Gesundheit : "Aufschwung Ost": Ohne Wissenschaft keine Weiterentwicklung

Klaus Faber

Annähernd ein Fünftel der deutschen Bevölkerung lebt im Ostteil des Landes. Die neuen Länder verfügen aber nur über rund fünf Prozent der deutschen Wirtschaftskraft und nur über ungefähr zwei Prozent des Forschungspotenzials. Dieses Defizit ist vor allem auf den Zusammenbruch der ostdeutschen Industrieforschung zurückzuführen. Von etwa 86.000 Beschäftigten der industrienahen Forschung in der DDR blieben bis 1997 nur etwa 16.000 übrig. Die Zahlen haben sich seitdem kaum verbessert.

In den früheren Treuhand-Betrieben nahm die Zahl der Arbeitsplätze in der Forschung und Entwicklung schneller ab als im übrigen Bereich. Es gibt dafür einen strukturellen Grund, der auch bei der drastischen Reduzierung der gesamten ostdeutschen Industrieforschung eine wichtige Rolle spielt: Unternehmen, die größere ostdeutsche Betriebe erworben haben, verfügten an ihren Standorten in Westdeutschland oder im westlichen Ausland bereits über Forschungspotenziale. Ganz anders sieht es bei kleineren und mittleren Unternehmen aus: Im Osten erreichen sie meist noch nicht die erforderliche Betriebsgröße oder sind wirtschaftlich noch nicht ausreichend gesichert, um sich eigene Labors leisten zu können. An diesem Dilemma kann die staatliche Förderung kurzfristig nichts ändern.

Dennoch ist eine staatliche Förderung unter gewissen Voraussetzungen durchaus sinnvoll. Die Lücke, die der Zusammenbruch der ostdeutschen Industrieforschung gerissen hat, kann auch nach zehn Jahren nur ein Ausbau der öffentlich finanzierten Hochschulen und Forschungsinstitute schließen. Die Mehrheit der ostdeutschen Länder wird den damit gegebenen Anforderungen nicht in dem gebotenen Umfang gerecht. Nur Sachsen und Berlin schafften es, ungefähr zehn Prozent ihrer Landeshaushalte in die Forschung zu investieren. Alle anderen ostdeutschen Länder - Berlin kann hier nicht in den Vergleich einbezogen werde - geben deutlich weniger aus. Sachsen-Anhalt hatte beispielsweise in seiner zweiten Legislaturperiode von 1994 bis 1998 seinen Haushalt für Wissenschaft kontinuierlich gesteigert. Allerdings bleibt der Anteil unter sechs Prozent. Einen wesentlichen Beitrag leistete dazu die Hochschulbaufinanzierung, in die sich Bund und Länder teilen.

Ein Anteil der Wissenschaftsausgaben von weniger als sechs Prozent des Landeshaushalts gibt dem Land allerdings keine Spitzenposition, weder in Ostdeutschland, noch bundesweit. Die westdeutschen Länder geben in der Regel deutlich mehr Geld für die Wissenschaft aus. Mit Sachsen-Anhalt in der Größenordnung vergleichbare, zum Teil noch kleinere Haushaltsanteile weisen die übrigen ostdeutschen Länder auf. Zu ähnlichen Ergebnissen führt ein Ländervergleich der Pro-Kopf-Ausgaben für Wissenschaft und Forschung.

Handicap Geburtenrückgang

Der Geburtenrückgang ist in den neuen Ländern längerfristig ein Handicap. Bereits heute macht sich jedoch bemerkbar, dass die Abiturientenzahl im Osten zurückbleibt. Der Anteil der Abiturienten pro Jahrgang liegt im Osten bei rund 25 Prozent, in Westdeutschland bei 33 Prozent. Dies trifft noch deutlicher auf die Studentenzahlen zu. Verschärft wird das Problem dadurch, dass in den nächsten Jahren geburtenschwache Jahrgänge, als Folge des "Wendeknicks", die ostdeutschen Schulen besuchen. Deswegen das Ausbauvolumen in der Wissenschaft zu reduzieren, ist allerdings nicht zu rechtfertigen. Denn insgesamt werden im wiedervereinigten Deutschland die Studierendenzahlen weiter steigen. Je mehr Studenten aus dem Westen in den Osten wechseln, um so besser. Notwendig ist deshalb eine verstärkte Werbung für die ostdeutschen Hochschulstandorte. Dies setzt voraus, dass der Ausbau der Hochschulen in den neuen Ländern fortgeführt und abgeschlossen wird.

Sollten die Aufwendungen für die Wissenschaft in der weiteren Entwicklung davon abhängen, dass zunächst die regionalen Schuljahrgangsstärken zurückgehen, dann wäre das vor diesem Hintergrund eine abwegige und schädliche Fehlorientierung. Sie würde die Standortprobleme in Ostdeutschland verstärken und den Schrumpfungsprozess nicht aufhalten, sondern beschleunigen. Die immer noch niedrige Geburtenzahl und der anhaltende Bevölkerungsverlust in vielen ostdeutschen Regionen sind zwei ungünstige Strukturmerkmale. Ein Verzicht auf den weiteren Ausbau der Wissenschaft würde bei einer derartigen Lage die negative Entwicklung noch unterstützen.

Auch ein anderer Faktor hat problematische Auswirkungen. In den ostdeutschen Ländern kommt der Wissenschaftspolitik häufig nicht diejenige Bedeutung zu, die sie eigentlich angesichts des Zusammenbruchs der Industrieforschung haben müsste. Die Bedeutung der Standortfaktoren Bildung, Wissenschaft und Forschung - und damit die Qualifizierung der Menschen - wird vielfach unterschätzt. Ohne ausreichende Investitionen in die Infrastruktur für die ostdeutsche Wissenschaft wird es keinen nachhaltigen "Aufschwung Ost" geben. Ein geeignetes Vorbild gibt hier der Ausbau der westdeutschen Hochschulen und Forschungsinstitute in den von der Krise der Montanindustrie betroffenen Regionen wie Nordrhein-Westfalen oder in den einstigen Argrarländern Bayern und Baden-Württemberg.

Die Wiederherstellung der deutschen Einheit hat auch neue Wege für Innovationsansätze eröffnet. Die in Brandenburg 1991 errichteten Universitäten, die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), die Universität Potsdam und die Brandenburgische Technische Universität in Cottbus, geben Anstöße für die Hochschulentwicklung. Auch andere ostdeutsche Neuerungen im Universitätsbereich oder bei den Fachhochschulen haben die Innovation gefördert. Dafür stehen als Beispiele etwa neue Studiengänge, die engere und gegenüber Westdeutschland intensivere Kooperation zwischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen pflegen. Dafür steht die internationale Ausrichtung der Europa-Universität Frankfurt (Oder) mit einem Anteil von ungefähr 40 Prozent an ausländischen Studierenden. Nicht alle 1990 eröffneten Möglichkeiten wurden allerdings genutzt. Die erforderliche Neuordnung der Personalstruktur und der Hochschulorganisation wird zum Teil erst jetzt eingeleitet, nachdem die schon zur Zeit der Wende reformbedürftigen westdeutschen Strukturen in Ostdeutschland eingeführt worden waren.

"Wer hat, dem wird gegeben"

Die meisten ostdeutschen Länder sind finanzpolitisch überfordert. Neue Bundesprogramme sollten den strukturschwachen Ländern Anreize zur Erhöhung des Engagements geben. Das neue Forschungsförderprogramm InnoRegio des Bundes weist in die richtige Richtung. Es ist ein erster Schritt, wenn er die Gründung gemeinsam finanzierter Wissenschaftszentren zur Folge hätte. Die Förderung darf nicht etwa die zum Teil historisch gewachsenen Ungleichgewichte vertiefen. "Wer hat, dem wird gegeben" - das sollte kein Ziel der Politik sein.

Der Aufbau der ostdeutschen Wissenschaftseinrichtungen liegt im Interesse einer gesamtdeutschen Strukturpolitik. In der politischen Debatte müssen Wissenschaft, Forschung und Innovation als wichtige Standortfaktoren künftig eine größere Rolle spielen. Sollten sich jedoch vorhandene Einstellungen in der Politik, in den Medien, in den Verbänden, aber auch in den ostdeutschen Wissenschaftsinstitutionen nicht ändern, ist keine Besserung in Sicht.

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