Kolumne Berliner Fußball : Die Rückkehr des Weltenbummlers

Gleich vier Berliner Fußballklubs melden derzeit Ansprüche an, mittelfristig in der 3. Liga spielen zu wollen. Ibrahim Keser hat für alle vier Vereine gespielt, am Wochenende trifft er mit seinem BSV Hürtürkel im Oberliga-Duell auf den BFC Dynamo. Unser Kolumnist hat vor diesem wichtigen Spiel mal bei ihm vorbeigeschaut.

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Ibrahim Keser (Mitte, rotes Trikot) spielt inzwischen für den BSV Hürtürkel.
Ibrahim Keser (Mitte, rotes Trikot) spielt inzwischen für den BSV Hürtürkel.Foto: privat

Mann, das ist gerade wirklich spannend im Berliner Fußball. Einen Verein aus der Ober- oder Regionalliga, der sehr zielstrebig ist und große Aufstiegspläne hat, gibt es zwar eigentlich immer. Der heilige Gral der 3.Liga ist dabei stets das Ziel. Im Moment haben wir jedoch gleich vier Berliner Klubs, die an einer Art Wettrüsten beteiligt sind. Sie alle wollen unbedingt nach oben klettern und sich als dritter Berliner Klub hinter Hertha und Union in den landesweiten Blickpunkt spielen. Interessanter wird das Rennen noch dadurch, dass alle vier Kontrahenten völlig unterschiedliche Wege zum Erfolg nehmen. Und so stellt sich derzeit eine ganz neue Frage: Wer schafft es als erstes?

 Klar, der Berliner AK hat gerade die Nase vorn und gehört schon in diesem Jahr zu den ernsthaften Kandidaten für den Sprung in Liga drei. Viktoria steckt mitten in einer kleinen Anpassungsphase nach dem Aufstieg in die Regionalliga. Dynamo liegt nur einen Schritt dahinter, wird aber aller Voraussicht nach im nächsten Sommer zu den beiden Regionalligisten aufgeschlossen haben. Und dann kommt da noch ein ganz neuer Konkurrent, der ebenfalls angibt, mittelfristig in die dritte Liga aufsteigen zu wollen - der BSV Hürtürkel aus Neukölln.

 Die Mannschaft von Hürtürkel ist jung, aber sie spielen seit Jahren zusammen. Sie sind zusammen aus der Landesliga aufgestiegen und zusammen sind sie in der vergangenen Saison Berliner Meister geworden. Dann ist Spielgestalter Onur Guzer weggegangen – der Trainingsaufwand für die Oberliga war für ihn wegen seinem Job einfach zu viel. Trainer Vedad Beyazit brauchte im Sommer dringend einen erfahrenen Mittelfeldspieler, um seine junge Mannschaft zu führen.

 Ebenfalls im Sommer machte sich Ibrahim Keser selbständig. Der Mittelfeldspieler des BFC Dynamo übernahm in der Kohlfurter Straße in Kreuzberg ein Back-Café und plötzlich hatte er keine Zeit mehr, täglich nach Hohenschönhausen zum Training zu fahren. Dynamo wollte ihn behalten aber das war einfach nicht möglich. Er wechselte zu Hürtürkel, die quasi  um die Ecke am Columbiadamm trainieren, und so löste sich das Problem von Vedad Beyazit. Im Oberliga-Wettrüsten war das ein kleiner, aber wichtiger Sieg für die jungen Aspiranten aus Neukölln.

 Mit seiner Neuverpflichtung ist Beyazit sehr zufrieden. „Ibrahim kann den Ball halten und das Spiel forcieren. Im letzten Spiel (3:3 in Altlüdersdorf, Anm. der Redaktion) musste er eine Gelbsperre absitzen und seine Erfahrung hat uns gefehlt.“ Die Erfahrung von Keser zählt nicht nur auf dem Platz. Der 29-Jährige versucht, den Hürtürkel-Jungs beizubringen, wie schwer und unversöhnlich eine Fußballkarriere sein kann. „Die Jungs sind talentiert  aber die müssen noch viel lernen“, sagt er.  „Sie müssen auch wissen, dass Talent alleine nicht reicht. Fußball ist ein hartes Geschäft. Wenn du vier Jahre lang gut bist und dann ein schlechtes Jahr hast - vergiss es, dann ist es ist vorbei.“

No Dice - Berliner Fußball von A bis Z
14.10.2012, Sömmeringstraße: Brandenburg 03 gegen Türkiyemspor (Berliner-Pilsner-Pokal).Weitere Bilder anzeigen
1 von 27Foto: Ian Stenhouse
18.10.2012 21:4414.10.2012, Sömmeringstraße: Brandenburg 03 gegen Türkiyemspor (Berliner-Pilsner-Pokal).

 Keser spricht aus Erfahrung. Mit 23 wechselte er vom BAK zum türkischen Erstligisten Ankaraspor, von wo er dann leihweise an Keçiörengücü und Polatli Bugsaşspor in die zweite türkische Liga abgegeben wurde. Und dann: Desaster. Keser zog sich einen Kreuzbandriss zu. Das war’s mit dem Fußball-Abenteuer, dachte er, und ging zurück nach Berlin.

Aber seine alten Bekannten vom BAK überzeugten ihn, es nochmal zu versuchen. „Wir hatten eine gute Mannschaft“, sagt Keser über seine zweite Phase beim BAK. „Wir haben den Pokal gewonnen und wir sind in die Regionalliga aufgestiegen. Gegen Mainz 05 im DFB Pokal habe ich ein Tor geschossen.“ Eine tolle Belohnung für seine harte Arbeit.

Im Sommer 2011 wechselte Keser zu Viktoria und dann ein Jahr später zu Dynamo. Der klein und schmächtig wirkende Kämpfertyp hat also für alle Kandidaten im aktuellen Berliner Wettrüsten gespielt – wer ist seiner Meinung nach am besten für den Erfolg aufgestellt? „Ich habe viele Freunde beim BAK und finanziell sind sie stark. Es ist machbar“, meint Keser. „Aber die niedrigen Zuschauerzahlen sind ein Problem. Zuschauer machen schon viel aus, für die Kasse und auch für die Spieler. Ich spiele besser, wenn viele Leute da sind. Ich bin motivierter. Dynamo hat immer viele Fans im Stadion und das ist ein großer Vorteil“.

 Am Sonntag spielt Hürtürkel genau dort, im Sportforum gegen Dynamo (13.30 Uhr im Sportforum Hohenschönhausen), und Keser ist nach seiner Sperre wieder dabei. Seine Erfahrung wird diesmal noch wichtiger sein als sonst. Dynamo hat bis jetzt alle Heimspiele gewonnen und dabei nur ein Gegentor kassiert, aber die Hürtürkel-Jungs wissen bereits, wie mächtig Dynamo ist. Im April, als die Neuköllner an der Spitze der Berlin-Liga saßen, wurden sie gegen eine damals strauchelnde Dynamo-Mannschaft im Berliner Pokal-Achtelfinale gelost. Vor dem Spiel wurde auf der Tribüne über einen möglichen Überraschungssieg für Hürtürkel geflüstert. Endergebnis: 7:0 für Dynamo.

 Eine Überraschung, klar, aber nicht die, die alle insgeheim erwartet hatten. Vor allem Trainer Vedat Beyazit nicht. „Ich hatte nicht mit so einer klaren Niederlage gerechnet. Diesmal werden wir uns besser präsentieren, das kann ich versprechen.“

 Dass dieses Jahr dem BFC Dynamo gehört, ist aber auch den Neuköllnern klar.  „Ich weiß, wie die Mannschaft von Dynamo drauf ist“, sagt Ibrahim Keser. „Die werden mit 15 oder 20 Punkten Vorsprung aufsteigen. Aber über die nächsten Jahre ist es möglich, dass auch Hürtürkel aufsteigt. Warum nicht?“ Mann, dann wäre es sogar noch spannender im Berliner Fußball.

Der Autor: Stephen Glennon kommt aus Irland, lebt seit 2005 in Berlin und ist Mitgründer des englischsprachigen Berliner Fußballmagazins „No Dice“.  Für den Tagesspiegel schreibt Glennon immer freitags über den Berliner Fußball.

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