Sport : Einfach nur zermürbend

Der Kinofilm „Phoenix in der Asche“ dokumentiert den Abstiegskampf in der Basketball-Bundesliga

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„Pump you up!“ Hagens Trainer Ingo Freyer (r.) erreicht seine Spieler nicht immer. Foto: promo
„Pump you up!“ Hagens Trainer Ingo Freyer (r.) erreicht seine Spieler nicht immer. Foto: promo

Berlin - Ingo Freyer will seine Mannschaft endlich wachrütteln. Schon wieder liegen die Basketballer von Phoenix Hagen zur Halbzeit eines Bundesligaspiels deutlich zurück, ihr Trainer ringt mit den richtigen Worten, um die längst demoralisierten Spieler im scheinbar ewigen Abstiegskampf zu pushen, heiß zu machen, anzufeuern. Jetzt oder nie muss die flammende Ansprache kommen, wenn es noch mit dem Klassenerhalt klappen soll. Freyer aber stellt sich in die Kabine und sagt: „Ich möchte, dass jeder seine persönliche Unzufriedenheit in Aggression umsetzt“, die Spieler schweigen dazu. Dem Zuschauer wird klar: Ingo Freyer ist nicht Al Pacino, Phoenix Hagen sind nicht die Los Angeles Lakers. Und Profisport ist oftmals nicht glamourös, sondern nur noch zermürbend. Es sind Momente wie dieser, die den Dokumentarfilm „Phoenix in der Asche“ prägen.

Regisseur Jens Pfeifer hat den Traditionsverein aus Hagen 2009/10 in dessen erster Saison nach dem Wiederaufstieg begleitet – im Training, bei Spielen, auf Busfahrten, bei Besprechungen. Herausgekommen ist ein Einblick in ein Team, für das es von Anfang bis Ende der Saison nur gegen den Abstieg geht. Gestern hatte der Film in Hagen Premiere, in Berlin wird er ab dem 1. Dezember im Kreuzberger fsk-Kino am Oranienplatz laufen.

Protagonist des Films, der komplett ohne Interviews auskommt, ist Coach Ingo Freyer. Der zu Beginn der Dreharbeiten 38 Jahre alte ehemalige Profi von Alba Berlin wirkt wie ein verkopfter Lehrer, der nicht nur wegen seiner drolligen englischen Ausdrucksweise oft an seinen Schülern vorbeiredet. Im Gespräch mit seinem Assistenztrainer fragt sich Freyer einmal, ob er den Spielern nicht einfach sagen kann, dass sie schlicht und einfach zu schlecht sind. Denn genau danach sieht es nun einmal aus während der Saison, in der Hagen am Ende auf neun Siege und 25 Niederlagen kommt. Wenn die Hagener Mannschaft dann doch das laut Freyer „wichtigste Spiel der Saison“ gewonnen hat, holt auch ein Konkurrent im Abstiegskampf einen überraschenden Sieg, der Coach muss das nächste „wichtigste Spiel der Saison“ ausrufen. Den Spielern sind Frust und Langeweile anzusehen, wenn ihr Trainer mit ihnen per Video die Gegner analysiert oder die möglichen Punkte aus dem Restprogramm vorrechnet.

Jens Pfeifer und seinem Kameramann Tobias Tempel gelingt es dabei, nah am Geschehen zu sein und trotzdem Distanz zu wahren. Man merkt dem Film an, dass Pfeifer als gebürtiger Hagener und langjähriger Basketballer sehr viel für Stadt und Sportart übrig hat. Das Team spielt die Saison zu allem Überfluss mangels Alternative in einer alten umfunktionierten Industriehalle, in der Staub und Kälte ein Profitraining manchmal fast unmöglich machen. Pfeifer dokumentiert liebevoll, wie die basketballverrückten Hagener die Halle in Eigenregie umbauen, für die Spieler bedeutet das Provisorium bei Innentemperaturen von zwölf Grad Celsius einfach nur den alltäglichen Wahnsinn eines finanziell klammen Klubs. Bei aller Liebe zu den Details der Basketball-Ästhetik und der ganz eigenen Hagener Folklore verliert Pfeifer ab und zu die Mannschaft dann doch aus dem Auge. Man würde gerne noch mehr erfahren über Freyers Verzweiflung, die spielerischen Gründe der sportlichen Misere oder den offen ausgetragenen Streit zwischen Aufbauspieler Chase Griffin und dem während der Saison verpflichteten Routinier Michael Hakim Jordan, der erst Hoffnung und dann Chaos ins Team bringt.

Von diesen kleinen Schwächen abgesehen erzählt „Phoenix in der Asche“ aber sehr viel über einen Alltag im deutschen Basketball, der zwischen Tragik und Komik schwankt. Wenn Jordan während einer der zahlreichen Busfahrten ein Bauernomelette bestellt und dabei mit der deutschen Sprache und der Raststättenbedienung ringt, wird klar, wie fremd sich die amerikanischen Profis in Deutschland fühlen. Gleichzeitig sollen die mäßig bezahlten Einzelkämpfer, die meist nur eine Saison für einen Klub spielen, eine verschworene Gemeinschaft bilden. Selbst wenn sie so spielen, als seien sie „die Fußabtreter der Liga“, wie es Jordan seinen Mitspielern ins Gesicht brüllt.

Am Ende gelingt Hagen der Klassenerhalt, die webmoebel Baskets Paderborn und die Giants Düsseldorf müssen absteigen. Ingo Freyer sagt, er habe in der einen Saison so viel gelernt wie eigentlich in drei oder fünf Jahren. Dem Zuschauer reichen dafür schon fast die 88 Minuten, die „Phoenix in der Asche“ dauert.

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