• Nach dem kontroversen Sieg in Malaysia: Rückendeckung für Vettel: "Wer Weltmeister werden will, muss kompromisslos sein"

Nach dem kontroversen Sieg in Malaysia : Rückendeckung für Vettel: "Wer Weltmeister werden will, muss kompromisslos sein"

Vettels früherer Teamchef Peter Mücke verteidigt den dreimaligen Weltmeister gegen die Kritik an seinem umstrittenen Sieg in Malaysia. Mücke sagt: "Rennfahrer sind und bleiben Egoisten.“

Foto: dpa

Herr Mücke, Sie kennen den Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel aus der Zeit in Ihrem Team. Waren Sie überrascht davon, dass er bei seinem Sieg in Malaysia die Stallregie von Red Bull ignoriert hat?

Nein. Ein Fahrer, der Weltmeister werden will, der muss so kompromisslos an die Sache herangehen. Rennfahrer sind Egoisten und werden es immer bleiben. Auch wenn es irgendwo ein Teamsport ist: Wenn du da draußen bist, bist du allein.

Sie kennen als Fahrer und Teamchef beide Seiten. Sind Sie für oder gegen Stallregie?

Bei mir im Rennstall mache ich das grundsätzlich nicht. Ich bin viel zu sehr Racer und Sportler. Die Piloten fahren für ihre Karriere, da klinke ich mich nicht ein. Das müssen die auf der Strecke entscheiden.

Der Pilot Mücke hätte reagiert wie Vettel?

Ja. Ich hatte auch Überholmanöver, wo ich hinterher gedacht habe: Oh, hätteste vielleicht besser gelassen. Aber das kommt instinktiv. Wenn man ein Racer ist, ist man ein Racer, das kann man nicht abstellen.

Darf sich ein echter Rennfahrer nicht an eine Stallorder halten?

Zumindest nicht die speziellen, die es in sich haben, um Weltmeisterschaften zu fahren. Die werden immer Gas geben und hinterher darüber nachdenken, ob es richtig oder falsch war.

Hätte Vettel seinen Ungehorsam fairerweise per Funk ankündigen sollen, um den Teamkollegen Mark Webber zu warnen?

Ach was! Du sitzt im Auto, fährst zwei Stunden auf der letzten Rille und gibst alles, da denkst du nicht an lange Diskussionen. Die Chance ist da, die Tür ist auf, dann wird es probiert.

Können Sie verstehen, warum man bei Red Bull und Mercedes schon so früh in der Saison eine Stallorder ausgibt?

Grundsätzlich ist es normal, dass der, der die Musik bezahlt, auch bestimmt, was gespielt wird. Im speziellen Fall kann ich aber zumindest Red Bull nicht verstehen. Wenn schon Stallorder, dann hätte ich doch gesagt: Lass mal den Vettel durch. Weil ich davon ausgehen muss, dass er wieder um den Titel fährt, nicht Webber. Der hatte jahrelang die gleichen Bedingungen wie Sebastian und hat es nicht geschafft.

Was unterscheidet Vettel von Webber?

Vettel gehört zu einer Spezies, die quasi herangezüchtet wird. Denen bringt man alles bei, was ein Champion können muss. Aber eines kann man ihnen nicht mitgeben: den Instinkt, ich will nicht sagen Killer-Instinkt. Den haben sie oder nicht. Vettel hat ihn. Und wenn die Situation da ist, wird er immer überholen.

Trotzdem: Hat Vettel mit der Aktion nicht das Team gegen sich aufgebracht?

Ach was. Sicher ist jetzt der eine oder andere mal darüber pikiert, aber wenn Sebastian Weltmeister wird, jubeln am Schluss alle. Und als Teamchef würde ich sagen: Puh, es gefällt mir nicht, dass der vielleicht nicht auf uns hört. Aber den musst du haben, mit dem kannst du es schaffen.

Vettel gibt sich immer so smart und nett, wenn man mit ihm redet. Alles Fassade?

Nein, der Seb ist ein Lieber, der gibt sich nicht nur so. Aber er hat natürlich auch etwas in sich, das ihn dazu bringt, über die Grenze zu gehen. Das ist das, was zum Schluss den Titel sichert. Der will gewinnen und im jetzigen Fall glaube ich, dass es eigentlich richtig war. Das Geschrei ist doch riesengroß, wenn am Ende zwei Punkte zur Weltmeisterschaft fehlen.

Gibt es bei Vettel einen speziellen Punkt, an dem der liebe Seb zum Killer wird?

Nur auf der Strecke. Daneben nie.

Sie haben einmal gesagt, im Rennsport ist das Wichtigste die Psychologie. War das Manöver auch ein Psychotrick von Vettel, um Webber endgültig kleinzukriegen?

Das hatte er doch vorher schon geschafft. Natürlich, im Rennsport musst du erstmal deinen Teamkollegen schlagen. Der hat das gleiche Auto, da muss man besser sein. Aber wer schnell ist, der braucht keine Psychospielchen, um den anderen irgendwo neben der Rennstrecke mürbe zu kriegen. Der fährt einfach dran vorbei.

So wie Vettel in Malaysia?

Ja. Dieses Selbstbewusstsein, manchmal fast Arroganz, das muss man einfach haben, um zu sagen: Du kannst mir hier mit allem Möglichen kommen, interessiert mich nicht. Wenn nachher grün ist, wirst du sehen, wer vorne ist.

Ist Vettel seinem Vorbild Michael Schumacher doch ähnlicher, als er zugeben will?

Natürlich. Wer ganz nach oben will, muss ein Stückchen mehr Durchsetzungskraft haben. Schumacher hat sich auch nie gefügt. Der hat nur schon vorher alles so eingefädelt, dass nie die Frage aufkam. Er hätte nie eine andere Nummer eins akzeptiert. Nicht einmal Gleichstand hätte er geduldet.

Nico Rosberg hat sich bei Mercedes gefügt. Viele ehemalige Piloten glauben, dass er sich keinen Gefallen getan hat. Der Tenor ist: Ein Teamplayer wird kein Weltmeister.

In dem Fall will ich das nicht beurteilen. Grundsätzlich aber sehe ich das genauso.

Weil ein Teamplayer schließlich nur für seinen Stallrivalen fährt?

Ja. Bei den 24 Stunden von Le Mans fahren bis zu drei Fahrer gemeinsam in einem Auto. Die müssen miteinander klarkommen – trotzdem versucht jeder, schneller zu sein. Das ist Racing. Wenn du im Auto sitzt, bist du der einsamste Mensch der Welt.

Das Gespräch führte Christian Hönicke

Peter Mücke, 66,

war in der DDR eine Rennfahrerlegende. Heute ist er Teamchef von Mücke Motorsport. In den Jahren 2004 und 2005 fuhr der junge Sebastian Vettel für Mücke.

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