Interview Knut Nevermann : "Plötzlich hatten wir den Mut, Autoritäten infrage zu stellen"

Für Knut Nevermann, früherer AStA-Vorsitzender und späterer Wissenschaftsstaatssekretär in Berlin, begann die Studentenbewegung im Jahr 1966.

Argumentieren, zuhören, diskutieren: Bei einem Sit-in am 19. und 20. April 1967 im Foyer des Hörsaalgebäudes Henry-Ford-Bau werden hochschulpolitische Fragen diskutiert. Knut Nevermann steht links neben Rudi Dutschke (am Mikrofon) vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund.
Argumentieren, zuhören, diskutieren: Bei einem Sit-in am 19. und 20. April 1967 im Foyer des Hörsaalgebäudes Henry-Ford-Bau werden...Foto: bpk/Kunstbibliothek – SMB/Bernard Larsson

Knut Nevermann übernahm im Jahr 1966 – 22-jährig und noch neu in West-Berlin – für ein Jahr den Vorsitz des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) der Freien Universität Berlin. Er organisierte zu Zeiten der Studentenbewegung Diskussionen zu hochschulpolitischen Themen, hielt zahlreiche Reden und war wichtiger Akteur auf den Protestveranstaltungen. Nach seinem Studium und Jahren der wissenschaftlichen Tätigkeit hatte er verschiedene Positionen als hoher politischer Beamter inne, unter anderem im Bundeskanzleramt und als Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Die von Knut Nevermann konzipierte öffentliche Vorlesungsreihe „Studentenbewegung – 50 Jahre danach“ beginnt am 11. April an der Freien Universität. Im Gespräch mit Kerrin Zielke und Carsten Wette blickt Knut Nevermann auf bewegte Zeiten zurück.

Herr Nevermann, Sie waren zur Zeit der Studentenbewegung Anfang 20. Wenn Sie es heute einem jungen Menschen erklären sollten: Was machte den Kern der Studentenbewegung aus?
Dass wir plötzlich den Mut hatten, Autoritäten infrage zu stellen, sie zu hinterfragen, wie das damals hieß. Dass wir uns trauten, gegenüber Autoritäten zu argumentieren, gegenüber Professoren, der Hochschulleitung und der Politik. Das hat viele begeistert. Es war ein unglaublich dichter Lernprozess, eine ungeheuer schnelle Politisierung und auch eine Radikalisierung nach links, täglich ein Stück weiter.

Mit welchem Ereignis begann für Sie Achtundsechzig?
In Berlin konkret mit dem 22. Juni 1966, mit dem Sit-in im Henry-Ford-Bau der Freien Universität. Das war das erste Sit-in und Teach-in an einer deutschen Universität – wir kannten diese Art der Protestveranstaltung aus US-amerikanischen Hochschulen. Ich habe als damaliger AStA-Vorsitzender das Sit-in mitorganisiert – dabei haben wir in einer Weise Regeln verletzt, wie es das vorher nicht gegeben hatte. Die Studenten füllten die ganze Vorhalle des Henry-Ford-Baus, der Rektor Hans-Joachim Lieber wurde herbeizitiert, und er erschien später auch. Bis ein Uhr nachts wurden Reden gehalten, es gab nichtendenwollende Diskussionen über studentische Interessen und Hochschulpolitik. Zwei Jahre später markiert das Jahr 1968 dann mit den Osterunruhen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke den Höhepunkt der Studentenbewegung, aber zugleich ihre Zersplitterung, ihr Ende. Im Mai 1968 wurden die sehr umstrittenen Notstandsgesetze beschlossen, es gab noch einmal eine große Demonstration – aber welch ein Trauerspiel: Die Studenten waren im Hofgarten in Bonn, die Gewerkschaften in Dortmund. Man konnte sich, anders als in Paris im Mai 1968, nicht auf eine gemeinsame Veranstaltung einigen. Im Herbst fiel die Bewegung auseinander, an der Gewaltfrage.

Damals war es auch unter Studentinnen und Studenten üblich, sich zu siezen. War das auch bei den Demonstrationen und Veranstaltungen so?
Der Umgang der Studenten untereinander war sehr formell. „Herr Kommilitone, könnten Sie mir bitte Ihre Aufzeichnungen von der letzten Seminarsitzung kurz zeigen? Ich war leider verhindert.“ So sprach man sich an (lacht). Beim Sit-in im Henry-Ford-Bau trug ich Anzug und Krawatte. Wenn ich als AStA-Vorsitzender Briefe an den Rektor aufsetzte, dann schrieb ich ihn mit „Magnifizenz“ an, und unten stand: „Mit dem Ausdruck der vorzüglichen Hochachtung bin ich Ihr Ihnen sehr ergebener Knut Nevermann“. Das waren alte Zöpfe speziell an der Universität. In den Briefen, die mein Vater zu der Zeit bekam - er war bis 1965 Bürgermeister von Hamburg –, stand einfach: „Mit freundlichen Grüßen“. Nach dem 22. Juni verschwand das Siezen sehr schnell. Mit den Beatles und den Rolling Stones hatte uns schon vorher eine Form der Popkultur erreicht, und in den folgenden Jahren änderte sich alles: die Kleidung, die Haare, mit den Wohngemeinschaften auch die Formen des Zusammenlebens.

Warum begannen die Studentinnen und Studenten überhaupt, sich aufzulehnen?
Ein großes Thema war die Zwangsexmatrikulation, wie wir es nannten. Für uns völlig unerwartet beschloss die Hochschulleitung, dass Studenten nur befristet zugelassen werden sollten – für eine Regelstudienzeit plus zwei Semester, wie das heute heißen würde. Darüber waren wir ernsthaft wütend. Außerdem trieb uns mit dem Vietnamkrieg ein weltpolitisches Ereignis um. Im Februar 1966 demonstrierten in Berlin Tausende gegen diesen Krieg. Da flogen Eier gegen das Amerika-Haus in der Hardenbergstraße, das war im damaligen West-Berlin eine riesige Provokation. Schließlich waren wir alle den Amerikanern zutiefst dankbar, dass wir in Freiheit leben durften. Die Demonstration rief ein gewaltiges mediales Echo hervor. Und sie zeigte, dass wir Teil einer weltweiten Protestbewegung waren.

Welche Rolle spielte diese Anti-Vietnam-Demonstration für die Studentenbewegung?
Sie hatte einen enorm mobilisierenden Effekt, sie war die Schlagzeile in allen Zeitungen. Viele sagten sich: Da gehe ich nächstes Mal auch hin. Der Vietnamkrieg war ein großes Thema für sehr viele Menschen, er war gewissermaßen der erste Krieg, der im Fernsehen zu sehen war. Aber auch bei diesem Thema spielte die Hochschulpolitik eine Rolle: An der Freien Universität wurde seit 1949 politische Bildungsarbeit geleistet, und plötzlich kam der völlig überraschende und unsinnige Entschluss des Akademischen Senats, dafür keine Räume mehr bereitzustellen: Man verbot eine Informationsveranstaltung zu Vietnam, die der konservative RCDS gemeinsam mit den linken und liberalen Gruppierungen SDS, SHB und LSD organisieren wollte. Diese Entscheidung wurde zwar später aufgehoben. Wenn man aber vorher mit uns gesprochen hätte, etwa weil man die Sorge hatte, dass bei der Veranstaltung Dinge passieren, die die Leitung nicht hätte verantworten können, hätten wir das verstanden. Aber es gab kein Gespräch, und auch das trug zur Mobilisierung bei und zu den Eierwürfen auf das Amerika-Haus.

Wurde die Studentenbewegung zunehmend eine Bewegung des SDS, des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes?
Es war keine Bewegung des SDS, es war eine Bewegung der Studenten, und zwar eine sehr vielfältige. Der SDS war sicher der Motor, und dort lief einiges zusammen. Aber er war in sich gespalten, und der Flügel um Rudi Dutschke war sehr umstritten. Dutschke sollte 1968 aus dem SDS ausgeschlossen werden. Es gab neben dem SDS einen sozialdemokratischen und einen liberalen Verband, die Evangelische Studentengemeinde, Spartakusanhänger, die später DKP-Mitglieder wurden. Jede Fakultät hatte eine eigene Vertretung. Der AStA war sehr stark ausgestattet: Dort arbeiteten zehn Leute, die über einen Etat von immerhin 700 000 D-Mark jährlich verfügten. Es gab Sekretariate, Telefone, Telefonlisten, über die man alle informieren konnte, Abzugsmaschinen für Flugblätter – und ein eigenes Haus, in dem man sich Tag und Nacht treffen konnte.

Und wie war die Beziehung der studentischen Gruppierungen untereinander?
Es gab das allgemeine Gefühl, Teil einer gemeinsamen Bewegung zu sein. Ich habe das immer als eine Art Arbeitsteilung empfunden: Die einen waren radikaler und provozierten, die anderen argumentierten und sammelten alle wieder ein. Dabei konnte es auch mal gegen die eigene Person gehen, es war für mich nicht immer leicht, damit umzugehen. Bei einer Diskussion mit Rektor Hans-Joachim Lieber im November 1966 sprengte eine Gruppe von Studenten die Veranstaltung und nahm mir das Mikrofon ab. Damals wurde ein Flugblatt verteilt – es wurde als „Fachidioten-Flugblatt“ berühmt. Darin stand: „Wenn wir uns weigern, uns von professoralen Fachidioten zu Fachidioten ausbilden zu lassen, bezahlen wir mit dem Risiko, das Studium ohne Abschluss beenden zu müssen.“ Der Satz ging durch alle Zeitungen, viele Professoren empfanden ihn als Beleidigung.

In der Bundesrepublik kam es auch in anderen Universitätsstädten zu studentischen Unruhen, doch in West-Berlin war die Situation besonders zugespitzt. Woran lag das?
Ganz klar an der Insellage. Rote Fahnen auf dem Ku’damm und Demonstrationen gegen Amerika hatten in West-Berlin eine ganz andere Bedeutung als in München oder Hamburg. Nicht vergessen darf man die schlichte Tatsache, dass Studenten in München am Wochenende in die Berge fuhren, zum Wandern oder Skifahren. Auch in Hamburg und Frankfurt waren Studenten am Wochenende oft nicht da. In Berlin konnte man damals nicht mal eben aus der Stadt fahren. Dadurch war immer eine kritische Masse an Menschen vor Ort. Und die hat gern bei Demonstrationen mitgemacht, schließlich konnte man sich aktiv beteiligen und auch einiges lernen.

Neue Protestformen kannten Sie damals zunächst aus den USA. Wie tauschten Sie sich später zwischen europäischen Städten aus?
Von der Studentenvertretung der Pariser Sorbonne bekamen wir 1966 eine Anfrage: In Berlin sei so viel los, habe man gehört, und man wollte gern wissen, wie wir die Dinge so machten. Da haben wir im Sommer 1967 eine französische Delegation zu einem Seminar eingeladen. Das sogenannte Berliner Modell, das es ja nur an der Freien Universität gab als eine „Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden“, war etwas Besonderes in Deutschland: Mit AStA und Konvent hatten wir, wenn man so will, ein parlamentarisches System im Westentaschenformat. Wir wussten, wie man mit Fragen zur Geschäftsordnung umging, wie man abstimmte und Sitzungen leitete. Die Studenten aus Paris waren völlig begeistert und sind ganz glücklich abgezogen. Wenn man bedenkt, dass es 1967 in Paris noch überhaupt keine studentischen Aktionen gab, und ein Jahr später kam es in Paris zu einem veritablen Generalstreik. In Berlin konnte von gemeinsamen Aktionen von Studenten und Arbeitern leider keine Rede sein.

Im Juni vor 50 Jahren, 1967, wurde Benno Ohnesorg vor der Deutschen Oper bei einer Demonstration gegen den persischen Schah von einem Polizisten in Zivil, Karl-Heinz Kurras, erschossen. Wie haben Sie den Tod des Studenten erlebt?
Wir hätten nie für möglich gehalten, dass bei einer Demonstration ein Mensch sterben könnte. Es war völlig undenkbar, ja, unfassbar. Ich war nicht vor der Deutschen Oper, ich bin gegen 22 Uhr in den AStA gefahren. Da kamen Demonstranten, um zu berichten. Was sie erzählt haben, hat uns umgehauen. Im Radio hörten wir, wie die Polizei um diese Zeit noch über Megafon verkündete, dass ein Polizist von Demonstranten erstochen worden sei. Nachts um ein Uhr sagte der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz: „Die Geduld der Stadt ist am Ende.“ Da war ich wirklich vom Donner gerührt. Wir hätten nie gedacht, dass die Polizei mit Schusswaffen in die Demonstration geht – wir waren ja völlig unbewaffnet. Damals flogen, wenn überhaupt, Eier und Mehlbeutel. An dem Abend wussten wir noch gar nicht, dass 150 Leute vom persischen Geheimdienst eingeflogen worden waren, um in West-Berlin Studenten zu verprügeln. Wir waren zutiefst enttäuscht von unserer Republik, das hat uns schlagartig weiter nach links gebracht. Ich sollte dann den Rücktritt des Regierenden Bürgermeisters Heinrich Albertz fordern – das war nicht ganz leicht für mich als Sohn eines ehemaligen Bürgermeisters. Christa Ohnesorg, die Witwe Benno Ohnesorgs, bat mich später, die Trauerrede zu halten. Bei der Rede sagte ich, dass wir um einen Toten trauern und den Zustand unseres Gemeinwesens beklagen. Es war ein tiefer Einschnitt.

Im April 1968 wurde auf Rudi Dutschke ein Attentat verübt. Das trieb in West-Berlin viele Tausende auf die Straße.
Die schreckliche Tat brachte alle wieder zusammen. Die folgenden Osterunruhen waren ein Höhepunkt der Studentenbewegung und zugleich der Anfang von ihrem Ende. Im November kam es zur Schlacht am Tegeler Weg mit vielen Verletzten, weit mehr auf der Seite der Polizei als auf der Seite der Demonstranten – ohne dass es Provokationen durch die Polizei gegeben hätte. Nach der wüsten Prügelei gab es ein Treffen an der Technischen Universität, bei dem einige meinten, wir befänden uns nun in einer revolutionären Situation – welch eine Verblendung! Das spaltete die Studentenschaft. Viele zogen sich danach zurück und beendeten ihr Studium. Die große Mehrheit machte sich auf zu einem „Marsch durch die Institutionen“, viele engagierten sich für Studienreformen, andere gründeten Kaderparteien – frei nach Marx, Lenin, Trotzki, Mao – wieder andere verabschiedeten sich in Richtung Selbsterfahrungsgruppen. Ein ganz kleiner Teil ging in den terroristischen Untergrund.

Und Sie?
Für mich war Schluss. Ich habe mich – neben meinem parteipolitischen Engagement – auf meine Examina konzentriert. Es gab übrigens einen deutlichen Leistungsdruck unter den eigenen politischen Freunden bei den Juristen: Man musste ein Prädikatsexamen machen. Es hieß: Wir haben Rabatz gemacht, aber nun müssen wir auch die Besten sein – es geht schließlich darum, qualifiziert die Institutionen zu verändern.

Wenn Sie zurückblicken auf die Zeit vor 50 Jahren: Welche positiven Entwicklungen sind von damals ausgegangen? Was waren Irrwege?
Wenn man bedenkt, dass an den Ostermärschen in den späten 1950er Jahren Hunderttausende teilgenommen hatten, waren es in der Studentenbewegung vergleichsweise wenige. Dennoch war es eine Generationserfahrung. Politisches, antiautoritäres Engagement war „in“. Und das wirkte fort in der wiedererstarkten Frauenbewegung, in den späteren Bürgerinitiativen, in der Anti-Atom-Bewegung, in den Nachrüstungsprotesten, in der neuen Umweltpartei, den Grünen: Die nachhaltige Politisierung und der Antiautoritarismus sind Wirkungen, „Erfolge“ der Studentenbewegung. Sie hat sicher nachhaltig zur Liberalisierung und Pluralisierung der Bundesrepublik beigetragen. Andererseits haben wir Fehler gemacht, indem wir Menschen, zum Teil bösartig, verprellt haben, mit denen wir hätten zusammenarbeiten können. Liberale wurden von den Linken damals stärker bekämpft als Konservative. Was wir auf jeden Fall zu spät erkannt haben, war die Gefahr von Militanz und Gewalt. Ich persönlich habe diese ganzen Diskussionen um Gewalt gegen Personen und Gewalt gegen Sachen unterschätzt: Was sind schon Eierwürfe auf das Amerika-Haus gegen Napalm-Bomben auf Kinder in Vietnam? So haben wir argumentiert – doch das sollte man nicht tun, eine solche Argumentation senkt die Hemmschwelle zur Gewalt.

Sie waren viele Jahre hoher Kultur- und Wissenschaftsbeamter. Haben es die Achtundsechziger geschafft, die Institutionen zu verändern?
Die Studentenbewegung folgte der grundlegenden Überzeugung: Wir machen etwas gemeinsam, wir argumentieren, wir hören zu. Wenn wir nicht die besseren Argumente haben, hat der andere gewonnen. Das hat den Umgang miteinander grundlegend verändert, das Klima in den Institutionen, in den Bürokratien, an den Gerichten, in den Parteien und Verbänden, in den Kirchen und auch an den Schulen. In den 2000er-Jahren gab es eine neoliberale Gegenbewegung, man argumentierte nur noch mit betriebswirtschaftlicher Logik, auch Hochschulen sollten wie Wirtschaftsunternehmen organisiert werden. Meiner Ansicht nach ist ein „Kollateralgewinn“ der Finanzkrise 2008, dass man der Leistungsfähigkeit der Organisationsstrukturen in Banken und Unternehmen in keiner Weise mehr traut.

Was haben Sie selbst aus Ihrer Zeit an der Freien Universität mitgenommen – außer dem wissenschaftlichen Handwerk und der fachlichen Expertise als promovierter Jurist und habilitierter Politikwissenschaftler?
Es war eine hohe Schule des Umgangs in dem für die Zeit fortschrittlichen parlamentarischen System, das es an der Freien Universität gab. Ich habe gelernt, in den Meinungsaustausch zu treten, Reden zu halten, an verschiedenen Orten öffentlich aufzutreten, mich nicht umpusten zu lassen, wenn ich aufgeregt war. Und ich glaube, dass ich an der Freien Universität und auch in der folgenden Zeit am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte gelernt habe zu integrieren. Man muss die Menschen ernst nehmen und einfach annehmen, dass sie gute Argumente haben. Ich war fast 30 Jahre lang in leitenden Positionen, unter anderem als Staatssekretär, ich wollte nicht anordnen, sondern bei meinen Entscheidungen möglichst viele einbeziehen. Wenn meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anderer Meinung waren, dann haben wir uns an einen Tisch gesetzt und argumentiert. Oft habe ich mich überzeugen lassen, bei anderen Konflikten bin ich bei meiner Entscheidung geblieben, weil ich meinte, die besseren Argumente zu haben.

Und wenn Sie als Ehemaliger auf die Freie Universität blicken?
Es gab, auch als Folge der Studentenbewegung, bis in die 1970er-Jahre hinein zum Teil chaotische Verhältnisse in einigen Fächern. Die zu überwinden, war eine große Leistung der Freien Universität. Nach der Vereinigung der Stadt gab es im Osten wie im Westen im gesamten öffentlichen Dienst dramatische Einschnitte, das war mit größten Schmerzen und Ängsten verbunden. Auch die Universitäten sind in den 1990er-Jahren in ungeheurer Weise zusammengestrichen worden. Die Freie Universität hat Großes geleistet, dabei nicht unterzugehen und sozusagen das Beste aus ihrem Typ zu machen. Nach den großen Kürzungsrunden war es Anfang der 2000er-Jahre eine sehr kluge Entscheidung der Freien Universität zu sagen: Wir definieren uns nicht über die Größe, sondern über unsere Stärken. Wir wollen in unserer Lehre und Forschung exzellent werden. Das wurde geschafft: Die Freie Universität steht, trotz der Überlastpflichten der vergangenen Jahre, als Exzellenzuniversität glänzend da, nicht nur in der deutschen, auch in der internationalen Wissenschaftslandschaft. Man muss ja der Uni bald nicht einmal mehr die Daumen drücken!

50 Jahre, nachdem Sie den AStA-Vorsitz turnusmäßig an einen Nachfolger übergeben hatten, sind Sie mit einer von Ihnen konzipierten Vorlesungsreihe zur Studentenbewegung wieder an der Freien Universität. Schließt sich für Sie damit ein Kreis?
Für mich war die Studentenbewegung 1966 bis 1968 – das, was man „Achtundsechzig“ nennt – eine wichtige Zeit, und sie bedeutete einen Einschnitt in die Nachkriegszeit der Bundesrepublik. Eine Formulierung wie „zweite Geburt der Demokratie von unten“, die Forderung nach einer Politisierung der Gesellschaft und eine akademische Jugend, die sich politisch auflehnte, aufmüpfig und links – das mag aus heutiger Sicht etwas übertrieben klingen, aber es hat seine historische Berechtigung. Ich bin dankbar, dass mein Vorschlag für eine öffentliche Vorlesungsreihe von der Freien Universität angenommen wurde. Mit den Referentinnen und Referenten werden wir hoffentlich viele spannende Fragen rund um die Studentenbewegung diskutieren können. Und da schließt sich für mich tatsächlich ein Kreis: mit der Freude des aufgeklärten Argumentierens.

Eine Audiodatei mit der Trauerrede Knut Nevermanns zum Tod Benno Ohnesorgs kann online angehört werden: www.fu-berlin.de/presse/ohnesorg

Knut Nevermann, früherer Asta-Vorsitzender, im Gespräch mit der Freien Universität.
Knut Nevermann, früherer Asta-Vorsitzender, im Gespräch mit der Freien Universität.Foto: Bernd Wannenmacher

Knut Nevermann, Jahrgang 1944, studierte nach dem Abitur 1963 Rechtswissenschaft, zunächst in Hamburg und München, ab 1965 an der Freien Universität Berlin. Er wurde im April 1966 für ein Jahr zum Vorsitzenden des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) gewählt. 1967 war er Mitbegründer des Republikanischen Clubs in West-Berlin, einem Verein der Außerparlamentarischen Opposition.

Der promovierte Jurist habilitierte sich im Fach Politikwissenschaft. Von 1974 bis 1986 war Nevermann wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Von 1986 bis 1988 leitete er das Landesinstitut für Schule und Weiterbildung im nordrhein-westfälischen Soest. 1988 ging er zurück in seine Geburtsstadt Hamburg und war dort bis 1997 Staatsrat in der Kulturbehörde der Stadt. Von 1998 bis 2006 arbeitete Nevermann im Bundeskanzleramt: Er war Amtschef und Abteilungsleiter unter drei Staatsministern für Kultur und Medien. Anschließend war er bis 2009 als Staatssekretär im Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst tätig. Von 2010 bis 2014 wirkte Knut Nevermann als Staatssekretär für Wissenschaft in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft.

Nevermann entstammt einer sozialdemokratischen Familie und ist seit 1965 Mitglied der SPD. Er ist Sohn des früheren Ersten Bürgermeisters von Hamburg Paul Nevermann und Bruder von Anke Fuchs, frühere Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit.

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