Welt : Experten rätseln über die Hintergründe der Grabschändung

Zwei Tage nach der Schändung des Grabes von Markus Wachtel steht die niedersächsische Polizei noch immer vor einem makabren Rätsel. Der Kopf des ermordeten Schülers (13) bleibt verschwunden. Unbekannte hatten das Grab des Mordopfers in der Nacht zum Sonnabend auf einem Friedhof in Peine-Stederdorf ausgehoben und den Kopf des zerstückelten Leichnams aus dem Sarg genommen. Nun rätseln die Ermittler ebenso wie die entsetzten Stederdorfer Bürger über die Hintergründe der grausigen Tat.

Nach Angaben eines Polizeisprechers wurden am Tatort Spuren entdeckt. Die Ermittlungen nach den Grabschändern laufen unabhängig vom Mordfall Wachtel. Der 13-Jährige war am 7. März 1998 ermordet worden. Es gebe keine Hinweise, dass der Diebstahl des Kopfes ein Racheakt für die Verhaftung eines Mordverdächtigen war, hieß es. Vor drei Wochen hatte die Polizei einen 18-jährigen ehemaligen Bekannten Wachtels unter dem dringenden Verdacht verhaftet, den Schüler umgebracht zu haben. Die Fahnder vermuten allerdings, dass der 18-Jährige die Leiche Wachtels nicht allein zerstückeln und beseitigen konnte. Bisher fehlen jedoch Erkenntnisse über mögliche Helfer, da der mutmaßliche Mörder die Tat beharrlich leugnet.

"Eine Grabschändung wie diese ist ein äußerst seltenes Delikt", sagte Rechtsmediziner Werner Johann Kleemann von der Medizinischen Hochschule Hannover. "Grabzerstörungen kommen immer wieder vor. Normalerweise nimmt aber niemand ein Leichenteil mit", erklärte der Wissenschaftler. Meist wollen die Täter das Tabu der ewigen Ruhe auf Friedhöfen brechen, indem sie Grabsteine umwerfen oder Denkmäler zerstören. Diebstahl von Leichenteilen begehen nach Kleemanns Erfahrungen meist Nekrophile. "Diese Menschen haben eine triebhafte Vorliebe für Tod und Verwesung", erklärte der Wissenschaftler. Die psychiatrische Abweichung erkläre manche Einbrüche in Leichenhallen. "Aber Nekrophile arbeiten meist heimlich, ihnen ist nicht an Öffentlichkeit gelegen." Kleemann hält es für möglich, dass das große öffentliche Interesse an dem Fall Markus Wachtel ein Anreiz für einen triebgestörten Grabschänder gewesen sein könnte. Der Experte ist sicher: "Wir haben es hier mit einer anderen Qualität als bloßem Vandalismus zu tun."

Auch die Polizei schließt nicht aus, dass "eine völlig abnorme Täterpersönlichkeit" das Grab Markus Wachtels öffnete - es wäre nicht der erste Fall dieser Art. Im November 1998 hatte ein 26-Jähriger die Leiche eines Kindes auf einem Friedhof nahe Bautzen ausgegraben und mit nach Hause genommen. Zwei Tage später legte er das tote Mädchen unter einer Brücke ab und stellte sich. Der Mann wurde in die Psychiatrie eingewiesen.

Erst vor rund zwei Wochen hatten Unbekannte in Frankfurt am Main das Grab des ebenfalls 13 Jahre alten Mordopfers Tristan Brübach geöffnet. Sie wurden aber gestört. Ebenso wie Markus Wachtel war auch Tristan Brübach von seinem Mörder zerstückelt worden. Trotz der Parallelen halten die Ermittler einen Zusammenhang der Grabschändungen von Peine und Frankfurt für unwahrscheinlich.

Autor: r_t_cummings@compuserve.com

Die Uni: Hassenswertes und Liebenswertes.

Die Universität ist nicht mehr alle Welt. Nur selten kommt es zu heißblütigen Liebeserklärungen. Die Uni ist ja auch nicht mehr jungfräulich, neugierig und unbescholten, sondern die Alma Mater ist heute eine gestandene Maitresse, "mit viel Holz vor der Hütten" (oder Stahlbeton) und allerlei wechselnder Kundschaft, den Studentenmassen, abgesehen von den Professoren und Professorinnen, die ihr gern treu bleiben. Es zahlt sich ja gut aus. Mit der Uni läßt sich gut leben, wenn man einmal Zugang zu einem ihrer Kämmerchen gefunden und gut eingerichtet ist. Hat man hohe Erwartungen, ist die Enttäuschung umso größer. Zur bitteren Enttäuschung gesellen sich Haßgefühle. Zur Uni kann man kein gleichgültiges Verhältnis haben, denn in ihr dreht sich alles ums Wissen - und Wissen ist Macht. Mit Objektivität und jungfräulicher Wahrheit hat die Uni nicht allzuviel im Sinn. Allerlei Obsessionen und Machtgelüste machen sie zum Jahrmarkt der Eitelkeiten. Und so hat man keine Wahl: Entweder man haßt die Uni, liebt sie oder tut beides zugleich. Wissenschaftliche Betätigung heißt nichts anderes, als dass man an ihrer Brust liegen und sein Herz ausschütten will - doch nicht jeden läßt die Uni an sich heran. Tut sie es doch, dann stößt deine Liebe objektiv auf Gegenliebe. Prüfungen zeigen, was es mit der Wissenschaftlichkeit der Universität auf sich hat. Not macht erfinderisch, und so stilisiert sich jeder Prüfling zu David, der gegen Goliath, den prüfenden Professor, in den Kampf zieht. Doch weder herrscht Waffengleichheit, noch kommt es überhaupt zu einem Kampf. Der Prüfer will ja keine Diskussion, sondern die Nummer nur von der Liste streichen. So verkommt eine Prüfung zum reinsten verächtlichen Glücksspiel. In wenigen Minuten sind ein Shakespeare, ein Goethe und Rilke auf irgendwelche Sinnfetzen und Fakten hin zu sezieren - und sowohl Prüfer als auch Prüfling haben dabei natürlich nichts anderes als Objektivität im Auge. Trifft der Prüfling ins Schwarze, erwärmt sich das Herz des Professors. Die Sucht nach Objektivität ist nichts anderes als die Liebe fürs Wahre. Kommt der Prüfling auf Abwege, fühlt der Prüfer sich höchstpersönlich auf den Fuß getreten. Das Falsche ist hassenswert. Und so obsiegt am Ende des Studiums die pure Emotion: Verachtung, wenn Goliath triumphierte, oder Hochachtung vor der Uni, wenn Goliath und David sich im Bruderkuß vereinten. Doch bereits während des Studiums zetert man genüßlich, denn in der Uni, dem chaotischen Eingeweide aus Gängen, Sälen und Warteschlangen davor, verkommt jeder zum gehässigen Nörgler. Studenten nagen an den Brocken, die die Professorenschaft ihnen zuwirft. Einem Professor ergeht es nicht anders, selbst wenn er es nicht zugibt. Das Gebot wissenschaftlicher Anschlussfähigkeit verlangt von ihm, zumeist nach den Zutaten zu greifen, die die Lektüre, Kollegen und Konkurrenten ihm reichen. Die Uni ist ein Wissen wiederkäuendes Ungetüm ohne besonderes Ziel als das der Wiederholung und Verwaltung von Wissen, der Produktion von Absolventen am anderen Ende. Die ständigen akademischen Hahnenkämpfe hingegen sind völlig ziellos, wenn auch voller Sinn. Gelegentlich, natürlich, wächst die Uni an einigen ihrer Flanken über sich hinaus und hat neuartige Erkenntnisse, nach denen tatsächlich ein paar außer-universitäre Hähne krähen. Die Uni ist eine garstige Behörde, die jeden zum Bittsteller und Störenfried erniedrigt und auf die Jagd schickt nach Immatrikulationsbescheinigungen, Prüfungsterminen, Sprechstunden, Gutachten, Stipendien, Fördermitteln. Die Vorstellung der Uni als Dorf und idyllisch gelegene Abtei ist so gefühlsduselig wie der Wunsch des Studenten, auf Du mit den Professoren zu sein. Hassenswert sind nicht die Akademiker, welche zu der komplett weltfremden Art gehören wie die Geisteswissenschaftler. Der berühmte, wirklich schusselige, ansonsten aber brillante Dozent mit Toupet ist und bleibt ein seltenes Ereignis, auch wenn Amor nicht gleich mit seinen Pfeilen schießt. Verachtenswert und erbärmlich ist die nörgelnde Professorin, für die Studenten wie Kinder im Hinterhof sind. Nett anzusehen sind sie, aber bald geht das Gekreisch und Gejaule ihr auf die Nerven. Liebenswerte Züge gewinnt die Uni erst, wenn man merkt, wie wunderbar es ist, sich beispielsweise von Walther von der Vogelweides Liedern und Trällereien umgarnen zu lassen, während tausende Mitbürger als postmoderne Bürosklaven malochen. Wundersam ist es und der pure Luxus, den man auskosten muss, bevor andere Zeiten anbrechen. Die Uni ist genau da ein Liebesnest, wo das Studium zum Selbstzweck gerinnt und man allem Haschen nach Wind noch einen Sinn abgewinnen kann.

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