• Union-Spieler Eroll Zejnullahu im Interview: "Ich bin ein ziemlicher Klischee-Deutscher"

Union-Spieler Eroll Zejnullahu im Interview : "Ich bin ein ziemlicher Klischee-Deutscher"

Eroll Zejnullahu hat als Kind lange in einer Unterkunft für Asylbewerber in Berlin gewohnt. Der 21 Jahre alte Nationalspieler vom 1. FC Union über typisch Deutsches, die kosovarische Kultur seiner Eltern und die aktuelle Flüchtlingsdebatte.

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Eroll Zejnullahu, 21, spielt seit 2012 für den 1. FC Union. Vor einem Monat gelang ihm gegen St. Pauli sein erstes Tor für den Berliner Zweitligisten.
Eroll Zejnullahu, 21, spielt seit 2012 für den 1. FC Union. Vor einem Monat gelang ihm gegen St. Pauli sein erstes Tor für den...Foto: dpa

Eroll Zejnullahu, Sie kommen gerade von einer Länderspielreise aus dem Kosovo, Freitag müssen Sie mit dem 1. FC Union um 18. 30 Uhr beim VfL Bochum antreten. Fällt es Ihnen inzwischen als Nationalspieler schwerer, sich wieder auf den Alltag in der Zweiten Liga zu konzentrieren?

Nein, das ist für mich kein Problem. Ich bin ja noch nicht so lange in Unions erster Mannschaft dabei, da ist jedes Zweitliga-Spiel ein Highlight. Die Reisen zur Nationalmannschaft pushen mich, im Klub noch besser zu werden. Das Gefühl, Nationalspieler zu sein, treibt mich eher an, als dass ich mich dadurch zurücklehne.

Ist das etwas typisch Deutsches an Ihnen? Schließlich sind Sie in Berlin geboren.

Ja, ich denke schon. Immer wenn ich bei der Nationalmannschaft bin, fällt mir das richtig auf.

Wie meinen Sie das?

Die meisten Spieler sind wie ich im Ausland geboren. Sie sind Kinder von Flüchtlingen, die ihre Heimat wegen des Bürgerkriegs in den Neunzigern verlassen mussten. Wenn wir uns bei der Nationalmannschaft treffen, kommen wir aus allen Himmelsrichtungen Europas: Deutschland, Schweden, Norwegen, Großbritannien. Uns alle eint die kosovarische Mentalität, die wir von unseren Eltern mitbekommen haben, aber natürlich haben uns auch die Länder geprägt, in denen wir aufgewachsen sind. Da bestätigen sich einige Klischees.

Und Sie sind der Klischee-Deutsche?

So ziemlich. Ich versuche, mich beim Training immer zu konzentrieren, nehme es mit der Uhrzeit ganz schön genau und bin auf dem Platz recht ernst. Die Jungs aus Skandinavien haben am Anfang immer zu mir gesagt: „Relax, chill doch mal.“

Was genau macht die kosovarische Mentalität aus?

Die Dinge nicht immer so ernst zu nehmen. Und Gastfreundschaft natürlich. Wenn Gäste zu uns nach Hause kommen und nicht genug Essen da ist, was nie passiert, aber für den unwahrscheinlichen Fall, dass es so ist, dann bekommt der Gast alles und wir essen später. Die Bereitschaft zum Teilen ist sehr ausgeprägt in unserer Kultur. Das finde ich schön.

Hängt Ihre Entscheidung, für den Kosovo zu spielen, damit zusammen, dass Sie sich in erster Linie als Kosovare fühlen?

Nein, aus sportlicher Sicht gab es nur die Anfrage aus dem Kosovo, deshalb musste ich mich nicht zwischen den Verbänden entscheiden. Ansonsten ist das eine sehr schwere Frage, die ich für mich selber nicht beantworten kann. Wenn ich in den Kosovo reise, ist es das Land meiner Eltern, das ich mag, aber in dem ich nicht zu Hause bin. Die Leute dort fragen mich immer, woher ich komme.

Weil sie es an Ihrer Sprache hören?

Genau. Ich spreche Albanisch, aber nicht perfekt. Mir passieren oft kleine Fehler, gerade bei der Grammatik. Da merken die Leute, dass ich nicht ursprünglich von dort stamme.

Sie haben die ersten Jahre Ihres Lebens mit Ihren Eltern in einer Berliner Asylunterkunft verbracht. Welche Erinnerungen sind aus dieser Zeit geblieben?

Positive und negative. Ich war acht oder neun Jahre alt, als wir endlich in eine eigene Wohnung ziehen konnten. Meine Erinnerungen an die Zeit in der Unterkunft sind noch recht lebendig.

Beginnen wir mit den positiven Dingen.

Im Heim lebten viele Familien, es waren also auch immer Kinder zum Spielen da. Ich musste nur runter auf die Straße gehen, meistens war dann schon einer da, der einen Ball hatte. Dann wurde gekickt, bis die Sonne unterging.

Sie haben das Fußballspielen also auf der Straße gelernt?

Die technischen Dinge auf jeden Fall. Das Taktische kam dann später in den Vereinen dazu, bei Tasmania, Hertha Zehlendorf und bei Union. Ich habe eine gute Ausbildung bekommen. Beim Sport und in der Schule. Dafür bin ich dankbar. Das Land hat mir viel gegeben.

Welche negativen Erinnerungen sind geblieben?

Je länger Menschen in solchen Heimen leben müssen, desto mehr Konfliktpotenzial gibt es. Verschiedene Religionen, Mentalitäten und Nationalitäten treffen da aufeinander, was zu Streit führen kann. Die Stimmung war oft aufgeheizt, es kam zu verbalen und körperlichen Auseinandersetzungen.

Wie intensiv verfolgen Sie die aktuelle Flüchtlingsdebatte in Deutschland?

Für mich und meine Familie ist das Thema sehr präsent. Meine Eltern kennen Menschen, die gerade geflüchtet sind und nach Deutschland kommen. Wahrscheinlich kennt jeder aus dem Kosovo Leute, die auf der Flucht sind.

Länder aus der Balkanregion gelten inzwischen als sichere Herkunftsländer. Können Sie das nachvollziehen?

Ich bin auch dafür, dass Kriegsopfer bevorzugt behandelt werden. Ihnen bleibt keine Wahl, sie flüchten, weil ihr zu Hause zerstört wurde und sie verfolgt werden. Aber man muss die Menschen auf dem Balkan auch verstehen. Im Kosovo kann man inzwischen wieder leben, zur Schule gehen und sogar studieren. Aber dann? Die Arbeitslosenzahl ist enorm hoch, die meisten wissen, dass ihnen nach dem Studium Armut droht. Da ist es nur verständlich, wegzuwollen.

Ihr Verein unterstützt die Flüchtlingshilfe, indem er unter anderem ein erworbenes Gebäude als Unterkunft bereitstellt. Was könnte noch getan werden?

Jede Hilfe, egal in welchem Ausmaß oder in welcher Form, ist wichtig. Vereine haben ganz andere Möglichkeiten als Privatpersonen, am Ende zählen für die Menschen aber auch kleine Gesten. Ich habe wie mein Union-Mitspieler Chris Trimmel Sachen gespendet und zu einer Unterkunft gebracht. Als wir ein Testspiel hatten, waren auch viele Albaner und Kosovaren da. Ich habe anschließend mit ihnen geredet, auf Albanisch. Ich glaube, das hat sie gefreut. Wer so weit von zu Hause weg ist, der sehnt sich nach Vertrautem. Und wenn es nur die Sprache ist.

Das Gespräch führte Sebastian Stier.

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