Sport : Ein ganzer Klub mit Migrationshintergrund

Der FC Internationale empfindet das Miteinander vieler Kulturen als Bereicherung – Konflikte gibt es in dem Berliner Verein kaum

Friedhard Teuffel

Im Verein ist Sport am schönsten. Aber die Klubs haben zu kämpfen. Sie müssen sich gegen kommerzielle Konkurrenz behaupten, haben es mit einer sich wandelnden Gesellschaft zu tun, die immer älter wird, in der viel Bewegungsarmut herrscht und neue soziale Konflikte auftauchen, etwa durch Migration. Wir stellen Berliner Vereine vor, die modellhaft diese Herausforderungen angenommen haben. Heute Folge zwei: der FC Internationale Berlin und seine Integrationsarbeit.

Auf der Rückfahrt von einem Auswärtsspiel sitzen vier verschwitzte Kinder im Auto von Gerd Thomas. Auf einmal fängt einer an, auf Kroatisch zu erzählen. Dann der nächste auf Arabisch. Mit einem afrikanischen Dialekt und Deutsch kommen am Ende vier Sprachen auf dieser Autofahrt zusammen. „Das ist Normalität“, sagt Thomas. Er gehört der Jugendleitung beim FC Internationale an, einem Verein aus Schöneberg, der sein Profil im Namen trägt. Die 757 Mitglieder haben ihre Wurzeln in 35 Ländern, es gibt sogar eine Nachwuchsmannschaft, in der jeder junge Spieler aus einem anderen Land kommt.

Der Sport und gerade der Fußball soll ein besonders wirksames Mittel zur Integration sein. Der Deutsche Fußball-Bund hat inzwischen eine eigene Integrationsbeauftragte. Das ist die Reaktion auf den gestiegenen sozialen Anspruch, aber wohl auch auf rassistische Vorfälle in großen Stadien und auf kleinen Plätzen. Die Verlierer der Gesellschaft scheinen oft junge Migranten zu sein, die in Großstädten ohne Perspektive aufwachsen. Auf dem Sportplatz wird aus Enttäuschung über das eigene Leben manchmal Gewalt.

Beim FC Internationale kannten sie solche Vorfälle bisher eher von anderen Vereinen. Als kürzlich ein Spiel der 2. Herren wegen Tätlichkeiten von Inter-Spielern abgebrochen wurde, war der Klub zunächst bestürzt. Aber der Geschäftsführer Hans-Peter Hubert sagt: „Die Unschuld verlieren heißt auch, erwachsen zu werden. Jetzt kommt es darauf an, wie wir damit umgehen.“ Verharmlosen wollten sie es nicht. Der Vorstand entschied daher, die Mannschaft vom laufenden Pokalwettbewerb abzumelden und – das hat es vorher im Berliner Fußball noch nicht gegeben – als komplettes Team zum Anti-Gewalt-Training anzumelden.

Etwas für die Integration zu tun, stand am Anfang beim FC Internationale gar nicht im Vordergrund. Als der Klub 1980 gegründet wurde, ging es vor allem darum, Amateurfußball zu spielen ohne Geld oder Werbung. Weil einige Spieler aus der Freizeitmannschaft „Internationale Studenten“ der Technischen Universität kamen, übernahm man einfach diesen Namen. Dennoch spielte Multi-Kulti von Anfang an eine Rolle. „Die Schlagzeile der Fußball-Woche lautete damals: Spieler aus neun Nationen gründen einen Verein“, erzählt Hubert. „Heute ist für uns entscheidend, das Miteinander als Selbstverständlichkeit zu leben, egal woher einer kommt“, sagt er und erklärt, was das bedeutet: „Unseren sportlichen Leiter haben wir uns ausgewählt, weil er Ahnung vom Fußball hat und nicht, weil er Exil-Iraner ist.“

B- und A-Jugendteams sowie die Herrenmannschaften stellen ihre Ansichten mit „No Racism“ auf dem Trikot zur Schau. Die Jüngeren spielen ohne diesen Aufdruck. „Die Kinder lernen voneinander am meisten, da wollen wir nicht politisch hineinagitieren“, sagt Hubert. Er lehnt es ab, ein besonderes Bewusstsein für Multi-Kulti im Verein zu schaffen. „Das könnte etwas problematisieren, was bislang gar kein Problem war“, sagt er. Sensibilität für dieses Thema sei wichtig, „aber man sollte bei uns nicht ständig im Kopf haben: Ich schieße Tore für die Integration. Die beste Integration ist ohnehin die, die einfach stattfindet.“

Wo Integration gelebt wird, ist Migration ein belebendes Element, sagt Gerd Thomas. Immer mehr Eltern schicken ihr Kind daher gerne zum FC Internationale, um es in einer der 30 Jugendmannschaften spielen zu lassen. „Wir können uns vor Anfragen kaum retten, und weil der Bezirk nur begrenzt Sportplätze zur Verfügung stellt, müssen wir zwischendurch immer wieder einen Aufnahmestopp verhängen“, sagt Thomas.

Besonderen Wert legt der Verein auf die Sprache. „Unsere 450 Jugendlichen sprechen Deutsch auf dem Platz, weil es gar nicht anders geht“, sagt Jugendkoordinator Thomas. Die Übungsleiter seien bewusst hinterher, dass die Verständigung klappt. Die Auswahl des Personals hat daher auch eine große Bedeutung. „Es gibt Vereine, die nehmen jeden Trainer, wir nicht“, sagt Gerd Thomas und ergänzt: „Wir machen uns vielleicht mehr Gedanken als die anderen, und es gibt keinen starken Mann bei uns, wir sind nicht so autoritätsfixiert wie andere Vereine.“

Der FC Internationale hat sich noch einiges vorgenommen: Nachhilfeunterricht, Anti-Gewalt-Programme, Computerkurse, Konflikttraining – all das, was zur Integration beiträgt. Dafür knüpft der Verein auch Kontakte mit Schulen. „Wir würden uns gerne noch mehr engagieren, aber es ist nicht einfach zu leisten. Und wir haben noch nicht einmal eigene Vereinsräume“, sagt Thomas. Dennoch sind sie schon jetzt mit sich zufrieden und andere auch mit ihnen, wie Geschäftsführer Hubert erzählt: „Wir freuen uns nicht nur über jeden Turniersieg, sondern auch über jeden Fairness-Pokal.“

Bisher im Tagesspiegel erschienen: Die Turngemeinde in Berlin und ihr Angebot zum Fitness-Sport (18.2.).

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