Zur Wahl in Griechenland : Sirtaki-Erfinder Mikis Theodorakis kritisiert Alexis Tsipras

Der griechische Komponist Mikis Theodorakis wirft im Interview mit dem Tagesspiegel am Sonntag Ex-Ministerpräsident Alexis Tsipras dessen Kehrtwende bei der Aushandlung eines weiteren Hilfspakets vor.

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Der griechische Komponist Mikis Theodorakis.
Der griechische Komponist Mikis Theodorakis.Foto: picture alliance / dpa

Mikis Theodorakis ist ein griechischer Komponist, Schriftsteller und Politiker. In Deutschland ist er vor allem mit der Sirtaki-Musik zu dem Film "Alexis Sorbas" berühmt geworden. In Griechenland wird er als Volksheld verehrt. Vor kurzem hat er seinen 90. Geburtstag gefeiert. Aufgrund seines hohen Alters tritt er nicht mehr häufig öffentlich auf. Dem Tagesspiegel gab er ein handschriftliches Interview. Theodorakis, der sich über viele Jahrzehnte politisch engagierte, in der Militärdiktatur zum Symbol des Widerstandes wurde und heute der Syriza-Abspaltung des ehemaligen Energieministers Panagiotis Lafazanis nahesteht, zeigt sich in dem Interview enttäuscht von der Politik des Ex-Premierministers Alexis Tsipras.

Herr Theodorakis, Sie kritisieren den Regierungskurs des griechischen Ex-Ministerpräsidenten Alexis Tsipras und rufen zu einer „Volksfront“ gegen die Austeritätspolitik auf. Hat die Syriza-Partei die Werte der Linken verraten?

„Austeritätspolitik und Griechenland“ - das ist ein riesiges Thema. Dazu wurde bereits viel geschrieben und gesagt. Ich habe in Paris gelebt, und mir ist der dort herrschende cartesianische Geist sehr vertraut, der auch die deutsche Denkungsart bestimmt, wobei in Deutschland teilweise eine stark protestantisch geprägte Erziehung und Geschichte dazukommen. Wir Griechen haben eine ganz andere Tradition und Erziehung, die zusammen mit der Orthodoxie unser starkes nationales Bewusstsein ausmachen, aus dem Wertvorstellungen und eine Lebenshaltung resultieren, die einfach vollkommen verschieden sind von denen anderer Nationen.
Unsere Tragödie begann, als die Staaten, in denen der Rationalismus vorherrschte – Frankreich, England und Deutschland – aus unterschiedlichsten Gründen seit dem 19. Jahrhundert auf unser Land Einfluss nahmen, um uns Griechen zu „zivilisieren“, weil sie uns aufgrund unserer nationalen Besonderheiten nicht "verstehen" konnten. Genau dasselbe passiert auch heute. Sie wollen uns partout ihren Rationalismus aufzwingen, das heißt, ihre Leitbilder.

Es wäre an der neuen Linken - im Gegensatz zur historischen Linken, die von ausländischen Vorbildern beeinflusst ist -, unsere nationale Besonderheit zu schützen. Syriza und Alexis Tsipras gehören zu dieser neuen Linken, deren Aufgabe es war, uns vor dem "Rationalismus" von Herrn Schäuble zu bewahren, für den unsere nationale Besonderheit, die dem europäischen Rationalismus zuwiderläuft, ein Störfaktor ist. Dass unser Volk es ablehnt, sich die rationalistischen Scheuklappen Europas aufsetzen zu lassen, verärgert Herrn Schäuble offensichtlich sehr. Mit seinem Versuch, uns dafür zu bestrafen, zwingt er Griechenland diese unsägliche Austeritätspolitik auf, die bereits 50 Prozent der Griechen in die Armut und ins Elend getrieben hat und die mit der Umsetzung des dritten Memorandums auch die anderen 50 Prozent dahin bringen wird.

Welchen Vorwurf machen Sie Tsipras konkret?

Herr Tsipras als linker Politiker und Syriza – sie begannen als erklärte Gegner der katastrophalen Politik der Memoranden (die in Europa "Rettungspakete" genannt werden). Also wie soll man diejenigen charakterisieren, die als Kämpfer gegen die Memoranden antraten und aus denen diejenigen geworden sind, die jetzt das dritte Memorandum der absoluten Katastrophe umsetzen werden?
Ich will keinesfalls behaupten, dass die einzigen Ursachen für die uns von Europa auferlegten Memoranden historische und kulturelle Differenzen seien. Die Ursachen und Gründe dafür sind allseits bekannt. Ich wollte an dieser Stelle lediglich zu einem Punkt etwas sagen, zu dem bislang kaum jemand etwas gesagt hat. Heutzutage fokussiert alles auf die Ökonomie, und die neue Religion der wohlhabenden Länder heißt "Geld". Aber das ist ein Irrtum, und es wird der Augenblick kommen, da das überwunden werden wird. Anstelle des Geldes wird wieder der Mensch Priorität haben.

Sie haben bereits 2013 vor einer Spaltung der Linken gewarnt. War diese Spaltung nach einem Wahlsieg der Syriza-Partei im vergangenen Januar unvermeidlich?

Meiner Meinung nach haben der ehemalige Energieminister Panagiotis Lafazanis und die anderen Anhänger der linken Plattform viel zu spät reagiert. Ich bin der Ansicht, dass es in der Syriza-Bewegung sofort zum Bruch hätte kommen müssen, nachdem klar geworden war, dass Alexis Tsipras eine 180-Grad-Wende vollzogen hatte. Für die griechische Linke mit ihrer Tradition der Unbeugsamkeit ist die Unterwerfung unter ausländische Direktiven, die ausländischen Interessen dienen, ein schändlicher Akt.

Kann es überhaupt eine wirkliche linke Regierung innerhalb des Euro geben?

Natürlich. Aber dazu muss Griechenland ein gleichberechtigtes Land in der Europäischen Union sein, das es nicht ist, und Griechenland müsste seine nationale Unabhängigkeit haben, was nicht der Fall ist.

Könnte eine Position, die für die Rückkehr zur Drachme wirbt, in Griechenland je mehrheitsfähig werden?

Ich halte das für ausgeschlossen.

Sie haben schon viele Wendungen der griechischen Geschichte miterlebt. Wie besorgt sind Sie gegenwärtig um Ihr Land?

Mehr als je zuvor. Und zwar, weil inzwischen allen klar ist, dass die Erdöl- und Gas-Vorräte in Griechenland möglicherweise einen Wert von einigen Billionen Euro haben. Die dramatischen Ereignisse, die zur absoluten Katastrophe in den Ländern des Nahen Ostens und in Libyen geführt haben, machen mir Angst. Denn Auslöser dafür ist genau das: Bodenschätze wie Erdöl und Erdgas, die die starken Nationen für sich beanspruchen. Deshalb werden diese Völker vernichtet. Und auch Griechenlands Vernichtung hat bereits begonnen. Nicht durch Bombardements und Massentötungen, sondern durch Methoden, die ökonomisches Ersticken bewirken. Ich habe es schon oft gesagt: Von dieser Erstickungspolitik mit den Mitteln der Austerität sind bereits 50 Prozent der Griechen auf die eine oder andere Weise betroffen. Durch die Umsetzung der Vorgaben des dritten Memorandums unter der Ägide der Strategen Merkel, Schäuble und jetzt auch Syriza wird unser aller Vernichtung besiegelt.

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