German Rifle Association in Berlin : Wie eine Spandauerin um das Recht auf Waffen kämpft

Sie kennt das schon. Sobald was passiert, heißt es wieder: Händler des Todes! Da hatte es ihr Urgroßvater leichter. Seit 100 Jahren führt die Familie in Berlin ein Waffengeschäft. Katja Triebel vertritt die German Rifle Association.

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Waffenhändlerin Katja Triebel
Ihr Revier. Katja Triebel (links) betreibt in vierter Generation das Spandauer Geschäft.Foto: privat

Nur Menschen und Ratten töten ihre Artgenossen, bloß um zu töten. Das hat der Philosoph Michel Serres gesagt. Könnten wir die Ratten zu diesem desillusionierenden Befund befragen, vielleicht würden sie antworten: Bekämpfen wir den Menschen in uns!

Die meisten Menschen sagen: Bekämpfen wir die Ratte in uns! Und sie preisen den entwaffneten Bürger mit dem pazifistischen Weltbegriff. Dass viele es für vollkommen normal halten, keine Waffe zu besitzen, ist als Bewusstseinslage ein absolutes Novum, rein gattungsgeschichtlich gesehen.

Was machte der Durchschnittsdeutsche noch Anfang der 70er Jahre, wenn er das Gefühl hatte, eine Schrotflinte oder ein Kleinkalibergewehr zu benötigen? Er schaute in den Neckermann- oder den Otto-Versandhaus-Katalog und gab eine Bestellung auf. Nur Finsterlinge entwaffnen das Volk. Adolf Hitler zum Beispiel entwaffnete die Juden. Die Vordenker der Sozialdemokratie dagegen, August Bebel und Wilhelm Liebknecht, forderten die allgemeine Volksbewaffnung. Denn nur ein bewaffnetes Volk ist ein souveränes Volk. Oder wäre es doch eher ein Volk von Ratten?

Ratten? Unfug! 90 Prozent der Menschen sind absolut gut

Ratten? Unfug! 90 Prozent der Menschen sind absolut gut, erklärt die Waffenhändlerin Katja Triebel mit Enthusiasmus. Und jetzt sage sie mal, wie sich die menschliche Gesellschaft aufbaut, rein zoologisch gesehen: Drei bis fünf Prozent sind Wölfe, zehn Prozent Hütehunde, der Rest sind Schafe. Und sie ist für das Recht eines jeden volljährigen, gesetzestreuen Schafs auf Selbstverteidigung. Ihr Schafe, bewaffnet euch!

Katja Triebel ist der Mensch, der in diesem Land vielleicht am meisten über Waffengesetze und Waffenrechtshistorie weiß. Sie führt gemeinsam mit ihrem Bruder die Triebel Jagd- und Sportwaffen GmbH in Berlin-Spandau. Wer eine Mauser M 98 Magnum braucht für 8495 Euro, geht zu ihr. Oder wahlweise die S 404 Classic XT, „der kompromisslose Allrounder mit unverwüstlichem Polymerschaft“? Eine Beretta 92? Die Beretta 92 war die Waffe, mit der der Amokläufer von Winnenden seine Mitschüler und Lehrer erschoss.

Ob sie eine da hat, zum Anschauen?

Keine gute Frage. Katja Triebel ist eine sehr resolute Frau. Man erkennt das auch daran, dass sie zudem Mitglied der German Rifle Association ist, Gründerin der Facebookgruppe Waffenlobby und Initiatorin der Website Legalwaffenbesitzer.de. Freie Waffen für freie Bürger? Die German Rifle Association fiel bereits mit der Auffassung auf, der private Waffenbesitz stelle ein Menschenrecht dar. Für viele ist das ein Beleg mehr für den Verdacht, den sie ohnehin hegen: Diese Schützen sind nicht ganz zurechnungsfähig. Sie sollten mal in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte schauen, die weiß davon nichts.

Ein Jäger geht auf die Pirsch. Warum nicht von ihm lernen? Langsam heranpirschen und nie die Deckung verlassen.

Andere Mädchen gingen tanzen, sie machte den Jagdschein

Frau Triebel, können Sie schießen?

Mit 15 habe ich meinen Jagdschein gemacht, antwortet die Frontfrau der Bewaffnungswilligen dieses Landes nicht ohne Stolz. Wie niederschmetternd. Als andere Mädchen ihres Alters tanzen gingen, lernte sie also, wie man friedliche Waldbewohner mit klugen Rehaugen umlegt. Es gibt nichts Pazifistischeres als Rehaugen. Doch Empathie grenzt manchmal an vorsätzliche Dummheit. Und mit Bambi in der Tasche hat noch niemand seinen Jagdschein gemacht.

Waren da noch mehr Mädchen ihres Alters?

Nein, ich war die Einzige.

Und dann beginnt sie über den Wald zu reden. Über Singvögel und Baumknospen. Denn wer nicht alle Singvögel kennt und beim Anblick einer Knospe nicht weiß, von welchem Baum die ist, der bekommt keinen Jagdschein. Also lernt man da viel mehr als Zielen? Katja Triebels Blick wird eng wie eine Gewehrmündung. Der Jagdschein ist eine Art grünes Abitur, erklärt sie langsam. Ein ganzes Studium sei das, nur viel praktischer.

Apropos Praxis. Wie viele Hirsche sind schon den Praxistod von Ihrer Hand gestorben?

Keiner, sagt sie. Als sie mit 15 prüfungsbedingt auf dem Hochstand saß, kam zwar ein Rehbock vorbei, aber dann haben beide, der Bock und das Mädchen, lieber woandershin geguckt. Außerdem durfte man früher in West-Berlin sowieso nicht jagen, um die DDR-Grenzer nicht zu provozieren. Aber wozu dann ein grünes Abitur, nur um die Waffe niederzulegen?

Ein Flintenweib spräche anders. Katja Triebel sitzt im neonbeleuchteten Hinterzimmer ihres Waffengeschäfts. An der Wand hängen Familienurkunden, die Büchsenmacher-Meisterbriefe ihres Vaters und Großvaters, der Gesellenbrief ihres Bruders. Konnte man denn mehr werden als Büchsenmacher? War das nicht die Krone des Handwerks?

Die Triebel Jagd- und Sportwaffen GmbH in Berlin-Spandau ist ein Familienunternehmen in der vierten Generation. Büchsenmacher sind Hochpräzisionsarbeiter, zielstrebig und ausdauernd. Alles, was Jugendliche nicht unbedingt sind, und in den 70ern schon gar nicht, weshalb es zwischen dem Büchsenmacher-Vater und seiner halbwüchsigen Büchsenmacher-Tochter zu bedenklichen Nichteinverständnissen kam. Sätze, die mit den Worten begannen „Solange du die Füße noch unter meinen Tisch steckst...“ hörte das Mädchen besonders ungern, und irgendwann beschloss es, den Vater schwer zu beeindrucken. Und machte den Jagdschein. Das hatte er ihr nicht zugetraut! Jeder Vater hat ein Recht, auf seine Kinder stolz zu sein. Oder sollte es haben.

Jedes Kind hat das Recht, auf seine Eltern stolz zu sein, oder sollte es haben. Die Entehrung kam schleichend. Spätestens seit dem Amoklauf von Winnenden sah Katja Triebel sich und ihre Familie öffentlich an den Pranger gestellt. „Händler des Todes“ nannte man nun solche wie sie.

Am Vormittag des 11. März 2009 gegen 9.30 Uhr hatte der 17-jährige Tim Kretschmer in Winnenden bei Stuttgart seine Schule betreten, mit der Beretta 92 seines Vaters in der Hand. Nie wieder würden die anderen über ihn lachen. Sie würden überhaupt nicht mehr lachen, vor allem nicht die Mädchen. Wenig später waren 17 Menschen tot, zuletzt tötete der Junge sich selbst. 112 Schüsse. Laut Waffengesetz hätte sein Vater, der Sportschütze, die Pistole unter Verschluss aufbewahren müssen.

Er hatte es nicht getan.

Jäger und Sportschützen galten fortan als Menschen mit tendenziell abnormen, mörderischen Freizeitbeschäftigungen. Und die ihnen das Schussgerät verkauften, waren das nicht beinahe Kriminelle, legale Kriminelle? Noch am gleichen Tag gründete sich die Berliner Initiative „Keine Mordwaffen als Sportwaffen!“.

Dachten nicht plötzlich alle in Formatfehlern?

Katja Triebel suchte nach einer relativierenden, abwägenden Stimme. Sie fand keine. Sie kannte das Wort noch nicht, später würde sie von der „Mainstreampresse“ sprechen. Dachten nicht plötzlich alle in Formatfehlern?

Da war ein Junge, der von den Mädchen gehänselt wurde und der sich für diese Zurückweisung rächte. Elf der zwölf Opfer an seiner Schule waren weiblich. Dieser Amoklauf war eine irre letzte Behauptung des eigenen Stolzes. Ein extremer Einzelfall, so kam es Katja Triebel vor. Und was tat dieses Land? Es verschärfte die Waffengesetze, als ob die Bundesrepublik seit 1973 nicht eines der restriktivsten Waffengesetze der Welt hätte. 1973, das war die Zeit, als man den vollkommenen Menschen höchstens mit Blumen bewaffnet sah.

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