Kolumne Berliner Fußball : Lichtenberg 47: Die Geduld vor dem Dammbruch

Der Berliner Oberligist Lichtenberg 47 hat eine merkwürdige Hinrunde gespielt. Erst sah alles nach Abstiegskampf aus, dann flog der Klub wie eine Rakete durch die Oberliga. Unser Kolumnist kann davon noch einiges für seine eigene Karriere am Computer lernen.

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Stimmung im "Hans Zoschke" und seinen 47 Freunden.
Stimmung im "Hans Zoschke" und seinen 47 Freunden.Foto: Ian Stenhouse/No Dice

Ich spiele ab und zu ein Computerspiel namens Championship Manager 2001/02. Man wählt eine Mannschaft aus und ist dann der Chef. Ganz einfach. Oder auch nicht. Das Spiel ist alt, aber auch extrem realistisch. Ich wurde als Babelsberg-Trainer gefeuert (bitter) und musste dann mein gesamtes Leben auf den Kopf stellen – der einzige Verein, der mich verpflichten wollte, war Foggia, eine kleine Mannschaft, die in der italienischen Serie C1/B spielte. Und plötzlich kam der Erfolg: Aufstieg, dank meiner talentierten Nachwuchsjungs, und dazu noch der Triumph im Regionalpokal.

Aber dann musste ich eine Lektion lernen. Als kleiner Verein, der unerwartet Erfolg hat, kann man nicht so einfach die Spieler behalten, die den Erfolg gebracht haben. Bei Foggia ging alles ganz schnell wieder bergab und bald war ich erneut auf Jobsuche. Die Aufgabe, eine neue Mannschaft ohne meine besten Spieler zusammenzustellen, war einfach viel zu groß für mich.

So eine ähnliche Erfahrung musste auch der Berliner Klub Lichtenberg 47 machen. Der siebte Platz im ersten Oberliga-Jahr 2012/13 war toll, aber noch besser war die Reise zum Berliner Pokal-Endspiel – wo Lichtenberg ein enorm spannendes Spiel gegen den BFC Dynamo nur knapp verlor. Plötzlich waren Spieler wie Kai Druschky und Lukas Rehbein auf dem Radar anderer Klubs. Der erste wechselte zu Babelsberg 03, letzterer zu Dynamo. Und dann kam noch ein weiterer, bitterer Abgang: Trainer Daniel Volbert musste berufsbedingt aufhören.

Das neue Trainergespann aus Uwe Lehmann und Daniel Dejanovic wusste, dass es keine einfache Aufgabe übernommen hatte. "Nach den vielen Änderungen war uns klar, dass wir uns erst mal finden müssen", erklärt Lehmann. "Wir hatten eine Menge Neuzugänge und außerdem ist es das zweite Jahr nach dem Aufstieg. Uns war klar, dass es schwierig werden könnte."

Die Saison fing auch nicht gut an. Von den ersten neun Spielen gewann Lichtenberg 47 nur ein einziges – gegen den Tabellenvorletzten Schönberg. Zwei Monate der Saison waren bereits vergangen und die Mannschaft von Lehmann und Dejanovic lag auf dem vierzehnten Rang – ein Abstiegsplatz. Viele hätten in dieser Situation wohl den Kopf verloren. Aber nicht Uwe Lehmann: "Um ehrlich zu sein, habe ich nicht das Schlimmste befürchtet", sagt er. "Wir waren immer überzeugt, dass wir eine gute Mannschaft haben und dass wir irgendwann in die Spur kommen und Resultate bringen werden. Wir waren nicht beunruhigt."

Im Oktober kam dann nicht nur die Wende, sondern gleich ein wahrer Dammbruch: Völlig unerwartet gab es einen 3:0-Auswärtssieg beim Tabellenzweiten Brandenburg Süd, gefolgt von einem 6:1 gegen Neubrandenburg und weiteren Siegen gegen Luckenwalde und Malchow. In den vergangenen zwei Monaten hat nur der allmächtige BFC Dynamo mehr Punkte geholt als Lichtenberg 47. Die Mannschaft aus der Hans-Zoschke-Arena bewegte sich plötzlich wie eine Rakete durch die Oberliga-Tabelle: vom 14. auf den 7. Platz in nur fünf Spieltagen. Woran lag diese unglaubliche Transformation?

Lehmann und Dejanovic haben zwangsläufig ein neues Spielsystem entwickelt – ohne die Dribbelstärke und Schnelligkeit von Rehbein und die Torgefährlichkeit von Druschky war eine neue taktische Aufstellung nötig. Und der Trainerstab hat über die gesamte schwere Anpassungsphase hinweg immer eine gewisse Ruhe ausgestrahlt, bis die Siege endlich kamen. "Wir versuchen, taktisch auf gewisse Sachen einzugehen und je mehr gute Ergebnisse man dabei erzielt, desto einfacher wird es, weiter aufzubauen", sagt Lehmann. Deswegen will er die positiven Ergebnisse nutzen, um die Mannschaft noch weiter nach oben zu beschleunigen. "Unser Hauptziel ist es, auch im nächsten Jahr in der Oberliga zu spielen und die entsprechenden Punkte dafür zu holen. Aber wir wollen auch unser Spielsystem verbessern und natürlich in der Tabelle einen guten Platz erreichen, so wie im letzten Jahr."

Im letzten Heimspiel gegen Luckenwalde spielten die Lichtenberger mit vielen kurzen aber direkten Pässen – eine Ausrichtung, die für neutrale Zuschauer äußerst attraktiv ist. Hier gibt es keine langen Bälle, und die Spieler passen sich dem neuen System sehr gut an.

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Am Samstag ist Altlüdersdorf zu Besuch in Lichtenberg und Uwe Lehmann will im letzten Spiel vor der Winterpause unbedingt einen Sieg. "Wir wollen gewinnen, um unsere Serie zu behalten. Es tut sehr gut, wenn man mit einem positiven Eindruck nach Hause geht." Mit einem Sieg am Samstag könnte es eine sehr angenehme Weihnachtszeit für Lehmann, Dejanovic und ihre Jungs geben. Und ich sollte es vielleicht doch noch mal in Foggia probieren. Vorher hole ich mir aber noch ein paar Tipps in Lichtenberg ab.

Stephen Glennon kommt aus Irland, lebt seit 2005 in Berlin und ist Mitgründer des englischsprachigen Berliner Fußballmagazins „No Dice“. Für den Tagesspiegel schreibt Glennon immer freitags über den Berliner Fußball. Bilder und Spielberichte von „No Dice” auf Facebook.

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