Gesundheit : Ferdinand Sauerbruch: Halbgott mit Widersprüchen

Klaus Brath

Als die Ärzte noch "Halbgötter in Weiß" waren, galt Ferdinand Sauerbruch als Ideal des Arztes schlechthin. Heute, 50 Jahre nach seinem Tod am 2. Juli 1951, ist das Bild vom weltberühmten gütigen Chirurgie-Pionier ins Wanken geraten. Kaum ein anderer Großer der Medizin spiegelt so facettenreich die Kultur- und Zeitgeschichte eines ganzen Jahrhunderts, bei kaum einem liegen aber auch Licht und Schatten derart eng beieinander - medizinisch, menschlich, politisch.

Unbestritten bleiben Sauerbruchs chirurgische Glanztaten: Die von ihm erfundene Handprothese für Kriegsversehrte des Ersten Weltkriegs, die erste gelungene Operation eines Herzaneurysmas - Meilensteine der Medizingeschichte. Sauerbruchs größter Coup: Durch das von ihm erfundene Druckdifferenzverfahren wurden erstmals Operationen am offenen Brustraum möglich.

So bahnbrechend die Verdienste auch sind - selbst auf ureigenstem Terrain blieb "eine der großen chirurgischen Gestalten des 20. Jahrhunderts" (Chirurgenkollege Sir Gordon Taylor) nicht von gravierenden Fehleinschätzungen verschont. Im Wahn befangen, die Einheit der Chirurgie erhalten zu müssen, sperrte sich Sauerbruch gegen die Emanzipation inzwischen abgespaltener Spezialdisziplinen. Und er verkannte künftige Medizin-Nobelpreisträger: Werner Forssmanns Selbstversuch der Herzkatheterisierung kanzelte er als Zirkusnummer ab; Gerhard Domagk, den Begründer der Sulfonamid-Therapie, titulierte er als "Trottel".

Sauerbruchs menschliche Qualitäten - ein Kapitel für sich. Entweder liebte man den Herrn Geheimrat innig oder man fürchtete ihn - dazwischen gab es nichts. "Charakter und Courage" bescheinigte ihm etwa der Kollege Paul Rosenstein, andere bewunderten Einsatzbereitschaft, Rhetorik und Charme. Kaum einer auch, der nicht Sauerbruchs hohes Ethos und sein Mitgefühl rühmte - egal ob der Kranke mittellos war oder Reichspräsident Hindenburg.

Doch forderte Sauerbruch Immenses nicht nur von sich selbst, sondern auch von anderen. Dabei schoss er, eitel wie eine Primadonna und gesegnet mit der Gabe zum theatralischen Gefühlsausbruch, weit über das Ziel hinaus. "Seine bloße Gegenwart", erinnerte sich Sauerbruchs Mitarbeiterin Else Knake, "versetzte seine ganze Umgebung in einen elektrischen Zustand erhöhter Aufmerksamkeit und Arbeitsbereitschaft."

Sauerbruchs Leben begann und endete in einfachen Verhältnissen. Geboren 1875 im westfälischen Barmen starb sein Vater, ein Webereiangestellter, als Ferdinand zwei Jahre alt war. In der Schule einmal sitzengeblieben und eher zufällig zum Medizinstudium gekommen, gelangte der chirurgische Genius schließlich als Professor an die ersten Adressen seiner Zunft: Zürich, München, schließlich 1927 der Ruf an die Charité in Berlin. Dort operierte Sauerbruch bis in die letzten Kriegstage und noch während der Berliner Blockade - bis zur Tragödie: 1949 musste die damals 74jährige Ikone der Chirurgie nach massivem Druck auch von Freunden an der Charité aus gesundheitlichen Gründen abdanken. Deutschlands berühmtester Arzt war durch seine Zerebralsklerose selbst zum Risiko geworden.

Extreme und Widersprüche, die sich erst recht in Sauerbruchs Verhältnis zum Nationalsozialismus manifestieren. Noch immer ist die Mär vom "Widerstandskämpfer" Sauerbruch verbreitet. Die neuere Forschung vermittelt ein ambivalentes Bild. Einerseits trat Sauerbruch weder in die NSDAP ein noch war er Antisemit. Im Gegenteil: er hielt bis zuletzt zu jüdischen Freunden wie Max Liebermann und half vielen anderen Gefährdeten des NS-Regimes. Andererseits bekannte sich der glühende Patriot im September 1933 in einem offenen Brief an die Ärzteschaft der Welt zur "Wiedergeburt unseres unwürdig behandelten und zurückgesetzten Volkes" und rechtfertigte die "harte(n) Maßnahmen und schwere(n) Eingriffe, die jede revolutionäre Tat begleiten"

Zwar warnte Sauerbruch im Januar 1937, Adolf Hitler, den Sauerbruch spätestens seit 1920 persönlich kannte, könne "der verrückteste Kriminelle" werden, den die Welt jemals gesehen habe. Doch noch im selben Jahr ließ er sich den von Hitler an Stelle des verfemten Nobelpreises neu geschaffenen "Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft" verleihen. Als einer der wenigen Berliner Professoren protestierte Sauerbruch im Sommer 1940 gegen das Euthanasie-Mordprogramm. Als jedoch im Mai 1943 auf einer militärärztlichen Tagung in Berlin sein Schüler Karl Gebhardt über qualvolle Menschenversuche im Frauen-KZ Ravensbrück referierte, widersprach Sauerbruch nicht. Als Gutachter des Reichsforschungsrats gab Sauerbruch 1943/44 auch die Zustimmung für Experimente Josef Mengeles in Auschwitz. Zur selben Zeit hielt Sauerbruch, dessen Sohn Peter mit Schenk Graf von Stauffenberg verbunden war, flüchtige Kontakte zu Offizieren des Widerstands. Doch er blieb für das NS-System, so sehr er sich von diesem innerlich auch entfernt haben mochte, bis zuletzt verfügbar.

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