Sport : Tempo tut not

Auf einer Tagung in Stockholm suchen Dopingbekämpfer nach neuen Strategien.

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Ins Netz gegangen. Der italienische Geher Alex Schwazer wurde überführt. Foto: Reuters
Ins Netz gegangen. Der italienische Geher Alex Schwazer wurde überführt. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Stockholm - Zwei Tage lang trafen sich in Stockholm internationale Dopingbekämpfer auf dem hochkarätig besetzten Symposium „Doping als Problem der öffentlichen Gesundheit“. Das hatte der Schwede Arne Ljungqvist organisiert, der Vorsitzende der medizinischen Kommission des IOC. Dort war die Dopingbeichte des früheren Radprofis Tyler Hamilton natürlich auch ein Thema. Dessen Feststellung, die Weltantidopingagentur (Wada) „hat Jahre gebraucht, um einen Epotest zu entwickeln. Michele Ferrari brauchte fünf Minuten, um ihn zu umgehen“, kratzte arg an der Ehre der Gescholtenen. „Ich war schon überrascht, dass Ferrari nur fünf Minuten gebraucht haben soll. Aber man muss bedenken, dass es lange vor dem Test viele Informationen dazu gab“, versuchte Wada-Generalsekretär David Howman gegenüber dem Tagesspiegel die Blitzleistung des berüchtigten italienischen Dopingarztes zu relativieren.

Forscher noch reagierte Christiane Ayotte, Leiterin des Wada-Labors in Montreal. „Ferrari ist niemals ein besserer Wissenschaftler als wir“, sagte die temperamentvolle Kanadierin. „Wir halten uns streng an wissenschaftliche Regeln. Ein falscher positiver Test ist für uns eine absolute Katastrophe. Für uns gelten härtere Standards als für gewöhnliche Wissenschaftler, denn unsere Analysen müssen vor Gericht standhalten und nicht nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit haben“, sagte sie und erklärte damit die zeitliche Diskrepanz zwischen Dopingjägern und Dopinghelfern. Die detaillierten Einblicke in einen gewöhnlichen Doperalltag, die Hamiltons Buch „The Secret Race“ bot, lösten Nachdenklichkeit und neue Entschlossenheit aus: „Wir müssen intelligent testen“, forderte Nicole Sapstead von der britischen Antidopingagentur. Sie schilderte, wie sie dem italienischen Geher Alex Schwazer kurz vor den Olympischen Spielen auf den Fersen blieb. „Wir hatten einen Tipp erhalten und schon einen Kontrolleur zum Trainingslager nach Deutschland geschickt. Als der auf dem Weg war, gab Schwazer eine Änderung seines Aufenthaltsorts bekannt. Wir schickten parallel ein Team nach Italien. Das deutsche Team war aber bereits unterwegs. Es stand dann vor verschlossener Tür und erfuhr von Schwazer telefonisch, dass er jetzt in Italien sei. Am gleichen Abend klingelte es aber auch in Italien an Schwazers Tür“, beschrieb Sapstead die erfolgreiche Schnitzeljagd.

Für Ayotte ist Geschwindigkeit ein entscheidender Faktor: „Wir Wissenschaftler arbeiten bereits sehr effizient. Nun müssen diejenigen, die die Tests durchführen, ihre Hausaufgaben machen. Warum werden die Proben nicht rechtzeitig genommen, wenn sich noch Spuren von verbotenen Substanzen im Körper befinden? Wir wissen seit Jahren vor allem aus dem Radsport, wie leicht sich Kontrollen hinauszögern lassen. Und es macht mich krank, zu lesen, wie Hamilton bei der Ankunft von Kontrolleuren über den Fußboden kriecht und durch ein Fenster auf der Rückseite des Hauses abhaut.“

Etwas in den Hintergrund geriet angesichts der Dopingbekämpfung im Spitzensport das eigentliche Tagungsthema. Initiator Ljungqvist sah es als wichtiges Signal an, dass sich erstmals die Unesco, die Weltgesundheitsorganisation WHO, die Wada, das Internationale Olympische Komitee und Interpol in Sachen Doping an einen Tisch gesetzt haben. Denn das Phänomen ist nicht mehr auf den Spitzensport beschränkt. „Bereits drei Prozent der High-School-Schüler in den USA nehmen Steroide“, sagte Timothy Armstrong von der WHO. „Doping mit all seinen Gesundheitsrisiken ist inzwischen ein Problem der gesamten Gesellschaft, besonders aber von männlichen Heranwachsenden sowie Angehörigen von Militär und Sicherheitsfirmen“, sagte er. Zu den bekannten Gefahren von Steroiden – Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Leberschäden, höheres Krebsrisiko – kommen nach Auskunft des schwedischen Neurologen Fred Nyberg auch Schädigungen des Gehirns. „Gedächtnisleistungen und kognitive Fähigkeiten werden beeinträchtigt“, sagte er.

Ljungqvist forderte, dass der Leistungssport in Sachen Doping bei der Bekämpfung vorangehen müsse, da er „ein schlechtes Rollenvorbild ist“. Das ist ein schönes Vorhaben. Von der deutschen Antidopingagentur Nada war im Übrigen kein Vertreter zu diesem Kongress angereist. Auch dies darf man als Signal werten: Während durch die weltweite Antidopingszene ein Ruck geht, kommt von der Nada weiter nada. Tom Mustroph

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