Gesundheit : "Germanisten Mut machen" - Studierende verkauften die Früchte ihrer Seminararbeit an einen Verlag

Tilmann Warnecke

Doktorarbeiten enden für den wissenschaftlichen Nachwuchs oft im Frust. Dann muss nämlich ein Verlag für das gute Stück gefunden werden, und das kostet Zeit und vor allem Geld, denn die Druckkosten zahlen viele aus eigener Tasche. Vierzehn Germanistik-Studenten der FU haben gezeigt, dass es auch anders geht. Sie veröffentlichten die Ergebnisse eines Hauptseminars zum Schriftsteller Arno Schmidt in Buchform - was als einfache Hausarbeit geplant war, liegt jetzt in Buchhandlungen aus. "Alles=gewendet!" heisst der Band.

Das bezieht sich nicht nur auf die eigenwillige Orthographie des Titels. "Das Buch soll anderen Studenten Mut machen. Es zeigt, was in den Literaturwissenschaften alles erreicht werden kann, wenn man Lust und Zeit in ein Projekt investiert", sagt Carsten Würmann. Als Herausgeber des Bandes hat er die Beiträge seiner Kommilitonen für die Endfassung bearbeitet und das Vorwort geschrieben. Bei einem Hauptseminar vor zwei Jahren, das Arno Schmidts letztes Werk "Die Schule der Atheisten" zum Thema hatte, bemerkten Würmann und seine Mitstreiter, dass die Literaturwissenschaft bisher einen großen Bogen um das Buch geschlagen hatte. Dem wollten die Studierenden ein Ende bereiten.

"Ein sehr seltsames Buch", urteilt Student Mark Georg Dehrmann über die "Schule der Atheisten". In seinem 1971 erschienenen Werk schildert Schmidt, bekannt geworden durch seine scharfe Kritik an den bundesrepublikanischen Verhältnissen der fünfziger Jahre, wie ein einsamer Vorkämpfer im Jahr 2014 im dithmarschen Tellingstedt versucht, die Reste des Weltkulturerbes gegen die Vetreter einer hypothetischen Weltregierung zu verteidigen.

"Kalauer und obszöne Anspielungen muss man schon mögen", meint Ansgar Warner, der das Verhältnis von Schmidt zu Shakespeare analysierte und die Frage bearbeitete, ob Schmidt als früher Autor von Hypertexten gesehen werden kann. "Schmidt ist ein Autor für Männer", sagt Cordula Henning von Lange, eine von zwei Studentinnen, die am Buch mitschrieben. "Er zeigt Frauen in sehr sexualisierten Posen, und daran könnten sich viele Frauen stoßen."

Einen Verlag für ihr Vorhaben fanden die Studenten - im Gegensatz zu manchen Doktoranden - schnell. Ihr Professor, selber Schmidt-Experte, gab den Tipp, es beim Bielefelder Aisthesis Verlag zu versuchen, der sich auf den Autor spezialisiert hat. Der Verlag war über das Füllen der Forschungslücke begeistert. Die Zusammenarbeit gestaltete sich unproblematisch, denn die Studenten hatten ihr Projekt gründlich vorbereitet. Allein die Zitierweise des Verlages sei "sehr absurd", berichtet Weber. "Wir mussten den gesamten Fußnotenapparat neu schreiben." Trotz der Sisyphosarbeit habe sich das Schreiben für ein größeres Publikum gelohnt. "Es war nicht viel schwieriger als bei einer Hausarbeit, hat aber viel mehr Spass gemacht. Das sollte im Studium viel öfter geschehen", glaubt Warner.

Mit der Erfahrung des Schmidt-Projekts im Rücken hat er inzwischen weitere Artikel für mehrere Fachzeitschriften geschrieben und will bald mit seiner Doktorarbeit beginnen - zum Frühwerk des Autors. Auch Würmann sitzt bereits an seiner nächsten Veröffentlichung. Beim Verlag ist man zuversichtlich, die Startauflage von 1500 Büchern absetzen zu können. "Die Fangemeinde Schmidts ist seit Jahren konstant", meint auch Horst Denkler, der betreuende Professor, und hofft auf einen Erfolg seiner Studenten. Finanziell würde sich das Projekt dann von alleine tragen. Zwei Exemplare sind auf alle Fälle schon weg, denn die landeten in der Unibibliothek. Denkler: "Wir rechnen natürlich damit, dass bei diesem Thema ein Band innerhalb weniger Tage gestohlen wird. Das betrachten wir dann als besondere Auszeichnung."Das Buch "Alles=gewendet!", Hrsg. Carsten Würmann/Horst Denkler, ist im Aisthesis Verlag erschienen und kostet 58 Mark. Informationen im Internet unter http://userpage.fu-berlin.de/~ansgarw/schmidt/SdAEins.html .

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