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Gesundheit : In der Schwäche liegt die Kraft

27.11.2011 16:43 Uhrvon
Bücherwurm. Frauke Bergemann hat ein Buch über ihre Legasthenie geschrieben. Die hält sie für einen Gewinn, der ihr als Erwachsene im Alltag eher helfe als schade. Foto: Paul ZinkenBild vergrößern
Bücherwurm. Frauke Bergemann hat ein Buch über ihre Legasthenie geschrieben. Die hält sie für einen Gewinn, der ihr als Erwachsene im Alltag eher helfe als schade. Foto: Paul...

Für manche bleibt Rechtschreibung ein Rätsel. Man müsse Legasthenie früh therapieren, sagen Psychiater. Eine Legasthenikerin hält den Nachteil dagegen für eine Chance. Darüber hat sie ein Buch geschrieben.

Betritt man die Neubauwohnung von Frauke Bergemann in Prenzlauer Berg, fällt zuerst die große Bücherwand ins Auge. „Ich habe schon immer gern und viel gelesen“, sagt sie. Frauke Bergemann ist Grafikerin und Fotografin, sie hat unter anderem eine Fotoserie über die ehemaligen Lungenheilstätten in Beelitz veröffentlicht. Seit kurzem ist sie auch Autorin - im Juni hat sie ihr Buch „Wieviel legasthe.nie steckt in jedem von uns? Vom Glück vielfältiger Möglichkeiten“ veröffentlicht.

Frauke Bergemann ist Legasthenikerin. „In der Schule hatte ich häufig mit Rechtschreibproblemen zu kämpfen“, erzählt sie. „Doch das ist mehrere Jahrzehnte her, daher wurde ich zum Glück nicht als Legasthenikerin stigmatisiert und zu therapieren versucht.

“ Denn für sie ist Legasthenie keine Schwäche oder Störung, sondern ein Gewinn. Die Andersartigkeit würde zugleich besondere Begabungen mit sich bringen: kreative Talente wie Zeichnen, Fotografieren oder Tanz, eine bessere mehrdimensionale Raumorientierung sowie eine größere Lebendigkeit und Flexibilität im Denken. „Meine Legasthenie hilft mir als Erwachsene eher, als dass sie mir schadet“, schreibt sie.

Ihre Hauptthese: Die allzu strenge Fokussierung auf das Lernen korrekter Schreibung unterdrücke andere Ausdrucks- und Kommunikationsmöglichkeiten und lasse sie verkümmern. „Kinder können sich auch durch Malen, Erzählen, Musik oder Tanz ausdrücken“, so Bergemann. Im Erwachsenen- und Berufsleben würden dann Computerprogramme helfen können, orthographische Defizite auszugleichen.

Daher fordert sie einen Verzicht auf die Priorität der Rechtschreibung und eine pädagogische Förderung aller Begabungen – und aller Kinder. „Was wir für die Zukunft brauchen, sind Visionen, Lebendigkeit und Flexibilität“, sagt Bergemann. Kronzeugen für ihre These von der besonderen kreativen Begabung legasthener Menschen sind für sie unter anderem Leonardo da Vinci, Albert Einstein oder John Lennon – alles Legastheniker.

Für Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in München ist das kein Argument. „Sicher entwickeln manche Betroffene bei entsprechender Begabung kreative und berufliche Alternativen für sich“, so Schulte-Körne. Doch würden zahlreiche erwachsene Legastheniker in seine psychotherapeutische Ambulanz kommen, weil sie einfach nicht mehr weiter können. „Einige vermögen ihre Defizite vielleicht gut zu kompensieren, doch vielen gelingt das nicht. Im schlimmsten Fall verzweifeln und vereinsamen sie“, sagt Schulte-Körne. Mit einer echten Lese- und Rechtschreibstörung sei einem Menschen die Teilhabe am normalen beruflichen und sozialen Leben deutlich verwehrt. Von Schulte-Körne stammt auch das „Marburger Rechtschreibtraining“, ein orthographiebasiertes und deutschlandweit anerkanntes Regeltraining, das orthographische Fehler um bis zu 85 Prozent minimieren hilft.

Denn was Bergemann ebenfalls kritisiert, nämlich dass viele Lehrer nicht gut genug ausgebildet seien, um Schülern die Logik und Regelhaftigkeit der deutschen Schriftsprache zu vermitteln, beklagen auch viele Experten. „Bei manchen Lehrern hapert es in diesem Punkt sehr und sie wissen leider auch viel zu wenig über Legasthenie“, sagt Maike Hülsmann. Die Lerntherapeutin vom Legasthenie-Zentrum Schöneberg führt an der Schöneberger Finow-Grundschule ein Pilotprojekt durch, bei dem anders als sonst das Förderprogramm direkt in der Schule stattfindet. „Der ständige Austausch zwischen Lehrern und Therapeuten ist sehr wichtig“, sagt Hülsmann, die das Projekt kürzlich bei „Therapie. Macht. Schule“, der 16. Fachtagung des Legasthenie-Zentrums Berlin, vorgestellt hat.

Auch Hülsmann hält nichts davon, Rechtschreibung in der Schule künftig weniger wichtig zu nehmen. „Ohne Therapie kann Legasthenie bis zu komplettem Schulversagen führen“, sagt sie. Allerdings unterstützt sie das noch recht junge Konzept, Berliner Schüler in den ersten zwei Schuljahren nach Gehör schreiben zu lassen, ohne Noten in Rechtschreibung zu vergeben.

Das wiederum hält Gerd Schulte-Körne für eine „absolute pädagogische Fehlentwicklung“: Das Konzept ignoriere die wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahre, nach denen Orthographie das grundlegende Prinzip für den Schriftspracherwerb ist, kritisiert er. So unmöglich es derzeit noch ist, die genauen Ursachen für Legasthenie zu verstehen – Wissenschaftler gehen von einer genetischen Komponente aus, aber auch von der großen Bedeutung der phonologischen Bewusstheit, also der Fähigkeit, Sprachlaute zu analysieren – so kompliziert ist auch die Diagnose dieser „Teilleistungsstörung“, wie man sie auch nennt. Anders als es Bergemann postuliert, sind sich die Experten einig, dass die Chancen auf Kompensation umso größer sind, je früher eine Störung richtig erkannt und therapiert wird. Generell positiv sehen sie aber ihren Hinweis auf die vielfältigen Begabungen von Kindern. „Von einer eigenen möglicherweise nur leichten Rechtschreibschwäche darf man aber dennoch nicht auf die Problematik der echten Legasthenie schließen“, sagt Angela Heine, Psychologin an der FU Berlin. Von dieser „echten Legasthenie“ seien gut fünf Prozent aller Menschen in Deutschland betroffen. Sie würden nicht einfach „Mutta“ anstelle von „Mutter“ schreiben, sondern zum Beispiel „Bo“ statt „Mama“. Nicht lauttreu schreiben zu können, sei die größte Schwierigkeit, erklärt Heine.

Um betroffenen Kindern und Erwachsenen im Dickicht der zahllosen, bei weitem nicht nur seriösen Förderangebote mit eine akkuraten Diagnose helfen zu können, wurde an der FU das „Zentrum für Förderung und Begabung“ eingerichtet. Dort findet auch eine umfassende Beratung über Therapiemöglichkeiten statt. Eine weitere kompetente Quelle für seriöse Fördereinrichtungen ist der Landesverband Legasthenie und Dyskalkulie Berlin. „Nicht die frühzeitige Förderung wirkt stigmatisierend“, betont Heine. Erst deren Versäumnis würde in lebenslange Kämpfe und Versagensgefühle münden.

 Weiter Informationen im Internet  unter www.ewi-psy.fu-berlin.de/zfb und www.lvl-berlin.de

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