Eine schwedische Stadt wird versetzt : Kiruna - auf Eisenerz gebaut

Das schwedische Kiruna muss einer Eisenerzmine weichen – und zieht drei Kilometer weiter nach Osten. Nicht wenige Einwohner finden das sogar gut.

Karin Bock-Häggmark
Kiruna, die nördlichste Stadt Schwedens, muss umziehen.
Kiruna, die nördlichste Stadt Schwedens, muss umziehen.Foto: Gemeinde Kiruna

Kiruna, die nördlichste Stadt Schwedens, schreibt Geschichte und Rentner Lars Hjortborg bekommt es mit der Angst zu tun. „Mir ist das unheimlich“, sagt Hjortborg im schwedischen Fernsehen. „Wir fühlen uns wohl in unserem Viertel und haben keine Ahnung, wo wir landen werden.“ Hjortborgs Haus verschwindet – genauso wie 3000 weitere Wohnungen und der gesamte Stadtkern. Kiruna zieht um, drei Kilometer nach Osten geht es, ein Drittel der 18 000 Einwohner sind betroffen.

„Dass man eine ganze Stadt mit Wohnhäusern, dem Einkaufszentrum und allen öffentlichen Einrichtungen von der Kirche über das Rathaus bis zur Schule versetzt – das hat es noch nie gegeben“, erklärt Göran Cars, oberster Stadtplaner in Kiruna. „Für mich als Stadtentwickler ist das natürlich ein Traum.“ Für Lars Hjortborg ist es ein Albtraum.

Der Umzug hat einen Grund und der heißt LKAB. Das Kürzel steht für „Luossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag“ und ist der Name eines staatlichen schwedischen Bergbauunternehmens. Der Luossavaara und der Kiirunavaara, zu Deutsch der Lachs- und der Schneehuhnberg, sind zwei Felsriesen, die in ihrem Inneren das verbergen, worauf LKAB es schon lange abgesehen hat: hochwertiges Eisenerz.

Bereits 1899 begann man diesen Schatz zu heben. Dazu brauchte es Menschen in diesen subarktischen Weiten Lapplands, wo Temperaturen von minus 30 Grad im Winter keine Seltenheit sind und die Polarnacht im Dezember das Leben verdunkelt. So beschloss LKAB, 1000 Kilometer nördlich von Stockholm eine arbeiterfreundliche Musterstadt aus dem eisigen Boden zu stampfen. Hjalmar Lundbohm, erster Generaldirektor des Unternehmens, wird seitdem in Schweden als visionärer Geschäftsmann und Mäzen verehrt. Dass seine Modellstadt auf samischem Boden entstand, kümmerte ihn wenig. Dass die Ureinwohner nicht am neuen Reichtum teilhaben sollten, war Absicht. Die damals populäre „Ein Lappe soll ein Lappe bleiben“-Doktrin setzte auf Segregation und wollte die rentierzüchtenden Samen lediglich als folkloristisches Element erhalten.

Von Beginn an war Kiruna eine Modellstadt und die städteplanerischen Experimente gingen in den 50er und 60er Jahren weiter. Damals wurden die Holzbauten im Zentrum abgerissen. Die funktionalistischen Betonhäuser des Architekten Ralph Erskine, die im Volksmund Spucknapf, Berliner Mauer und Tabakdose heißen, wuchsen in die Höhe. Das Iglo genannte Rathaus, das lichtdurchflutete Verwaltungsgebäude und Kunsthalle in einem ist, setzte architektonische Maßstäbe.

Die Firma und Kiruna sind aufeinander angewiesen - wie einst Essen und Krupp

Vor zehn Jahren entdeckte LKAB tiefe Risse in Kirunas Boden. Der Erzabbau direkt neben der Stadt fordert seinen Tribut. 76 000 Tonnen Erz werden täglich aus der Grube, die die weltweit größte ihrer Art ist, ans Licht gebracht. Tunnel in bis zu 1300 Meter Tiefe durchziehen das Erdreich, das bald nicht mehr trägt. Auch ragt das Flöz mit dem wertvollen Magnetit schräg unter die Stadt hinein. Für Stadt und Unternehmen war daher schnell klar: Soll Kiruna weiter existieren, dann müssen die gefährdeten Häuser weg und LKAB muss Zugang zur Mine unter der Stadt bekommen.

Der Widerstand gegen diese Radikallösung war erstaunlich gering. Pragmatismus prägt die Einwohner Kirunas. „Ohne LKAB gäbe es die Stadt nicht“, sagt die junge Maschinenführerin Maria Häggroth in einem Fernsehinterview. „Deswegen müssen wir alles tun, damit sie bleiben.“ LKAB und Kiruna sind aufeinander angewiesen, so wie einst Essen und Krupp, wie heute Wolfsburg und VW. Kiruna hat Schwedens niedrigste Arbeitslosenquote, die Grube lockt mit überdurchschnittlich hohen Gehältern, mit der Neuerschließung will LKAB 700 neue Arbeitsplätze schaffen. Das sind unschlagbare Argumente im strukturschwachen Norrland.

Natürlich ist der Umzug teuer. Wie teuer, weiß noch keiner. Über 400 Millionen Euro hat LKAB der Stadt Kiruna bereits zur Verfügung gestellt. Mehr als dreimal so viel investiert das Unternehmen in den Ausbau der Grube. Doch LKAB kann es sich leisten. Die Nachfrage nach Eisenerz ist enorm, vor allem in China, und trotz schwankender Preise glaubt LKAB, das Vielfache der Investitionen an Gewinn einfahren zu können.

"Wir zerstören soziale Strukturen"

Das hat einen nicht in Kronen zu rechnenden Preis. „Wir zerstören soziale Strukturen“, weiß Eva Ekelund, die bei der Stadtverwaltung hauptverantwortlich für die Umzugsplanung ist. „Man kennt seine Nachbarn. Vielleicht wohnt die alte Mutter im Nebenhaus – all das machen wir kaputt.“ Die wenigen Politiker, die sich in der von Sozialdemokraten, Konservativen, Linken, Feministischer Initiative und Samischer Partei gemeinsam regierten Stadt dem Umzug widersetzen, warnen vor einer neuen Armut. „Die Mieten werden in den neuen Häusern steigen und viele können sich das nicht leisten“, sagt Gunnar Selberg von der größten Oppositionspartei, dem Zentrum. „Die Stadt duckt vor LKAB. So war das schon immer.“

Das schwedische Architekturbüro White, das mit seinem auf hundert Jahre angelegten Masterplan „Kiruna-4-ever“ die Ausschreibung gewann, sieht das anders. Es böte sich die einmalige Chance eine „ökologisch, sozial und wirtschaftlich nachhaltige Modellstadt“ zu bauen. Sogar die „demografische Männerdominanz“ will man durch smarte Stadtplanung reduzieren.

Im September haben die Arbeiten für den Monumentalumzug begonnen, 2035 soll er abgeschlossen sein. Doch die Experimente könnten weitergehen. „Wir wollen auch danach noch Eisenerz abbauen“, sagt Pia Lindholm, Projektverantwortliche bei LKAB, dem Fernsehsender TV4. „Deshalb wird sich Kiruna weiter verändern und das ist positiv, denn die Alternative wäre sehr, sehr traurig.“

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