Leichtathletik : Die Brüder Diskus

Weltmeister Robert Harting erwächst ein starker Mitstreiter – aus der Familie. Sein Bruder Christoph habe "gigantische Reserven".

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Starke Berliner. Bei den deutschen Meisterschaften werfen Robert (sitzend) und Christoph Harting erstmals in einem großen Wettbewerb gegeneinander, der ältere Bruder träumt schon von einer gemeinsamen Olympiateilnahme 2012.
Starke Berliner. Bei den deutschen Meisterschaften werfen Robert (sitzend) und Christoph Harting erstmals in einem großen...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Berlin - Der Allergrößte zu sein, das schien als Bild genau auf Robert Harting zu passen. Weltmeister im Diskuswerfen. Ein Kerl von zweihundertundeinem Zentimeter. Und einer, der es gerne mit Worten scheppern lässt. Aber jetzt trottet jemand hinter ihm über den Bürgersteig, der ihn noch einmal um sechs Zentimeter überragt. Die hochfrisierten roten Haare nicht einmal mitgerechnet.

Seitdem sein fünf Jahre jüngerer Bruder Christoph Harting in diesem Jahr seine Bestweite auf 61,10 Meter gesteigert hat, deutet einiges darauf hin, dass Robert Harting, 25, aus der eigenen Familie ein großer Gegner erwächst. Am Wochenende bei den deutschen Meisterschaften in Braunschweig werden die beiden Brüder ihren ersten wichtigen Wettkampf bestreiten.

Miteinander? Gegeneinander? Sie sind erst einmal glücklich, dass sie jetzt zusammen werfen. „Es war immer das Ideal für mich, gemeinsam als Brüder öffentlich aufzutreten“, sagt Christoph Harting, als sie auf einer Dachterrasse am Gendarmenmarkt sitzen, und sein Bruder sagt: „Ich freue mich auf diese Gelegenheit, Diskuswerfen dahin zu bringen, wo es keiner vermutet hat.“

Zusammen wollen sie die Hauptattraktion einer ganzen Sportart werden. So wie es auch andere geschafft haben mit ihren Familiengeschichten, ob es die Klitschko-Brüder sind oder die Williams-Schwestern. Und sie würden gerne die starke Bruderschaft aus Berlin sein. Zwei große ruppige Jungs aus einer großen ruppigen Stadt.

Ihre Geschichte erzählt aber auch von zwei sensiblen Brüdern, die sich erst spät gefunden haben. Als Robert mit 15 Jahren von Cottbus ins Sportinternat nach Berlin wechselt, ist Christoph zehn Jahre alt. Die nächsten Jahre werden beide nebeneinanderher leben. Robert arbeitet sich ehrgeizig an die Weltspitze heran, Christoph tobt seinen Ehrgeiz höchstens am Computer aus. Abends um sechs setzt er sich vor ein Rollenspiel. Morgens um sechs hört er damit auf. Geschlafen wird in der Schule. „Da ist es mir zu bunt geworden“, sagt Robert Harting. Er beschließt aus der Ferne: Christoph muss zu ihm nach Berlin. Sein Talent nutzen. Ein richtiger Diskuswerfer werden.

Von da an beginnt die Beziehung der beiden noch einmal neu. „Ich bin nach Berlin gekommen, um meinen Bruder kennenzulernen“, sagt Christoph Harting. Sie müssen sich erst annähern. „Du musst dir in Berlin eine Hülle aufbauen und deinen Kopf entwickeln“, sagt Robert ihm, aber seine Ratschläge kommen beim jüngeren Bruder nicht immer gut an: „Wenn dich ein Mann – groß, breit, tiefe Stimme – so behandelt wie er mich, kam das immer wie ein unterschwelliger Vorwurf rüber. Es war so gezwungen.“

Nach viel Zeit miteinander entwickeln sie ein neues Verhältnis zueinander. „Wir sind jetzt wie Kumpels, wir können uns alles anvertrauen“, sagt der ältere. Auch ihre Selbstzweifel. Christoph fragt sich etwa, ob er nicht ständig mit seinem Bruder verglichen wird. Das hemmt seine Leistung. Viele Gespräche mit seinem Bruder, seiner Freundin und auch einem Mentaltrainer lösen den Druck auf. Er nähert sich jetzt der deutschen Spitze. „Seine Leistung ist für mich nicht neu. Neu ist nur, dass er sie auch bei Wettkämpfen zeigt“, sagt Robert Harting. Wie sie den Diskus werfen, darin unterscheiden sie sich deutlich: „Meine Technik ist kompromissloser und eben besser“, sagt der Weltmeister, „Christoph wirft in einer langen Beschleunigungsphase den Diskus ab, das ist sein Vorteil. In der Beinarbeit hat er gigantische Reserven.“

Querköpfe sind sie beide, auch wenn der jüngere Bruder etwas besonnener wirkt. Robert Harting hat mit unbedachten Worten gegen DDR-Dopingopfer in den Tagen vor seinem Weltmeistertitel 2009 schon einigen Wirbel verursacht. Er braucht manchmal offenbar jemanden, dem er es richtig zeigen kann.

Im nächsten Jahr will Christoph Harting sein Abitur machen, Robert studiert Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. An erster Stelle steht aber der Sport. „Zusammen international zu starten, darauf arbeiten wir jetzt hin“, sagt Christoph Harting. Die erste Gelegenheit dazu könnte sich am 22. August beim Istaf im Olympiastadion bieten. Und der erfahrene Bruder denkt schon weiter. „Wenn er in zwei Jahren 65 Meter wirft, würde das auch für die Olympischen Spiele reichen.“ Die Zeit danach kommt bislang nur im Spaß vor: „Du weißt nicht, wie es ist, wenn ich gegen dich gewinne“, sagt der jüngere und bekommt erst ein dreckiges Lachen als Antwort und dann ein nachdenkliches: „Ja, irgendwann wird es so kommen.“

Wenn sie jetzt zusammen auf Wettkampfreisen gehen, wird Robert Harting aber auch weiterhin ein Einzelzimmer nehmen. „Finde mal ein Zimmer, in dem zwei Zwei-Meter-Latten wie wir Platz haben.“

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