Gesundheit : Der falsche Messias - Sabbatai Zwi schürte Endzeithoffnung

Clemens Wergin

Im Jahre 1665 stand sowohl die europäische als auch die orientalische Judenheit Kopf. Die Kunde von der Ankunft des Messias, die von Gaza in Palästina ausging, verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der damaligen jüdischen Welt. Sabbatai Zwi war sein Name. Er stammte aus Smyrna, dem heutigen Izmir, und hatte sich 1662 in Jerusalem niedergelassen. Eine manisch-depressive Persönlichkeit, der in Phasen der Exaltiertheit und mystischen Verzückung seit den Chmielnitzkischen Judenpogromen von 1648 seine Mission in sich gespürt haben will. Es war sein Prophet Nathan von Gaza, der als erster in ihm den Messias erblickte und die Botschaft in alle Welt verbreitete.

Die aus Spanien und Portugal vertriebenen - daher "Sepharden" genannten - Juden hatten die besten Kontakte in den Mittelmeerraum und damit auch zu den Nachrichten um den neuen Messias. In Hamburg, der einzigen deutschen Stadt mit sephardischer Gemeinde, riss man sich um Neuigkeiten von Sabbatai Zwi. Glückel von Hameln, jüdische Kauffrau in Hamburg, berichtet davon in ihren Memoiren: "Die meisten Briefe haben die Sephardim bekommen. Dann sind sie allezeit mit ihnen in ihr Bethaus gegangen und haben sie dort gelesen und Deutsche (Juden) jung und alt sind auch in ihre Synagoge gegangen. So sind sie alle mit Pauken und Tanz in ihr Bethaus gegangen und haben mit Freude (...) die Briefe gelesen."

Zwar hatte es seit Jesus von Nazareth viele Messiasprätendenten im Judentum gegeben. Nie hatte einer allerdings über den regionalen Rahmen hinaus Beachtung gefunden. Bei Sabbatai Zwi war dies anders. Die Jahrhunderte der Unterdrückung explodierten in einer beispiellosen Euphorie. "Einige haben all das Ihrige verkauft, Haus und Hof, und haben als gehofft, dass sie jeden Tag sollen erlöst werden", erzählt Glückel. Ihr eigener Schwiegervater hat sein Hab und Gut in Hameln verkauft und den Verwandten nach Hamburg eingelegten Proviant geschickt. "Denn", so Glückel, "der gute Mann hat gedacht, man wird einfach von Hamburg nach dem heiligen Land fahren."

Im September 1666 brach diese Erlösungshoffnung jäh in sich zusammen. Sabbatai Zwi wurde in Adrianopel vor den türkischen Sultan gebracht, der ihn vor die Wahl stellte, als Märtyrer zu sterben oder zum Islam überzutreten. Der Messias konvertierte. Trotzdem war auch jetzt ein Teil der Anhänger bereit, den Übertritt des Messias als göttlichen Plan zur Erlösung der Welt zu akzeptieren. Während die orthodoxen Rabbiner versuchten, die Scherben zusammenzukehren und die Sabbatianer mit dem Bann zu belegen, ging ein Teil der Bewegung in den Untergrund. Auf jüdisch-mystischen Lehren aufbauend, erdachten sie die Lehre von der "Erlösung durch Sünde", schrieb der Judaist Gershom Sholem.

Bis ins 19. Jahrhundert lassen sich die Spuren der Krypto-Sabbatianer verfolgen. Teilweise fantastische Berichte über wilde Orgien und willentliche Gesetzesübertretungen sind überliefert. Das Judentum und die jüdische Orthodoxie in Deutschland sollten lange unter den Folgen der mystische Euphorie unter den Gläubigen zu leiden haben. Die enormen Gefühle, die der Sabbatianismus frei zu legen vermochte, rührten daher, so Scholem, dass das Judentum "die Spannung zwischen Exil und Erlösung am weitesten entwickelt hatte". Irgendwann musste der entscheidende Schritt von einem vorgestellten zu einem praktischen Messianismus gewagt werden. Glückel von Hameln hat dies so formuliert: "Wir haben gehofft wie eine Frau, die auf dem Gebärstuhl sitzt und mit großen Schmerzen ihren Wehtag verbringt und meint, nach all ihrem Schmerz wird sie mit ihrem Kind erfreut werden. Aber nach all ihrem Schmerz kommt nichts anderes, als dass sie einen Wind gehört."

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