Gesundheit : Berlins Wissenschaft tut sich schwer mit Lesben und Schwulen

Tilmann Warnecke

Berlin, die Metropole für Lesben und Schwule – so wirbt die Hauptstadt in der Welt. Bei den Berliner Wissenschaftlern scheint die Botschaft allerdings noch nicht ganz angekommen zu sein, heißt es in einer vor kurzem veröffentlichten Studie des Senats. An den Hochschulen der Stadt sei das Thema Homosexualität in Forschung und Lehre kaum präsent. Berlin, das mit dem sexualwissenschaftlichen Institut von Magnus Hirschfeld um 1900 weltweit Vorreiter bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den verschiedenen sexuellen Orientierungen war, stehe heute im internationalen Vergleich schlecht da. An der renommierten New Yorker City-University gibt es seit 15 Jahren ein großes interdisziplinäres „Center für Lesbian and Gay Studies“.

Der Senat bemängelt insbesondere, dass in der Ausbildung von Lehrern „der Themenbereich gleichgeschlechtlicher Lebensweisen zu wenig Berücksichtigung findet“. Dabei fordern Experten seit langem, dass der Aspekt sexuelle Identitätsbildung ein verbindlicher Bestandteil im Lehramtstudium werden muss. Denn Studien zeigen, dass junge Lesben und Schwule stark darunter leiden, dass Homosexualität in der Schule noch immer ein Tabu ist (vgl. Tsp vom 5.8.2005). In den letzten dreißig Jahren hat sich an den Schulen praktisch nichts verändert. Umfragen belegen auch, dass Lehrer Schwul- und Lesbischsein womöglich deswegen tabuisieren, weil sie nicht wissen, wie sie die heiklen Themen Emotionen und Sex ansprechen sollen.

An den Berliner Unis konnte der Senat nur vereinzelte Arbeiten von Forschern oder Kurse für Studenten finden, die sich mit der Lebenssituation von Lesben und Schwulen beschäftigen. Diese Forschungen entstünden fast ausschließlich aus der Einzelinitiative engagierter Forscher. Für die bedeute es „ein berufliches Risiko, die Ausbildung mit einer solchen Arbeit abzuschließen“, schreibt der Soziologe Rüdiger Lautmann: „Jeder Forscher kompensiert die ,falsche’ Themenwahl mit anderen Forschungsleistungen oder mit der eigenen Heterosexualitität.“ Das verwundere umso mehr, wenn man bedenke, dass inzwischen jede Disziplin alles einst „Natürliche“ in Frage gestellt habe, ergänzt seine Kollegin Ulrike Hänsch. „Nur die normative Heterosexualität bleibt ein wissenschaftlich weitgehend unhinterfragtes Phänomen.“

Immerhin, stellt der Senat fest, habe sich in den letzten Jahren in Berlin durchaus einiges bewegt. Die Humboldt-Uni hat das Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien eingerichtet; an der Charité wird inzwischen sogar das Thema „Transsexualität“ behandelt. Die Freie Universität hat sich jetzt mit einer Graduiertenschule beim Elite-Wettbewerb der deutschen Unis beworben, in der Nachwuchswissenschaftler das Konzept der „Diversity“, also Verschiedenheit, erforschen sollen. Dieser Forschungsansatz kommt aus der Ökonomie. Manager, die ein „Diversity“-Konzept verfolgen, gehen davon aus, dass Firmen von Mitarbeitern profitieren, die Minderheiten angehören – wenn sie die Unterschiede anerkennen und sogar fördern. Die Unis könnten von dem Projekt noch viel lernen.

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