Hürden im Anti-Doping-Kampf : „Die Leute wollen den Sport nicht entzaubern“

Der Dopingexperte Perikles Simon kritisiert im Interview ineffektive Tests und fehlendes Engagement. Verantwortlich dafür macht er das Versagen der Politik. Außerdem hat er Zweifel an angeblich sauberen deutschen Athleten.

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Perikles Simon ist Sportmediziner an der Gutenberg-Universität in Mainz. Bis Ende 2013 war er in der Gendoping-Expertenkommission der Welt-Anti-Doping- Agentur (Wada). Im Interview kritisiert er fehlende Transparenz und mangelnden Erfolgswillen bei der Dopingbekämpfung.

Herr Simon, ist das Anti-Doping-System in seiner jetzigen Form gescheitert?

Das kann und soll ja gar nicht funktionieren. Die Wada hat das mal von einer Expertengruppe analysieren lassen. Die sagen, da ist einfach überhaupt kein Appetit vorhanden, in ausreichendem Umfang positive Proben herbeizuführen. Die menschliche Schwäche, die Interessenskonflikte im System, das höhlt das System aus.

Es gibt im Sportsystem eine breite Front, die kaum Interesse an Dopingfällen hat: Sportler, Verbände, Trainer, Zuschauer, Sponsoren, Medien. Wie motivieren Sie sich da für Ihre Arbeit als Dopingbekämpfer?

Ich bin einerseits Experte für Leistungsphysiologie, das interessiert mich. Die andere Frage, die mich interessiert, ist: Kann man ein System, in dem ein extremer Druck zum Betrug herrscht, annähernd sauber kriegen? Ich glaube, dass diese Frage immer wichtiger wird. In den 60er und 70er Jahren gab es im Grunde nur die Angst vor der Atombombe. Heute gibt es die Möglichkeit, in einem Labor ein Virus zu erzeugen, das die Menschheit ausrottet. Das ist schon geschehen, vor zwei Jahren. Und die Forscher standen vor der Frage: Sollen wir das jetzt wissenschaftlich publizieren oder nicht? Und diese Frage lässt sich nur ganz, ganz schwer beantworten.

Die dunkle Seite der unbegrenzten Möglichkeiten reizt Sie?

Ja. Bei diesen gesellschaftlichen Problemzonen, ob NSA oder Biotechnologie, da landen wir immer wieder bei der Frage: Wie schränkt man etwas ein, das so potent und mächtig ist? Doping im Leistungssport ist ein solcher Bereich, über den wir historisch bedingt schon sehr viel wissen. Man kann hier wunderbar exemplarisch lernen, wie es nicht funktioniert. Und das ist wichtig.

Fühlen Sie sich bei Ihrem Kampf von der Politik unterstützt oder behindert?

Konkrete Unterstützung oder nicht, das ist ja die eine Sache. Auf der guten Seite der Macht geht es sehr vielen Leuten gar nicht ums Geld. Aber wenn einem natürlich unter fadenscheinigen Argumenten Felsbrocken in den Weg gerollt werden, gibt es offensichtlich größere Probleme.

Perikles Simon.
Perikles Simon.Foto: imago

Zum Beispiel ist die von der Wada beauftragte anonyme Umfrage bei der Leichtathletik-WM 2011 in Daegu immer noch nicht offiziell veröffentlicht. 29 Prozent der Athleten gaben darin zu, gedopt zu haben. Wieso greift die Politik in so einem Fall nicht ein?

Das ist eine sehr gute Frage. Die Politik ist immerhin Finanzier des Anti-Doping- Kampfs. Man muss nicht bei jedem Fehler fundamental eingreifen. Aber wenn etwas schiefläuft, dann erwartet man schon, dass es aufgearbeitet wird. Man hat das Gefühl, es werden da sehr viele Hausaufgaben nicht gemacht. Die Athleten wissen immer noch nicht, wie viele fäschlich positive Tests entstehen können. Man weiß noch immer nicht, wie unreif oder reif bestimmte Testverfahren sind. Es sind viele Punkte, über die wir sehr wenig erfahren.

In Deutschland ist das Bundesinnenministerium für den Sport zuständig. Wie sieht Ihre Zusammenarbeit aus?

Ehrlich gesagt habe ich gar keinen Kontakt dorthin. Das ist Jahre her, dass ich mal angesprochen wurde, von einem aus dem Dienst ausscheidenden Staatssekretär. Da mache ich mir auch keine Illusionen, dass dort jemand mit offenen Armen auf mich zukommt. Ich glaube tatsächlich, es handelt sich hier um Systeme, die gar keine kritische Betrachtung von draußen brauchen. Da ist es im Gegenteil lästig, wenn von außen noch draufgeguckt wird.

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