Vom ZDF zu Angela Merkel : Steffen Seibert - der etwas andere Regierungssprecher

Bislang haben alle Regierungssprecher das Amt durch ihre Persönlichkeit geprägt. Steffen Seibert verfolgt eine andere Strategie. Warum bloß? Ein Portrait.

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Er kommt schnell zum Punkt. Doch was man an Steffen Seibert in seiner Zeit beim ZDF zu schätzen wusste, ist nun ein Nachteil: Je schneller der Punkt kommt, desto kürzer ist der Satz davor.
Er kommt schnell zum Punkt. Doch was man an Steffen Seibert in seiner Zeit beim ZDF zu schätzen wusste, ist nun ein Nachteil: Je...Foto: picture alliance / dpa

Es hat etwas Surreales, sich mit Steffen Seibert zu diesem Hintergrundgespräch zu treffen. Denn das Thema ist: er selbst. Eine Dreiviertelstunde hat Merkels Regierungssprecher aus seinem legendär gepfropften Terminkalender geeist, um über diesen inzwischen 55 Jahre alten Mann zu sprechen, der er selber ist. Um den Hintergrund für ein Porträt zu geben, ohne öffentlich etwas über sich zu sagen. Gesprächsvoraussetzung: Unter drei, keine Zitate. Was sagt uns das?

Bundespresseamt, per Fahrstuhl in die Ebene 3.1, Vorzimmer, Garderobe, das Arbeitszimmer ein Saal, die Sonne von Süden, der Anzug ohne Tadel. Nachdem Seibert im August 2010 das Amt von Ulrich Wilhelm übernommen hatte, beschrieb jeder sein großes Unbehagen an der Berichterstattung über seine Person. Inzwischen ist er schon fünf Jahre dabei, 2014 hat er sich noch einmal mit Moritz von Uslar auf ein Frühstücksei im Einstein getroffen, seitdem sagt er öffentlich nichts mehr zu sich selbst. Und man kann sich natürlich fragen, ob ein Regierungssprecher seine Arbeit umso besser macht, je gründlicher er selbst hinter dieser Mammutaufgabe verschwindet, bei der es gilt, 24 Stunden für die Kanzlerin erreichbar zu sein, mit ihr um die Welt zu reisen, ihr Vertrauen zu gewinnen, nebenbei das Bundespresseamt mit mehr als 400 Mitarbeitern zu führen und außerdem drei Mal in der Woche in der Regierungspressekonferenz auf alle offenen Fragen eine Antwort zu finden.

An einem Freitag im November zum Beispiel rauscht er pünktlich durch die Glastür der Bundespressekonferenz. Abendmahlartig beflankt von den Sprechern der Ministerien nimmt er in der Mitte Platz. Seibert, lobte man lange, komme extrem schnell zum Punkt, selbst bei verwickelter Sachlage. Aber was man in seinen 21 Jahren beim ZDF zu schätzen wusste, stellte sich hier bald als Nachteil heraus: Denn je schneller der Punkt kommt, desto kürzer ist der Satz davor. Seibert schien überhaupt nichts sagen zu wollen. „Alles wissen, alles erfahren, nichts sagen“, sei Seiberts Maxime, heißt es. Er übertreibe es damit, Vertrauliches für sich zu behalten. Als ginge es um die Imprägnierung der Regierung. Bela Anda war unter Rot-Grün ab und an mal nicht informiert. Seibert ist informiert, sagt aber nichts.

Schnippisch hat man Steffen Seibert genannt

In der Regierungspressekonferenz nimmt er die Fragen volley: gleich zurück damit, nur nicht weit ins Feld schlagen lassen. Er sagt, wo man sich besser vorher hätte informieren können, dass etwas anderswo schon gesagt wurde, warum zu diesem alles gesagt ist und zu jenem nichts zu ergänzen. Wenn dann Thilo Jung für „Jung und naiv“ seine grundsätzlich gelagerten Fragen zu Krieg und Frieden stellt, agieren sie vorne im Doppel: Der Kollege Martin Schäfer vom Auswärtigen Amt legt eine Antwort vor, Seibert springt ihm bei, Schäfer, Seibert, Schäfer, Seibert. Punkt, Punkt, Punkt. Der Holztresen ist jetzt ein Tennisnetz.

Die Enttäuschung abgeprallter Fragesteller wird man nach Seiberts Amtszeit im Saal von den großen Scheiben kratzen können. Oder wahrscheinlich saugen die Putzkräfte, wenn sie abends auf dem orangenen Teppich herumfuhrwerken, die verkrümelten Fragen ein wie anderswo die toten Fliegen von einem Fensterbrett.

Schnippisch hat man Seibert genannt. Aber das wirklich Aufreizende ist der sonore Tonfall, der aus der Zeit als Moderator blieb. Da fasst einer zusammen, suggeriert die Stimme. Jede Antwort klingt irgendwie abschließend. Doch die Finalität des Tons wird vom Inhalt überhaupt nicht gedeckt. Da ist oft nichts, was zusammenzufassen wäre.

Die Journalisten wurden anfangs ganz fuchsig. Der langjährige politische Korrespondent der Madsack-Gruppe Dieter Wonka wetterte einmal, Seibert genieße Merkels absolutes Vertrauen, „weil er verlässlich die Schnauze hält“. Aus journalistischer Sicht sei er „eine einzige Enttäuschung“.

Ob er Rouge aufgetragen hätte, oder woher stamme diese Röte in seinem Gesicht?, stichelte man. Eine unsachliche Gereiztheit war das, die sich nur aus akutem Liebesentzug erklärt. Seiberts Vorgänger Ulrich Wilhelm hatte mit Journalisten geredet, gespielt. Seibert weigerte sich, ihnen das Gefühl zu geben, dass er ihre Arbeit schätzte. Gar von Verachtung war die Rede. Schnell war klar, dass er Angela Merkel mehr schätzte als die Journalisten. Dass er sie womöglich nur ihretwegen ertrug. Die riefen nach einem „eigenen politischen Kopf“, mit dem sie diskutieren konnten. Der nämlich ist das Idealbild des Sprechers im politischen Berlin, er soll selbst analysieren. Doch Seibert machte keine Anstalten.

Seibert ist einer, der eine steile Lernkurve zu schätzen weiß. Er will die an ihn gestellten Aufgaben exzellent meistern. Im schlechteren Fall bleibt das immer etwas schülerhaft, im besten hält es jung.

Warum kreiden ihm viele an, er sei schülerhaft?

„Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo war einer der Ersten, die darunter litten, als er noch in Hannover mit ihm gemeinsam eine Schule besuchte. In einem Doppelinterview gestand er ihm, ihn als Schüler gehasst zu haben. „Für mich war er die Verkörperung von Gustav Gans. Egal, was er machte, es gelang ihm.“ Während er selbst sich alles mühsam erarbeiten musste, schien Seibert alles zuzufliegen. Seitdem wird er meist dafür gescholten, die Dinge zu gut zu machen. Zuletzt warf man ihm im November den Auftritt der Bundesregierung in den sozialen Medien vor, weil Seibert aus dem Bundespresseamt heraus mit acht festen Mitarbeitern und einem Budget von 196 350 Euro mit Facebook-Filmen, Diskussionen und Kommentaren die Sichtweise der Regierung darlegt. Informationen schön und gut, aber Seibert habe da etwas Rundfunkähnliches geschaffen, einen Regierungskanal. Ob das noch verfassungskonform sei?

Aber warum kreiden ihm viele an, er sei schülerhaft? Vielleicht weil man im machtgetriebenen Berlin das unschuldig Wissbegierige für eine zu überwindende, kindliche Lebensphase hält.

Ist sein Leben nicht eine dauerhafte Prüfung? Hat er sich nicht die Bundespressekonferenz gewählt, eine ewige, dreimal in der Woche wiederkehrende Prüfungssituation, in der jede Frage drankommen kann? Seit mehr als fünf Jahren wird er daran gemessen, wie gut er Fragen beantwortet. Loyalität und Fleiß grenzen an Hingabe.

Es gibt die Figur des dienenden Wissbegierigen auch als Erwachsenen. Da wird aus dem Schüler ein Jünger, manchmal ein Mönch. Einer, der sich als Lernender begreift, lebenslang. Das würde erklären, warum Seibert kein eigenes Machtbewusstsein zeigt, was viele irritiert. Andererseits erklärt es seine ungewöhnliche Mischung aus dienender Demut und der Ausstrahlung, Teil von etwas Höherem zu sein. Außenstehende neigen dazu, den Job als eine Art Gefangenschaft zu interpretieren: mit Merkel Tag und Nacht in einer Zelle. Aber Seibert macht keinen unfreien Eindruck. Mönche haben ihre Beschränkungen schließlich frei gewählt.

Um den Posten zu verstehen, muss man jemanden treffen, der selbst einmal an ähnlicher Stelle wie Seibert stand. Hans Langguth war von 2002 bis 2005 stellvertretender Sprecher für die Regierung von Gerhard Schröder und Joschka Fischer. Danach ging er als Geschäftsführer zur Agentur „Zum Goldenen Hirschen“, Spezialität politische Kommunikation.

Damals hatte Langguth selbst vor der blauen Wand der Bundespressekonferenz gesessen, „vor dem ersten Mal habe ich fast in die Hosen gemacht vor Angst“. Sein Respekt vor den Journalisten war riesig, aber es zeigte sich, dass man das überleben konnte. Langguth hat sich schnell ein dickes Fell zugelegt, denn kein Mensch kann auf alles eine Antwort haben. Bald ging er ohne die dicke Sprecher-Mappe mit den vielen Sprechzetteln in die Bundespressekonferenz, manchmal sogar ganz ohne Zettel. Seibert dagegen will komplett vorbereitet sein, immer im Bewusstsein, dass sich jederzeit ohne Ankündigung eine schwierige Situation ergeben kann. Um sofort reagieren zu können, verfolgt er während der Konferenz online die Meldungen. „Mich wundert, dass er immer noch so ist“, sagt Langguth. Nach fünf Jahren.

Leben in Schwebezuständen

Vielleicht passe Seibert auch nur gut in eine rasend schnelle Zeit, in der die Angst, Fehler zu machen, größer ist als die Lust am politischen Spiel. „Die Zeiten haben sich seit Helmut Schmidt geändert. Damals hätten die Fernsehzuschauer manchmal glauben können, sein Regierungssprecher Klaus Bölling sei selbst der Bundeskanzler.“ So schillernd trat der auf. So häufig war er im Fernsehen zu sehen. Heute, glaubt Langguth, tauge die Frage nach dem Namen des Regierungssprechers jenseits des politischen Berlin „zur 1-Million-Euro-Frage bei Günther Jauch“. Das sei natürlich nicht nur eine Folge von Seiberts Charakter – sondern auch der Zeit und der Regierung geschuldet. „Unsere Helden sind damals keinem Boxkampf aus dem Weg gegangen“, sagt Langguth über seine rot- grüne Regierung. Die Raufereien waren lustvoll, „täglich wurde eine andere Sau durchs Dorf getrieben – und zwar oft genug von den eigenen Leuten.“ Das verschleißt natürlich die Mannschaft, nach sieben Jahren waren sie durch. „Diese Art Politik hat ihre Zeit gehabt.“

Alle Regierungssprecher haben jedoch das Amt durch ihre Persönlichkeit geprägt – was aber, wenn einer gar keine zeigen will? Vielleicht hat Seibert einmal mehr etwas gelernt. Auch Angela Merkel lebt von den Schwebezuständen, bevor sie sich festlegt. Seibert spiegelt ihr Verständnis, das alles Gesagte als Angriffsfläche dienen kann. Als die Bundeskanzlerin Seibert in den innersten Kreis aufnahm, hat sie die Sphäre des Hermetischen um ihren Sprecher erweitert.

Es ist sonnig und freundlich in dieser Sphäre in Seiberts Büro, das Eigentliche liegt unzitierbar im Licht. So muss es ihm gehen, wenn er mit Merkel unterwegs ist. So schnell kann das gehen. Er hat für einen die exklusive Situation kreiert, in der er selbst immer steckt. Viel sehen, viel begreifen, aber wie berichten?

Als Kamera ohne Tonspur fahren die Augen über die Bilder, die Seiberts Frau gemalt hat, mit der er drei Kinder hat. Sie bleiben an der Wand links neben dem Schreibtisch an einer Weltkarte hängen. Wo er mit Merkel gewesen ist, hat er jungenhaft einen Pin in die Karte gedrückt. Das tut keiner, der nicht stolz ist. Wenn er mit der Kanzlerin reist, ist sein Zugang zu Ländern und Institutionen exklusiv, überall auf der Welt auf der höchsten Ebene. Von einer steilen Lernkurve muss man ausgehen. Dann muss er los.

Seibert hat jetzt nur kleines Gepäck, es wartet nur eine interne Besprechung im Kanzleramt. Er federt in den Fahrstuhl. Dann bleibt man zurück mit seinen 23 Vorgängern, die schwarz-weiß und gerahmt im Flur hängen.

Der Text erschien in der "Agenda" vom 15. Dezember 2015 - einer Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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