lehren, was bildungsfernen Jugendlichen – egal woher – nicht beigebracht worden ist.

Klassische Auswahlkriterien wie Noten werden dabei nicht überflüssig, aber Interessen, soziale Fähigkeiten und die Motivation zählen immer mehr. Die Betriebe müssen nach der individuellen Begabung ihrer Bewerber schauen, ihre Stärken stärken. Die große Motivation vieler Geflüchteten erleichtert das.

Deutschland als Einwanderungsland

Weil jene, die nach Deutschland fliehen, nicht ad hoc das Problem des Fachkräftemangels lösen können, braucht es zusätzlich die Zuwanderung Qualifizierter. Die Flüchtlingsdebatte weckt die bisher verschlafene Debatte darüber, wie Deutschland ein attraktives Einwanderungsland werden kann, wie modern und multikulturell es in einer globalisierten Welt ist und sein will. Eine Folge der Flüchtlingsintegration ist bereits, dass Arbeitnehmer in sämtlichen Branchen kulturell geschult werden. Von der Erzieherin bis zum Sicherheitsmann.

Man sollte sich keine Illusionen machen: Es werden nicht alle bleiben dürfen und nicht alle werden Arbeit finden. Viele aber schon. Ein paar wenige jetzt, die meisten später. Über die Hälfte der Geflüchteten ist jünger als 24, sie lernen schnell, wollen und müssen arbeiten. Arbeit ist – neben der Sprache – der beste Weg zur Integration.

Nichtstun frustriert, kann einen Menschen depressiv machen und gefährlich werden. Geflüchtete können den demografischen Wandel abfedern, der den deutschen Arbeitsmarkt vor ganz andere Probleme stellen wird. Und im besten Fall machen sie Deutschland ein Stück weit klüger, lockerer und bunter.

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