Drastische Maßnahmen : Lehrer in der Gummizelle

Das Szenario kam wohl in den dunkelsten Träumen vieler Schüler nicht vor: New York sperrt inkompetente Mitarbeiter des Schulsystems in fensterlose Zimmer, um sie zur Kündigung zu bewegen.

Rita Neubauer

Sie spielen Karten und Schach, lesen Zeitschriften, schlafen oder plaudern einfach mit ihren Kollegen über Gott und die Welt. Rund 600 Lehrer in New York sehen kein Klassenzimmer mehr von innen. Stattdessen sind sie zum Nichtstun in oft fensterlosen, im Sommer überhitzten und im Winter überheizten Zimmern ohne Ventilation und mit niedrigen Decken verdammt. Es sind die berühmt-berüchtigten „rubber rooms“, wie sie in New York genannt werden. Täglich treffen sich hier die kaltgestellten Lehrer, verbringen hier sieben Stunden am Tag, monatelang, manche über Jahre, voll bezahlt und schrecklich gelangweilt.

Der Grund für die ungewöhnliche Disziplinierung: Sie dürfen wegen Inkompetenz oder Verfehlungen nicht mehr unterrichten. Da sie nicht einfach entlassen werden können und bis zur Gerichtsverhandlung viel Zeit vergeht, müssen sie untergebracht werden. Man darf die auffälligen Lehrer nicht einfach nach Hause schicken. Stattdessen müssen sie pünktlich zu Schulbeginn antreten und in unattraktiven Schul- und Büroräumen ihre Arbeitszeit vergammeln. Telefonieren, am Computer arbeiten oder Musik hören ist untersagt. Offiziell heißen die 14 Räumlichkeiten in New York „Temporary Reassignment Center“, doch „reassigned“, also mit einer neuen Aufgabe betraut, wird hier selten jemand. Vielmehr seien diese Räume „gefährlich“, erklärte Jennifer Saunders gegenüber den „New York Daily News“. Weil das Nichtstun zu Depressionen und Aggressionen führen kann. „Manche greifen plötzlich zu Medikamenten. Sie fühlen sich nutzlos. Ehen werden geschieden“, sagt Saunders, die drei Jahre in einem „rubber room“ verbrachte – wegen schlechter Führung. Im „rubber room“ zu enden, ist ein zunehmendes Problem für die 140 000 Lehrer in New York. Die Zahl der Suspendierten verdoppelte sich seit 2004.

Der Beruf des Lehrers ist aus vielen Gründen hart in New York. Über 40 Prozent der Pädagogen geben ihren Job innerhalb von vier Jahren auf. Um erfahrene Lehrer vor willkürlichen politischen Entscheidung zu schützen, setzte die Gewerkschaft 2002 „tenure“ – Anstellung auf Lebenszeit – nach drei Jahren durch.

Kritiker argwöhnen, dass die Stadtregierung unter dem leistungsorientierten Bürgermeister Bloomberg die „rubber rooms“ auch eingerichtet hat, um Lehrer dazu zu bringen, selbst zu kündigen. Doch die wenigsten tun dies. Nicht nur wegen des Geldes. Viele fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt und abgeschoben. Sei es, dass sie lange schon im Dienst sind und New Yorks Bildungsverantwortliche die Lehrerschaft verjüngen wollen. Sei es, dass sie zu kritisch für einen omnipotenten Rektor waren oder einfach nur ihrem Frust in der Klasse freien Lauf ließen. Einem Insassen des „Lehrerknasts“, schreiben die „Daily News“, sei das Wort „fuck“ während des Unterrichts rausgerutscht. Andere wissen angeblich nicht einmal, warum sie im Niemandsland des New Yorker Schulwesens landeten.

Die Verantwortlichen für diese demütigende Behandlung dagegen argumentieren, dass es vor allem um den Schutz der Schüler gehe. Erst recht, wenn ein Lehrer im Verdacht des körperlichen Missbrauchs stehe. Während bei Problemen wie Alkoholismus und Drogenmissbrauch schnell eine Kündigung durchgesetzt werden kann, seien Fälle wie Inkompetenz dagegen schwer zu beweisen. Hier kommen dann Berater zum Einsatz, die die verdächtigen Lehrer beobachten, evaluieren und beraten. Fruchtet all dies nichts, dann endet der Lehrer im „rubber room“ und wartet auf ein Schiedsverfahren, frustriert, gelangweilt und aggressiv.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben