Gesundheit : Eine Nomadin in Paris

Barbara Ischinger, ehemals Vizepräsidentin der Humboldt-Uni, stellt nun weltweit Pisa-Studien vor

Amory Burchard

Als Barbara Ischinger, Bildungsdirektorin der OECD, vor wenigen Tagen in Berlin die neuesten Ergebnisse der Pisa-Studie vorstellte, hatte sie keine einfache Mission. Die erste Deutsche auf dem wichtigen Posten in Paris – im November trat die ehemalige Vizepräsidentin der Humboldt-Universität dort an – musste katastrophale Ergebnisse für ihr Heimatland bekannt geben: In keinem anderen Industriestaat haben Migranten so schlechte Bildungschancen wie in Deutschland.

Sie sei trotzdem „positiv und optimistisch gestimmt“ nach Paris zurückgekehrt, versichert Ischinger. Die Politiker, mit denen sie die Ergebnisse diskutierte – darunter Bundesbildungsministerin Annette Schavan und Berlins Bildungssenator Klaus Böger – hätten den Eindruck vermittelt: „Jetzt wird etwas angepackt.“

Als „die Deutsche“ im Pariser Hauptquartier der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sieht sich Barbara Ischinger ohnehin nicht. Wenn sie morgen nach Australien fliegt und gleich darauf nach Mexiko, um dort die Ergebnisse der Pisa-Migranten-Auswertung vorzustellen, agiere sie als „internationale Fachfrau“, die sich in jedes Land eindenken kann. Die 57-jährige Ischinger hat Übung darin: Vor ihrem Engagement an der Humboldt-Universität als Vizepräsidentin für Internationales und Kommunikation war sie von 1994 bis 2000 bei der Fulbright Kommission Direktorin für den Bildungsaustausch zwischen den USA und Deutschland, davor drei Jahre lang bei der Unesco Direktorin für kulturelle Kooperation.

Sie liebe dieses Nomadendasein, sagt Ischinger, und zwar von Kindheit an. Die Diplomatentochter wurde in Frankfurt am Main geboren und wuchs in Luxemburg, Brüssel, Mailand und Westafrika auf. Durch die Erfahrung, als Kind ständig neue Sprachen lernen und in neuen Schulen zurechtkommen zu müssen, fühle sie sich den Kindern der Zuwanderer besonders verbunden, sagt Ischinger. Sie hatte in Berlin die zu frühe Aufteilung auf verschiedene Schularten kritisiert.

Die vielen Sprachen wollte Ischinger indes nicht missen. Sie studierte Romanistik, Afrikanistik und Geschichte in Tübingen, Heidelberg und Perugia. Habilitiert an der Uni Köln, lehrt sie dort bis heute Afrikanistik, in Blockseminaren, zu denen sie aus Paris einfliegt.

Im Flugzeug saß Barbara Ischinger auch, als sie im vergangenen Jahr im „Economist“ eine Ausschreibung für den OECD-Posten sah – und damit eine Chance, neu durchzustarten. An der Humboldt-Uni war bereits klar, dass ihre Vizepräsidentschaft den Sparzwängen geopfert werden sollte. Damals im Flieger habe sie sich ein Glas Champagner bestellt und sich gesagt: „Den Job will ich haben.“ Blick zurück im Zorn nach Berlin? Überhaupt nicht, betont Ischinger. Ihre Arbeit an der HU betrachte sie als „abgeschlossen“ – unter anderem mit der Gründung von Verbindungsbüros in Moskau und New York.

Jetzt will sie ihre Erfahrungen als Hochschulmanagerin bei der OECD einsetzen. Für Ende Juni hat sie die Bildungs- und Wissenschaftsminister der Mitgliedsstaaten zur ersten OECD-Hochschulkonferenz nach Athen eingeladen. Und für 2007 plant die Afrikanistin Ischinger ein weltweites Bildungsforum – in Afrika.

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