Gesundheit : Gerhard Fischer: Begegnung zweier Kulturen

Uwe Schlicht

Der Herausforderer kommt aus Amerika. Professor Gerhard Fischer bringt von dort die Einschätzung mit, "an den deutschen Universitäten ist der Wille zur Veränderung schwach", eine Identifikation der Studenten und Professoren mit ihrer Universität "ist kaum erkennbar". Hinzu kommt die Unterfinanzierung der Hochschulen. Aber dennoch bekannte sich Fischer zu seiner Lebensmaxime: Wenn er vor der Frage stehe, ob das Glas halb voll oder halb leer sei, bekenne er sich immer dazu, dass "das Glas halb voll ist". Mit diesem optimistischen Ansatz will er als Präsident die Humboldt-Universität gestalten: "Wenn ich etwas Neues beginnen will und erst lange überlege, was alles dagegen steht, dann kann ich gar nicht erst beginnen".

In dem künftig zu erwartenden Zusammenspiel von öffentlichen und privaten Universitäten, aber auch bei der Entwicklung zur virtuellen Universität "soll die Humboldt-Universität eine führende Rolle spielen". Auf keinen Fall dürfe es dazu kommen, dass die privaten Universitäten sich die Rosinen holten und die öffentlich finanzierten die unprofitablen Bereiche behalten. Schulen und Hochschulen ans Netz - das sei erst der Anfang. Danach müsse ein neues Konzept des Lernens entwickelt werden - vor allem des aktiven Selbstlernens. Der Frontalvorlesung vom Katheder vor 500 Hörern gibt Fischer keine große Zukunft mehr. "Neue Fächer zu gründen, ist die wesentliche Existenzberechtigung der Universität. Wir müssen uns intellektuell zu Vorreitern der Entwicklung machen, statt nur passiv auf Entwicklungen von außen zu reagieren."

Klar bekannte sich Fischer dazu, dass das mit herausragenden Persönlichkeiten besetzte Kuratorium und der Präsident neue Ideen in die Universität bringen müssten. "Zur Universität des 21. Jahrhunderts gehört Risikobereitschaft." Fischer will besonders auf die Grenzbereiche zwischen den Disziplinen achten, von denen am ehesten Anregungen für neue Forschungen und Studiengänge zu erwarten seien.

Eine bloße Übertragung amerikanischer Modelle mit dem Bachelor und Master auf Deutschland wünscht sich Fischer nicht. Er kennt, weil er in Deutschland promoviert und habilitiert hat, auch die Vorteile und hiesigen Traditionen. Wenn man lediglich aus Gründen der Kostenersparnis kürzere Studienzeiten anstrebt, ist das für ihn nicht sehr interessant. Längere Studienzeiten, die wirklich zum intensiven Wissenserwerb genutzt werden, seien angesichts der Wissensexplosion durchaus sinnvoll.

Den Umzug der Naturwissenschaften von Mitte nach Adlershof bezeichnete Fischer als die zentrale Herausforderung für die HU. Es könne nicht bei neuen Bauvorhaben oder Hochglanzprospekten bleiben. Adlershof möchte Fischer als eine intellektuelle Herausforderung auf folgenden Feldern sehen: in der mediengestützten Technologie, in einer neuen Kooperation mit der Wirtschaft ohne Berührungsängste und in einer Verbindung mit der Medizin und den Geisteswissenschaften im Bezirk Mitte. "Der Bildungsauftrag einer Universität geht über die Ausbildung von so gennanten Fachidioten hinaus" - das werde in den USA immer stärker erkannt und deswegen bekämen die Geisteswissenschaften stärkeres Gewicht.

Fischer hat sich in der kurzen Zeit seit dem 14. Januar, dem Tag der Nominierung für die Präsidentenwahl, an der HU umgesehen: Er war bei der Landwirtschaftlichen Fakultät, in der Charité, in Adlershof. Auf die Frage, wie er sich in die Berliner Verhältnisse und die politische Szene einarbeiten wolle, entgegnete er optimistisch: "Wer von Außen an die Humboldt-Universität kommt, hat Nachholbedarf bei dem Erwerben von Binnenkenntnissen, aber er hat die Chance, business as usual nicht weiterzuführen." Seine Vertrautheit mit der deutschen und amerikanischen Kultur bezeichnete er als eine "Quelle der Kreativität".

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