Welt : Charakter statt Teenie

In „The Kids are all right“ zeigt Mia Wasikowska, warum man in Hollywood mit ihr rechnen muss

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Mutter, Mutter, Vater, Tochter, Sohn – so lautet die Konstellation im Film „The Kids are all right“, in dem Mia Wasikowska eine 18-Jährige spielt. Foto: Universal Studios/Suzanne Tenner/dapd
Mutter, Mutter, Vater, Tochter, Sohn – so lautet die Konstellation im Film „The Kids are all right“, in dem Mia Wasikowska eine...Foto: dapd

Sie heißt Joni. Nach Joni Mitchell, der großen kanadischen Songwriterin. Doch außer den langen blonden Haaren verbindet die 18-Jährige nichts mit der Musikerin. Ihr Name sagt mehr über den Geschmack ihrer Eltern aus als über sie selbst. Die Eltern, das sind die Ärztin Nic und die Künstlerin Jules, die seit rund 20 Jahren zusammen leben und neben Joni noch einen 15-jährigen Sohn haben. Das harmonische Familienleben gerät aus der Balance, als die Kinder ihren biologischen Vater – einen Samenspender – ausfindig machen.

Eine klassische Komödienkonstellation mit einer weniger klassischen Familie, das ist Lisa Cholodenkos „The Kids are all right“, einer der Publikumslieblinge der diesjährigen Berlinale. Ab Donnerstag startet er bundesweit in den Kinos. Dass diese im goldenen kalifornischen Sommerlicht erstrahlende Komödie so gut funktioniert, hat viel mit der Top-Besetzung zu tun. Annette Bening und Julianne Moore geben das alternde Lesben-Ehepaar mit viel Schwung und ohne Eitelkeit. Mark Ruffao bringt genau die richtige Portion Coolness für die Rolle des Vaters mit. Und auch die Kids machen ihre Sache fantastisch. Bei Mia Wasikowska alias Joni ist das keine Überraschung. Die inzwischen 21-jährige Australierin gilt schon seit einer Weile als einer der hoffnungsvollsten Hollywood-Newcomer. So nahm das Branchenblatt „Variety“ sie 2008 in die Top- Ten-Liste der „Actors to watch“ auf, und 2010 zierte sie das Cover der „Fresh Faces“-Ausgabe von „Vanity Fair“.

Weltweit bekannt wurde die in der australischen Hauptstadt Canberra geborene Schauspielerin im Frühjahr durch ihre Hauptrolle in Tim Burtons „Alice in Wonderland“. Er veränderte die Geschichte von Lewis Carroll für sein 3D-Fantasy- Spektakel stark. So läuft bei ihm statt eines kleinen Mädchens eine 19-jährige Frau hinter dem weißen Hasen her und begegnet in der fantastischen Unterwelt allerlei skurrilen Gestalten, die in ihr eine Retterin sehen. Mia Wasikowska gibt dieser Alice 2.0 Glaubwürdigkeit und wandelt locker an der Seite von Johnny Depp, der den verrückten Hutmacher spielt, durch die verwunschene Zauberwelt. Dabei war sie beim ersten Treffen mit dem Superstar ein wenig eingeschüchtert. Das Gefühl verflog schnell, als sie sah, dass auch er am Set manchmal nervös ist.

Angst vor großen Namen kennt Wasikowska sonst nicht. Sie drehte schon mit der zweifachen Oscarpreisträgerin Hilary Swank, mit Ewan McGregor und Richard Gere. Im vergangenen Jahr war sie an der Seite von Daniel „007“ Craig in dem Partisanen-Drama „Defiance – Unbeugsam“ zu sehen, in dem auch Liev Schreiber und Jamie Bell mitspielten.

Mit atemberaubender Geschwindigkeit hat sich die junge Frau in Hollywood etabliert. Nach ersten Fernseh-Erfahrungen und drei Spielfilmen in ihrer Heimat gelang ihr 2008 der Sprung in die USA. Sie wurde für die HBO-Serie „In Treatment“ gecastet. Die erste Staffel lief unter dem Titel „Der Therapeut“ vor einiger Zeit auch im deutschen Fernsehen. Neun Folgen lang war sie die Turnerin Sophie, die nach einer Vergewaltigung selbstmordgefährdet ist. Nicht gerade die leichteste Rolle für eine junge Frau, die tausende Kilometer von der Heimat entfernt ist. Doch Mia Wasikowska gefällt gerade das: „Düstere Themen ziehen mich an. Ich finde sie interessanter“, sagte sie einer australischen Tageszeitung. In einer Teenie-Komödie würde sie hingegen nie mitspielen.

Ihre bisherige Rollenauswahl ist in der Tat relativ ambitioniert. So wirkte sie etwa neben Hal Holbrook in dem Südstaaten-Drama „That Evening Sun“ mit und lehnte es im letzten Jahr ab, mit Robert Redford zu filmen, weil ihr eine Hauptrolle im neuen Werk der Indie-Legende Gus Van Sant spannender erschien. „Restless“ heißt dieses noch nicht fertiggestellte Drama um ein todkrankes Mädchen, das sich in einen todessehnsüchtigen Jungen verliebt. Für den US-Regisseur („Milk“, „Elephant“) ließ sie sich sogar ihre langen Haare abschneiden. „Ich bin ein großer Fan seiner Filme, seit ich ein Teenager bin. Mit ihm zu arbeiten, war cool“, begründete sie ihre Entscheidung. Die ewigen Vergleiche mit Gwyneth Paltrow ist sie mit der Frisur auch eine Weile losgeworden.

Mia Wasikowska, deren Vorbilder Holly Hunter and Robin Wright Penn sind, hat sicher das Zeug fürs Charakterfach. Dabei hat sie das Schauspielern gar nicht gelernt. Lange sah es für die Tochter einer polnischen Fotografin und eines australischen Künstlers danach aus, als werde sie eine Tanzkarriere machen. Neben der Schule trainierte sie bis zu 35 Stunden in der Woche. Doch mit 15 verlor sie ihre Begeisterung fürs Ballett. Der Stress, die Konkurrenz und der Perfektionismus gingen ihr auf die Nerven – also wechselte sie zur Schauspielerei. Verglichen mit der harten Welt des Tanzes kamen ihr die Arbeitsbedingungen dort paradiesisch vor.

Das war allerdings, bevor sie die Hauptrolle in Cary Fukunagas „Jane Eyre“-Verfilmung übernahm. Beim Dreh musste sie ein Korsett tragen. Eine Erfahrung, die sie mit dem Wort „Folter!“ beschreibt. Ob sich die Schmerzen gelohnt haben, wird man 2011 im Kino sehen können.

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