Der Tagesspiegel : Strahlende Spuren: Radioaktives aus der Streusandbüchse

Guido Berg

Das Atomzeitalter ist auch am Land Brandenburg nicht spurlos vorüber gegangen. Im märkischen Sand lassen sich heute mehrere schwere Elemente in erhöhten Konzentrationen finden, die noch zu Großmutters Zeiten dort lediglich als natürliche Spurenstoffe zu finden waren. Was mit Antoine Henri Becquerel seinen Anfang nahm, der 1903 die Radioaktivität entdeckte, und mit Albert Einsteins "Spezieller Relativitätstheorie" 1904 seine theoretische Grundlage fand, wird auch die Brandenburger zu allen künftigen erdenklichen Zeiten begleiten.

Die Halbwertzeit von Uran-238 etwa beträgt 4,47 Milliarden Jahre, die des Atombomben- und Reaktorbrennstoffes Uran-235 immerhin noch 703,8 Millionen Jahre. Erst nach Ablauf dieser Spanne wird die Hälfte einer Menge dieses Elements zerfallen sein. Radioaktive Relikte lassen sich in der Region nahezu überall finden. Doch es gibt lokale Unterschiede in der Strahlungsintensität. Zudem sind die Altlasten des Atomzeitalters unterschiedlicher Herkunft. Sie stammen vom nuklearen Niederschlag nach den oberirdischen Atomtests in den 60er Jahren, von der Tschernobyl-Katastrophe von 1986, vom Kernkraftwerk in Rheinsberg, aber auch von den Anstrengungen zum Bau einer deutschen Atombombe in den 40er Jahren in Oranienburg (Oberhavel) und Kummersdorf (Teltow-Fläming).

Es war Einstein, der spätere Caputher Sommerfrischler vom Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Dahlem, der 1904 postulierte, Energie ist gleich Masse mal Geschwindigkeit zum Quadrat (E=mc2). Mit anderen Worten: In der Materie steckt eine unvorstellbar gigantische Menge an Energie - wenn man es nur versteht, sie zu spalten. Genau dies gelang Otto Hahn und Fritz Strassmann 1938 im Dahlemer Institut durch den Beschuss von Uran-Atomkernen mit schnellen Neutronen. Energie - dieses magische Wort weckte Begehrlichkeiten beim Militär. Kaum hatte das deutsche Heereswaffenamt von der Entdeckung der Kernspaltung erfahren, berief es Wissenschaftler in einen sogenannten "Uranverein" und ließ bei Kummersdorf entsprechende Labore errichten. Das Projekt zum Bau einer deutschen Atombombe war geboren - ein glückliches, weil erfolgloses Unterfangen. Doch noch heute zeugt ein mit Uran verseuchtes 15 mal 15 Meter großes, eingezäuntes Gelände von den Experimenten mit dem strahlenden Bombenstoff. Dies bestätigte der Referatsleiter für StrahlenschutzVorsorge des brandenburgischen Landesumweltamtes, Michael Hahn, gegenüber dem Tagesspiegel. In einem kleinen Reaktor der Heeresversuchsanstalt auf dem Gut Kummersdorf wurden Voruntersuchungen über "Kritikalität" unternommen, erklärt Hahn. Die Staats-Forscher um den Kernphysiker Kurt Diebner hätten herausfinden wollen, "wieviel Uran brauche ich" für die Bombe.

Bei der Herstellung von Uran in natürlicher, nicht-angereicherter Zusammensetzung spielten Hahn zufolge die ehemaligen Auer-Werke in Oranienburg (Oberhavel) eine Rolle. Nach unbestätigten Textfunden im Internet war das Heereswaffenamt der Auftraggeber für die Uran-Produktion. Ebenfalls wurde in Oranienburg mit dem radioaktiven Element Thorium gearbeitet; unklar ist, ob im Rahmen des Atomwaffenprogramms, bei der Produktion von Triebwerken oder nur für die Herstellung von Glühstrümpfen für Gaslaternen. 16 000 Bomben warfen die Alliierten im zweiten Weltkrieg allein auf Oranienburg ab. Hauptangriffsziel waren die Auerwerke - ein Indiz für die Beteiligung der Auerwerke am deutschen Atombomben-Programm. In Oranienburg ist auch eine Fläche mit Uran belastet, wie Strahlenschützer Hahn erklärt.

Die Hauptaltlasten sind in Oranienburg - neben zahlreichen Blindgängern - die verbliebenen Thorium-Rückstände. Zwar kommt dieses Element überall im Boden vor - doch in Oranienburg lassen sich extrem hohe Dosen feststellen, die auch für den Menschen gefährlich sein können: 1996 musste der Sportplatz Mainzer Straße gesperrt werden, da der Sand der Sprunggrube verstrahlt war.

Paul Koch, der als Leiter des staatlichen Munitionsbergungsdienstes in Wünsdorf von Berufes wegen häufig in Oranienburg zu tun hat, spricht von einer "jahrzehnte alten großflächigen radioaktiven Verseuchung in der Nähe der André-Pican-Straße in Oranienburg." Einige Quadratkilometer seien "mit Thorium-232 und Radium-226 in einem extremen Ausmaß verseucht".

Der nukleare Niederschlag nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 findet sich an verschiedenen Orten wieder: Wie der Bericht zur Umweltradioaktivität des brandenburgischen Landesumweltamtes aus dem Jahr 1998 darlegt, sind erhöhte Ablagerungen des langlebigen Cäsium-137 "im westlichen Havelland und in der Westprignitz erkennbar". Während dort 20 000 bis 30 000 Becquerel pro Quadratmeter gemessen werden, sind es im nahezu verschonten Neuruppin weniger als 1000. Bei Wildpilzen aus der Umgebung von Rathenow - insbesondere beim Maronenröhrling als sogenanntem "Cäsiumsammler" - beläuft sich die Strahlenbelastung auf teilweise mehr als 2000 Becquerel pro Kilogramm. Der Importhöchstwert der Europäischen Union beträgt 600 Becquerel.

Während der Name Tschernobyl für den bislang schwersten Unfall bei der Kernenergie-Nutzung steht, ist ein Störfall im Kernkraftwerk Rheinsberg (Ostprignitz-Ruppin) nicht bekannt.

Am 1. Juni 1990 abgeschaltet, soll es bis zum Jahr 2010 bis auf die "grüne Wiese" zurückgebaut werden. Eine leichte Zunahme der "Ableitungen radioaktiver Stoffe mit der Fortluft" habe mit dem Beginn der Demontagearbeiten im Jahr 1997 eingesetzt, so das Landesumweltamt. Eine radiologische Überwachung sorge jedoch bei einer Überschreitung der Schwellwerte für einen automatischen Ableitungsstopp. Ob es zu einer Verseuchung von Schieß- und Übungsplätzen im Land Brandenburg durch die Rote Armee kam, ist bis dato nicht erwiesen. "Ich kann mir vorstellen, dass uranhaltige Munition von der Roten Armee verwendet wurde", vermutet Strahlenschützer Hahn. Aber: "Wir haben bisher keine solche Munition gefunden", ergänzt der Leiter des staatlichen Munitionsbergungsdienstes, Paul Koch.

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