Sport : Heiko Schaffartzik: "Basketball wird mein Leben sein"

Dietmar Wenck

Jedes Jahr kurz vor Weihnachten besucht die Basketball-Mannschaft von Alba Berlin die Kinderkrebsstation des Virchow-Krankenhauses. Da werden Geschenke überreicht, die Alba-Fans durch Spenden finanziert haben. Der Mannschaftskapitän liest eine Weihnachtsgeschichte vor. Die Kinder sind glücklich, Besuch von Stars wie Wendell Alexis zu bekommen.

Vor drei Jahren wünschte sich ein 13-jähriger, an Leukämie erkrankter Junge, dass Jörg Lütcke an sein Bett kommen möge. Dieser Junge erzählte ihm, dass er wie der Nationalspieler selbst auch als Basketball-Mini im TuS Lichterfelde angefangen hatte. Bei denselben Trainern, Marina Zöllner und Carsten Kerner, die ihm das Basketballspielen beigebracht hatten. Und plötzlich war für Jörg Lütcke diese Krankheit, die bekanntlich immer nur die anderen bekommen, sehr nah.

Jetzt wird es nicht mehr lange dauern, dann könnten sie sich als Spieler gegenüberstehen. Zumindest im Training, denn Heiko Schaffartzik ist nicht nur wieder gesund geworden, sondern auch noch zu einem der größten deutschen Talente in seiner Sportart gereift. Beim Kooperationspartner von Alba Berlin, dem TuS Lichterfelde, kommt er in der Zweiten Liga als Spielmacher regelmäßig zum Einsatz. Der weitere Weg ist vorgezeichnet. In zwei Jahren möchte er es in den Alba-Kader geschafft haben. Hohe Erwartungen werden in ihn auch im Hinblick auf die Junioren-Europameisterschaft 2002 gesetzt. Dort soll der Jahrgang 1984, sein Jahrgang, endlich einmal wieder eine Medaille für den deutschen Basketball gewinnen. Vor ein paar Monaten wurden die 84er von den Bundestrainern gesichtet. 50 Talente waren da. Heiko Schaffartzik haben sie zum besten Spieler gewählt.

Alle drei bis vier Monate muss er noch untersucht werden. Die Chemotherapie lief 1999 aus. Einige Aufregung herrschte in der Familie, als Heiko vor kurzem am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankte. Der Vater, ein Arzt und früherer Basketball-Bundesligaspieler, hatte schon Angst, es könnte ein Rückfall sein. Doch sein Sohn beruhigte ihn - nein, das war ein ganz anderes Gefühl damals. Er hatte diesmal keine Kopfschmerzen. Heiko Schaffartzik spricht ungern, aber offen über die Krankheit. "Die Zeit ist für mich ziemlich weit entfernt", sagt er. "Man denkt das gar nicht, aber mein Vater hat mir das gleich prophezeit." Sehr sachlich schildert der inzwischen 16-Jährige, wie gut doch seine Chancen standen, gesund zu werden. Die Ärzte hatten ihm gesagt, in seinem Alter, bei dem Grad seiner Krankheit, lägen sie bei achtzig Prozent.

Vergessen ist die Zeit aber nicht. Nicht, dass ihn seine Mitspieler fast täglich zu Hause besucht haben. Carsten Kerner, heute Manager bei Alba Berlin, erzählt, dass die Jungen einen regelrechten Besuchsdienst eingerichtet hätten, "obwohl sie mit dem Begriff Leukämie überhaupt nichts anfangen konnten". Aber dass da einer von ihnen Hilfe brauchte, war schon klar. Also haben sie ihn immer auf dem Laufenden gehalten, wann die nächsten Spieltermine sind, wann sie wieder mit ihm rechnen. Haben Briefe geschrieben, sein Trikot nicht weitergegeben. Haben ihn mit auf ein Turnier nach Litauen genommen, als er noch einen dauerhaften Infusionszugang in der Brust hatte. Die Chemotherapie war gerade abgesetzt worden. Obwohl Heiko noch sehr schwach war, hat er wenigstens ein paar Minuten mitgespielt. Er konnte spüren, wie es vorwärts geht.

"Viele Freunde hatte er immer schon", erzählt seine Mutter. "aber diese Freundschaften haben sich vertieft." Auch die Fußballmannschaft, in der er damals noch spielte, hat sich um ihn gekümmert. Heute sagt Heiko Schaffartzik: "Ich bin ihnen allen richtig dankbar, dass sie immer gekommen sind."

Nun ist er ihnen wieder ein Stück voraus. Man kann nicht sagen, dass der junge Mann hohe Ziele hat. Er hat die höchsten. Zunächst einmal will Heiko Schaffartzik noch ein Stückchen wachsen. Seine 180 Zentimeter Körpergröße sind ein bisschen zu wenig für einen Spielmacher, zehn Zentimeter mehr dürften es schon sein. Und dann will er sich auch noch hocharbeiten. Lange schon hat Schaffartzik einen Entschluss gefasst. Als der kleine Heiko laufen lernte, hat er angefangen, Fußball zu spielen, erinnert sich seine Mutter. Als er den Ball halten konnte, begann er zu dribbeln. "Basketball", sagt der junge Mann jetzt, "wird mein Leben sein."

Nie werde er sich mit dem Erreichten zufrieden geben. Einer der besten Spielmacher Deutschlands werden, dann einer der besten Europas. Und schließlich will Heiko Schaffartzik zu den Allerbesten, in die NBA. Jeden Morgen schaut er im Videotext nach, wie Dirk Nowitzki gespielt hat. Sein Idol ist der beste Deutsche in der NBA nicht - "er spielt ja auf einer anderen Position". Aber er hat gezeigt, dass es geht. Ist das nicht ein wenig übertrieben mit der NBA?

"Man muss sich immer mehr vornehmen, als man erreicht hat", findet Heiko Schaffartzik. Momentan trainiert er nur einmal am Tag, er hätte Lust auf dreimal. Aber da ist ja noch die Schule. "Er lernt leicht, aber nicht viel", sagt seine Mutter. Die 8. Klasse der JFK-Schule hat Heiko Schaffartzik zu drei Vierteln versäumt wegen seiner Krankheit - die Versetzung hat er trotzdem geschafft. Lächelnd erzählt seine Mutter, dass "er sich inzwischen nur noch den Eltern zuliebe für die Schule interessiert".

Nun also ist Heiko Schaffartzik auf seinem Karriereweg in der Zweiten Liga angekommen. Eine Viertelstunde Einsatzzeit pro Spiel hat er im Durchschnitt; in einem Spiel gegen die BG Zehlendorf, seinem vierten Zweitligaspiel überhaupt, kam er auf 19 Punkte. Herausragend ist Heiko Schaffartzik allerdings besonders dann, wenn er gegen Gleichaltrige antritt. Wie bei der Finalrunde um die Deutsche C-Jugend-Meisterschaft im vergangenen Jahr. Der TuS Lichterfelde wurde Meister, Schaffartzik war der beste Spieler in seinem Team. Zu den Zuschauern in der kleinen Sporthalle der Lichterfelder Kronach-Grundschule zählte Jörg Lütcke. Genau zehn Jahre zuvor hatte dieser in genau derselben Halle ebenfalls mit TuSLi den Titel in der C-Jugend gewonnen. Da war die gemeinsame Basketball-Geschichte auf einmal ganz nah. Und die andere Geschichte wieder ganz weit weg.

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