Demografie : Das Ein-Generationen-Haus: 20 Alte gründen WG

Vielen graut vor dem Ruhestand. Sie fürchten, aufs Abstellgleis zu geraten, haben Angst vor Einsamkeit. Deshalb haben sich in Stade 20 Alte ein eigenes Haus gebaut. Ergebnis: „Bei uns bleibt keiner allein“.

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Kein Stillstand im Ruhestand. Michael Lohmeyer (links) und Walter Punke bei sportlicher Betätigung.
Kein Stillstand im Ruhestand. Michael Lohmeyer (links) und Walter Punke bei sportlicher Betätigung.Foto: Manfred Borchers

Es war wie ein kleiner Tod, als er den ersten Schritt in Richtung Ruhestand und Alter machte. Später war es wie eine Wiedergeburt.

Etwa zwölf Jahre ist es her. Dass jener Schritt überhaupt etwas mit Ruhestand und Alter zu tun hatte, das sollte Michael Lohmeyer, heute 62, aber erst später merken. Damals sagte er einfach zu seinem Chef, „ich will nicht mehr angestellt sein“. Er sei ausgebrannt, acht Stunden oder länger im Büro sitzen zu müssen, das könne er nicht länger, er brauche mehr Zeit für sich, wolle selbstständig arbeiten, frei sein. Die evangelische Kirche, wo er als Berater arbeitete, entließ ihn.

Doch als es so weit war und die Kollegen und das Büro aus seinem Alltag verschwunden waren, fühlte Michael Lohmeyer sich nicht frei. Es war Winter, graue Tage folgten grauen Tagen, er hatte wenig zu tun und viel Zeit zu grübeln. Plötzlich zweifelte er an seinem Schritt. Ihm fehlten die Routine, die Rolle, die er im Betrieb gespielt, die Anerkennung, die er vom Chef und den Kollegen bekommen hatte. Und er wusste nicht, was er mit der freien Zeit anstellen sollte.

Michael Lohmeyer, schlank und sportlich, fühlte sich alt und nicht gebraucht. Und fragte sich: „Oh Gott, wie soll das werden, wenn ich erst wirklich nicht mehr arbeite – und noch älter werde?“

Die Angst vor dem Ruhestand. Immer wieder taucht sie auf. Ganz aktuell in der öffentlichen Debatte um die Altersarmut, um die sogenannte Rentenlücke. Meistens aber bleibt die Angst im Privaten und weniger konkret, kündigt sich an mit einem Unbehagen. Das beginnt schon beim Wort. Ruhestand – das klingt nach Stillstand, Bewegungslosigkeit. Nach Abstellgleis.

Michael Lohmeyer jedenfalls ahnte, dass dieser Lebensabschnitt, vor dem er sich fürchtete, sehr lange dauern kann. Wer heute in den Ruhestand geht, hat noch ein Viertel seines Lebens vor sich, vielleicht sogar mehr. Die Lebenserwartung, die in früheren Zeiten durchschnittlich zwischen 40 und 45 Jahren lag, steigt dank medizinischer Fortschritte schon seit Jahrzehnten massiv an und wird im Jahr 2050 bei 84,5 Jahren für Frauen und bei 80,5 für Männer liegen. Und das sind nur Durchschnittswerte. In der Spitze sehen die Zahlen noch eindrucksvoller aus: Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatten nur zwölf Prozent der Frauen in Deutschland die Chance, das 80. Lebensjahr zu erreichen. Am Jahrhundertende waren es schon 60 Prozent. 90 Jahre alt zu werden war nur einem Prozent der Frauen vergönnt und nur 0,5 Prozent der Männer. 100 Jahre später waren es 20 Prozent. Und das Statistische Bundesamt kommt zu der Erkenntnis: „Eine Obergrenze der Lebenserwartung gibt es nicht.“

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